Griese fordert Generationen-Mix in Betrieben

Moderation: Hanns Ostermann · 17.01.2007
Für Kerstin Griese ist es ein Skandal, dass die Hälfte der Betriebe in Deutschland Arbeitslose über 50 nicht beschäftigen wollen. Dadurch gehe eine "große Menge an wichtigen Erfahrungen und Wissen" verloren, sagte die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Hanns Ostermann: Die Ausgangsposition ist klar: Unsere Gesellschaft altert, immer weniger Junge stehen immer mehr Ältere gegenüber, denen aber fehlt nicht selten die Arbeit. Das Problem beschrieb Franz Müntefering, der zuständige Minister, einmal so: Wir leben zum Glück immer länger, arbeiten aber immer kürzer. Nur 45 Prozent der über 55-Jährigen sind noch berufstätig, der Rest fühlt sich als altes Eisen. Keine Gesellschaft kann sich das leisten, weder ökonomisch noch menschlich. Und so ist Rat gefragt, Rat, den sich heute der Bundestagsausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend holen will. Vorsitzende ist hier Kerstin Griese von der SPD. Guten Morgen, Frau Griese!

Kerstin Griese: Guten Morgen, Herr Ostermann!

Ostermann: Die demografische Zeitbombe einer überalterten Gesellschaft tickt, sie explodiert im Jahr 2030 und führt zum Aufstand der Alten, der Dreiteiler im ZDF, der gestern Abend begann, er sorgt für Aufsehen. Wie viel Wahrheit steckt in dieser Fiktion?

Griese: Ich glaube, dass es ein ganz falscher Ansatz ist, ein Horrorszenario zu zeichnen, und wir beschäftigen uns ja im Bundestagsausschuss, der dafür zuständig ist, mit einem ganz anderen Bild vom Altern, nämlich mit den Potenzialen des Alterns in Wirtschaft und Gesellschaft. Wir wollen, und das schlagen uns auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesem Bericht vor, ein neues Leitbild, das produktive Alter, das Alter auch mal positiv sehen, und Sie haben schon Franz Müntefering zitiert, der davon gesprochen hat, wie schön es ist, dass wir alle immer älter werden, er selbst ist ja gestern 67 Jahre alt geworden, und wir wollen schauen, welche Chancen und Potenziale stecken in diesem demokratischen Wandel.

Ostermann: Welche Chancen stecken denn in diesem demografischen Wandel, wie Sie es gesagt haben?

Griese: Na ja, wir sind alle immer länger fit, das heißt, wir können auch tatsächlich immer länger arbeiten. Eine politische Konsequenz ist ja daher die Rente mit 67, wenn wir auch sehr langsam und schrittweise anheben werden. Es stecken Potenziale darin, weil immer mehr Menschen sich auch im Alter noch engagieren, ehrenamtlich engagieren, sozial engagieren, ganz wichtig, auch in der Familie, in familiären Netzwerken engagieren, sich um ihre Enkelkinder kümmern, und wir wollen von politischer Seite aus schauen, was können wir tun, um dieses Engagement zu unterstützen und zu fördern, zum Beispiel durch generationsübergreifendes freiwilliges Engagement. Ein zweiter wichtiger Aspekt: Ältere Menschen sind auch immer wichtigere Konsumenten, das heißt, es gibt auch inzwischen ein richtigen Wirtschaftsfaktor Seniorenwirtschaft, immer mehr Produkte für Ältere, im Bereich des Tourismus sind sie eine ganz wichtige Zielgruppe, das heißt, es geht auch um ökonomische Chancen. Uns geht es darum, nicht mehr das Horrorszenario Alter zu zeichnen, sondern positiv altern und ein positives Altersbild zu entwickeln.

Ostermann: Na ja, es gibt die Initiative 50 plus, die älteren Arbeitnehmern die Rückkehr in den Beruf erleichtern will. Das ist ja ein Ansatz, aber was nützt Älteren das, was Sie gerade genannt haben, wenn sie arbeiten möchten, aber nicht arbeiten können?

Griese: Genau deshalb ist diese Initiative 50 plus so wichtig, denn es geht um zwei Dinge, zum einen diejenigen, die über 50 sind, tatsächlich im Beruf zu halten, und deshalb legt der Altenbericht, der aus der Wissenschaft für die Bundesregierung erarbeitet wurde, ganz großen Wert auf Weiterbildung, auf lebenslange Weiterbildung, darauf, dass man viel mehr tun muss, damit in den Unternehmen und Betrieben auch Menschen über 40, 50, noch weitergebildet werden, das gibt es nämlich viel zu wenig, also dass Menschen über 50 im Job bleiben können. Der zweite wichtige Aspekt ist, dass Menschen über 50, die arbeitslos sind, auch wieder zurückkehren können. Ich scheue mich immer ein bisschen davor, bei über 50 von Alter zu sprechen, aber in der Tat ist auf dem Arbeitsmarkt diese Situation. Ich halte es für einen absoluten Skandal, dass die Hälfte der Betriebe in Deutschland niemanden mehr beschäftigen wollen, der älter als 50 Jahre ist. Da geht eine ganz große Menge an wichtigen Erfahrungen, an Wissen verloren, und das ist das, was wir brauchen, und was übrigens auch erwiesenermaßen ein positiver ökonomischer Faktor ist, ist ein Mix der Generationen in den Unternehmen und Betrieben, die Älteren, die mehr Erfahrung haben, die Jüngeren, die auch neue Ideen einbringen können, und eben eine ganz wichtige polische Konsequenz aus dem Altenbericht, mehr investieren in die Weiterbildung.

Ostermann: Frau Griese, mich müssen Sie davon nicht überzeugen, aber den einen oder anderen Arbeitgeber. Wie dick ist dieses Brett, das sie da bohren müssen bei den Arbeitgebern?

Griese: In der Tat ist es sehr dick, weil wir anscheinend ein Bild vom Alter haben, und ich befürchte, dass solche Filme wie der von gestern Abend das auch noch verstärken, ein Bild vom Alter haben, das eben eher das Negative in den Mittelpunkt stellt, und deshalb wollen wir auch einen anderen Weg gehen. Wir versuchen zum Beispiel von Seiten der Bundespolitik, auch der Regierung, Unternehmen besonders zu würdigen oder auszuzeichnen, die sich darum bemühen, Ältere oder über 50-Jährige zu beschäftigen. Das ist ganz interessant, denn die meisten machen damit sehr positive Erfahrungen. Gerade wenn die Konsumenten, Käufer oder die Zielgruppe, um die es geht, auch immer älter wird, ist es wichtig, dass sie auch Ansprechpartner haben, die in ihrem Alter sind oder zumindest älter sind. Ich sage mal ein ganz praktisches Beispiel: Wenn jemand sich neue Kleidung kauft und ausschließlich von 18-Jährigen beraten wird, kommt er sich wahrscheinlich auch mal komisch vor. Ich glaube, und ich will mich genauso für Jugendpolitik engagieren, ich glaube, wir brauchen einen vernünftigen Mix der Generationen in der Arbeitswelt, im freiwilligen Engagement, auch in der Kultur. Wir brauchen eine Solidarität der Generationen und keine Horrorszenarien, die die Ängste gegeneinander schüren.

Ostermann: Sie haben die Fort- und Weiterbildung angesprochen. Da fordern die Arbeitgeber einen stärkeren Eigenbeitrag. Zu Recht?

Griese: Ich glaube nicht, denn wir müssen sehen, dass die Weiterbildung ja immer etwas ist, was den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern gleichermaßen nützt, das heißt, für die Arbeitgeber bedeuten gut qualifizierte, weitergebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch immer ökonomischen Gewinn und auch immer einen besseren Standard in ihrem Unternehmen. Deshalb ist das eigentlich eine, wie man Neudeutsch sagen würde, Win-Win-Situation für beide Seiten, wenn man mehr in Weiterbildung investiert, und es trägt eben dazu bei, dass ältere Menschen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben.

Ostermann: Die heutige Anhörung Ihres Ausschusses kann ja nur der Anfang eines Prozesses sein. Wohin soll der letztlich führen?

Griese: Er soll da hinführen, dass wir sehen, dass die Zunahme an Kompetenz, an Jahren, die Zunahme an Gesundheit, an gewonnenen Jahren, wie es Renate Schmidt mal gesagt hat, die gewonnenen Jahre im Alter etwas Positives sind, mit dem man produktiv etwas anfangen kann, für alle Generationen, für die gesamte Gesellschaft. Sie soll auch dazu führen, dass wir ein Bild vom Alter entwickeln, dass ältere Menschen sehr wohl wichtige und gute Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind, und, das ist mir ganz wichtig als jemand, die noch nicht in der Zielgruppe ist, über die wir heute sprechen, es soll auch ein besseres Miteinander der Generationen befördern. Da wird viel Unsinn geredet, und die wissenschaftlichen Studien haben ergeben, dass die Menschen sagen, noch nie gab es eigentlich einen so guten Zusammenalt der Generationen in der Familie, im Kleinen, und das müssen wir auch gesamtgesellschaftlich und politisch hinkriegen. In unserem Themenfeld wollen wir zum Beispiel mehr Generationenhäuser in allen Landkreisen und Städten in Deutschland schaffen, das ist eine ganz konkrete Idee, wo es von der Förderung von Kindern und Kinderbetreuung über Hilfen für die Eltern, über Gesundheitsberatung und Arbeitsvermittlung bis hin zu Engagement für Seniorinnen und Senioren gehen soll, damit in diesen Mehrgenerationenhäusern so etwas vom solidarischen Zusammenhalt in der Gesellschaft auch praktisch gelebt werden kann. Das ist eine ganz konkrete praktische Idee aus dem Altenbericht.

Ostermann: Kerstin Griese von der SPD, die Vorsitzende des Bundestagssausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Danke für das Gespräch im Deutschlandradio Kultur.