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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.07.2013

Griechische Schicksale in Krisenzeiten

Christos Ikonomou: "Warte nur, es passiert schon was", C.H. Beck, München 2013, 255 Seiten

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Blick auf den Hafen Piräus in der Nähe der griechischen Hauptstadt Athen (AP)
Blick auf den Hafen Piräus in der Nähe der griechischen Hauptstadt Athen (AP)

Die Problemlagen, mit denen sich die kleinen Angestellten und Arbeitslosen aus den Athener Hafenvierteln herumschlagen, sind heftig: Hunger, Gewalt, Apathie. Und doch bleiben Ikonomous Protagonisten menschenfreundlich und solidarisch. Der Band "Warte nur, es passiert schon was" wurde 2011 mit dem griechischen Literaturpreis ausgezeichnet.

In einer Erzählung ist der Mann weg und auch das gemeinsam gemästete Schwein. In einer anderen ist der Bruder mal wieder verhaftet und verprügelt worden nach einer seiner Aktionen bei einer Demonstration. Ein junger Nachbar, dessen Schwester von zehn Männern vergewaltigt wurde, wacht die Nächte durch und schießt auf ein Auto, das bedrohlich durch die Siedlung kurvt. Und ein junger Mann, dessen Freund bei einem Arbeitsunfall starb, protestiert mit einem Schild, auf das er nichts zu schreiben wusste, weil er "angefüllt‟ war "mit Leere‟, und so versteht niemand, wogegen er protestiert.

Apathie, Lethargie, Depression, hilflose Auflehnung – es sind Momentaufnahmen aus dem Leben von Arbeitern, kleinen Angestellten und Arbeitslosen aus den Vierteln um den Athener Hafen Piräus herum. Ikonomou konzentriert sich auf wenige Stunden oder Tage und wenige Personen. Nicht die soziale Lage allgemein, sondern die Armut eines konkreten Menschen, ihre Gründe und emotionalen Auswirkungen, stehen im Mittelpunkt. Die Figuren sind der Not ohnmächtig ausgeliefert. Allein dass es einen Bruder, einen Vater, eine Mutter, einen Geliebten und Bekannte gibt, sorgt für einen Hoffnungsschimmer.

So sehr Ikonomous Protagonisten im Bann des Elends stehen, Elendsmalerei sind seine Geschichten nicht. Die Situation ist übel, aber sie lähmt die Figuren nicht. Sie denken nach, erinnern sich, erzählen einander oder lesen doch zumindest in alten Briefen. Fast immer gibt es in den Geschichten eine zweite, über die aktuelle Lage hinausweisende Ebene, und allein, dass sie existiert, ist tröstlich.

Ikonomous Geschichten haben etwas von Gesprächen unter Nachbarn und Bekannten im Kafenion: Sie sind realistisch, menschenfreundlich und bekräftigen Gemeinsinn wie Solidarität.

Schockierendes oder Absurdes hat in "Warte nur, es passiert schon etwas‟ kaum Platz. Ikonomous Protagonisten verspüren die Armut, die geringfügige Entlohnung, die Entlassung, den Hunger als körperliche Vorgänge, als das Brechen von Knochen, als Rumoren von etwas Lebendigem im Bauch. Gibt es doch einmal so etwas wie einen metaphorischen Überschuss, tut Ikonomou alles, um ihn einzuhegen: Der arbeitslose Vater, der für seinen kleinen, hungernden Sohn etwas zu essen sucht, auf den Streifzügen durch die Stadt aber kein Almosen und keine Arbeit findet, darf endlich Gläubigen beim Schmücken der Christusfigur helfen. Doch als er den Dornenkranz zu fest drückt, fliehen die Gläubigen vor dem Anblick der Blutstropfen auf seiner Handfläche – während er hilflos seine Bitte wiederholt, entlohnt zu werden.

Es sind griechische Schicksale, unsentimental erzählt, aber sie sind nicht nur in der von der Finanzkrise geschüttelten Heimat des Autors denkbar. Schade, dass Birgit Hildebrands Übersetzung nicht überzeugt. Es heißt ja nicht: "Das macht mir auch schon Gedanken‟, sondern "Das macht mir Sorgen‟, und hätten die Liebenden wirklich "Leim‟ genommen, um ihre Hände auf immer zusammenzukleben, hätten sie nicht ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen.

Besprochen von Jörg Plath

Christos Ikonomou: Warte nur, es passiert schon was - Erzählungen aus dem heutigen Griechenland
Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand,
C.H. Beck, München 2013
255 Seiten, 19,95 Euro

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