Seit 01:05 Uhr Tonart

Dienstag, 20.08.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.03.2011

Griechisches Erbe

Thomas A. Szlezák: "Was Europa den Griechen verdankt"

Rezensiert von Eberhard Straub

Podcast abonnieren
Eine EU-Flagge weht vor der Akropolis in Athen, Griechenland. (AP)
Eine EU-Flagge weht vor der Akropolis in Athen, Griechenland. (AP)

Thomas A. Szlezák zeigt in seinem Buch auf, warum das antike griechische Erbe für die europäische Entwicklung so wichtig ist.

"Pluralismus und Relativismus sind die - bei Strafe gesellschaftlicher Ächtung - nicht hinterfragbaren Grundlagen des dominierenden Glaubens der europäisch-amerikanischen Moderne. Deren Weltsicht wird bekämpft vor allem von Vertretern solcher Nationen, deren Kultur nicht von den Griechen geprägt wurde."

Thomas A. Szlezák meint damit die Völker, die dem Islam anhängen. Um sich ihnen gegenüber zu behaupten, muss sich Europa gründlich auf die alten Griechen besinnen, zumal "fast 15 Millionen integrationsunwilliger Menschen aus nicht europäischen Kulturen" mitten unter uns leben und mit ihrer bloßen Präsenz eine Herausforderung bilden.

Allerdings steht es um einen Pluralismus und Relativismus nicht sehr gut, wenn gesellschaftlicher Ächtung verfällt, wer den Glauben an ihn nicht teilt. Mit einer solchen Drohung hebt sich der Pluralismus selber auf. Was übrigens griechisch-demokratischer Tradition entspräche.

Nämlich jeden, der die politische Religion der Polis nicht teilt und deren Grundlagen in Frage stellt, eben hinterfragt, wegen Gottlosigkeit und Staatszersetzung anzuklagen. Ein solcher Prozess konnte, wie der Fall des Sokrates veranschaulichte, mit dem Todesurteil enden.

Cover: "Thomas A. Szlezák: Was Europa den Griechen verdankt" (Mohr Siebeck Verlag)Cover: "Thomas A. Szlezák: Was Europa den Griechen verdankt" (Mohr Siebeck Verlag)Die griechische Polis kannte keine Trennung von Staat und Gesellschaft, von Religion und Verwaltung, sie war kein Modell des liberalen bürgerlichen Rechtsstaates. Alles, ob Kunst, Wissenschaft oder Sport hing mit dem offiziellen, dem politisch verordneten Glauben der Gemeinde zusammen, zeitgemäß gesprochen, mit deren Werteordnung, die allen aufgenötigt wurde. Der Bürger war nicht sicher vor Denunziation, Diffamierung, dem Entzug sämtlicher Freiheitsrechte und der Ausbürgerung, sobald er in den Verdacht geriet, in seiner Gesinnungstüchtigkeit zu schwanken.

Ein Fremder wurde nie in die städtische Gemeinde aufgenommen. Für gelungene Integration sehr tüchtiger Gäste oder in die Freiheit entlassener Sklaven, auf deren Arbeit alle angewiesen waren, liefern die griechischen Stadtstaaten gerade keine Beispiele. An der politischen Mitbestimmung waren knapp zehn Prozent der Bevölkerung beteiligt. Das ist noch weniger als in der ehemaligen DDR.

Solche möglichen Einwände erwähnt Thomas A. Szlezák selbstverständlich. Dennoch fordert er leidenschaftlich in Sorge um Europa, dem klassischen griechischen Erbe nicht mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Denn ohne sein griechisches Erbe schaffe sich Europa selber ab, auf das es dringend angewiesen sei, im heftigen Zusammenprall der Kulturen, um nicht durch Unterwanderung Unangepasster von sich selbst entfremdet zu werden.

Thomas A. Szlezák beschwört den ewigen Ost-West-Konflikt, den der kleinasiatische Grieche Herodot einst erfunden hatte und der im Kalten Krieg vielfach variiert wurde: der Gegensatz von Europa und Asien, also von Freiheit und autoritärer Fremdbestimmung, von religiös geprägter oder laizistischer Vergesellschaftung, von Individuum und Kollektiv.

"Die grundsätzliche Unvereinbarkeit der beiden Kulturen wird seit der erschreckenden Gewaltanwendung im Karikaturenstreit auch von vielen gesehen, die zuvor an die Möglichkeiten friedlicher Multikulturalität glaubten."

Denen will der Kenner Platons und Aristoteles’, der Philosophen, die den Pluralismus und Relativismus mit ihren Folgen fürchteten, geschichtspolitische Argumentationshilfen reichen. Szlezák redet nicht vom historischen Griechenland. Er beruft sich auf ein von den Deutschen seit der Goethezeit erfundenes klassisches Griechenland als Reich der Freiheit und immer währender Festspiele, auf ein totales Bayreuth, das es nie gegeben hat, vor allem nicht als bewussten Gegenentwurf zum Orient.

Die hellenistischen Königreiche nach Alexander dem Großen, das hellenisierte Rom und das spätere Ostrom oder Byzanz kommen bei ihm nicht vor. Denn sie bestätigen, wie fruchtbar die Begegnung von Orient und Okzident sein konnte, die allmählich eine Ökumene ermöglichte, eine Kosmopolis, eine wohlgeordnete Gemeinschaft verschiedener Völker, Religionen, Eigenheiten und Eigenwilligkeiten.

Der Westen orientalisierte sich und der Orient wurde mit griechisch-römischer Lebensart und Weltauffassung vertraut. Europäer, Asiaten und Afrikaner lebten in der gleichen, allen gemeinsamen Welt zusammen. Der Islam gehört zu dieser Welt, deshalb konnte er sich so rasch in ihr ausbreiten, zu unserer Alten Welt, die verarmt, wenn sie sich als westliche Wertegemeinschaft versteht. Davor kann uns die Erinnerung an den Hellenismus schützen, der sich vor kultureller Vielfalt nicht fürchtete. Er führt zu dem, was das Abend- und das Morgenland den Griechen verdankt.


Thomas A. Szlezák: Was Europa den Griechen verdankt
Von den Grundlagen unserer Kultur in der griechischen Antike

Mohr Siebeck Verlag Tübingen, 2010

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur