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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.03.2009

Griechenland

Bahre der Demokratie?

Von Dimitrios Kisoudis

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Griechenland als Bahre der Demokratie (hier die Akropolis)? (AP)
Griechenland als Bahre der Demokratie (hier die Akropolis)? (AP)

Griechenland ist nicht die Wiege der Demokratie, jedenfalls nicht der modernen. Als die philhellenischen Bünde im 19. Jahrhundert nach der Volkssouveränität riefen, war diese Idee von den Griechen unter byzantinischer und osmanischer Herrschaft schon längst vergessen worden.

"Hellas" wurde zu einem demokratischen Gemeinplatz, den man im Westen bemühte, um sich gegen Metternichs Restauration zu wehren. Seither pflegt Europa zu Griechenland ein Verhältnis des absichtlichen Missverstehens. Die Griechen lassen es sich gefallen, solange das Missverständnis zu Unterstützung führt.

Eine Sternstunde solchen Missverstehens war die Unterzeichnung des EU-Beitrittsvertrags. Sie fand am 16. April 2003 unter griechischer Ratspräsidentschaft in Athen statt: Zu Fuße der Akropolisruine signierten die europäischen Staaten feierlich den Beitritt von zehn neuen Mitgliedern. Bundeskanzler Schröder sprach von der europäischen "Wertegemeinschaft", an der alle teilhaben würden. Doch einen knappen Monat zuvor hatte der Irak-Krieg begonnen, der von nun an die Europäische Union als politisch handlungsfähigen Großraum in Frage stellte.

Inzwischen ist die EU sogar als Wirtschaftsraum fraglich geworden. Es droht ein Zerbrechen der Währungsunion, sollten sich hoch verschuldete Staaten für zahlungsunfähig erklären. Griechenland ist dafür ein wahrscheinlicher Kandidat: Von der Ratingagentur ‚Standard & Poor’s‘ hat es die schlechteste Bonitätsnote im ganzen Euro-Raum erhalten. Griechische Staatsanleihen sind eine äußerst riskante Angelegenheit. Wer will schon in einen Staat anlegen, dessen Steuereinnahmen in ein System der öffentlichen Patronage fließen?

Es wäre auch denkbar, das havarierende griechische Staatsschiff mit Euro-Anleihen über Wasser zu halten. Doch die alte Symbiose von unterstützendem Europa und legitimierendem Griechenland scheitert heute an zwei Dingen: Die EU empfindet keine besondere Sympathie für das nationalistische Prinzip der Volkssouveränität. Umgekehrt hat Neugriechenland – nach all seinen Monarchien und Diktaturen – auch das jüngste Versprechen gebrochen, das Traumland der Demokratie zu sein.

Als die Obristendiktatur kollabiert war und Konstantinos Karamanlis aus Paris zurückkehrte, setzten auf ihn nicht nur die Griechen größte Hoffnungen. Schon der Name seiner neugegründeten Partei – "Neue Demokratie" – deutete auf eine Erfüllung der philhellenischen Verheißung hin. Karamanlis ebnete den Weg zum Beitritt in die EG. Wie das Portugal der Nelkenrevolution stand Griechenland für die demokratische Zukunft Europas. Dem heutigen Ministerpräsidenten Karamanlis scheint die traurige Rolle zuzukommen, die neue Demokratie seines Onkels zu begraben. In seiner Amtszeit zeigt sich, dass die alten Strukturen der Patronage über die Jahre das Gemeinwohl zersetzt haben.

Noch vor dem Staatsbankrott hat Griechenland seine moralische Bankrotterklärung abgegeben. Nach allen Pleiten hätte sich der griechische Staat doch die eine Niederlage nicht erlauben dürfen: den autonomen Truppen die Hauptstadt zur Verwüstung zu überlassen. Nun hängt Griechenland nicht nur am Tropf, sondern auch am Gängelband der Stadtguerilla, die jederzeit mit kleinstem Anlass große Massen mobilisieren kann. Ihre Avantgarde nennt sich "Revolutionärer Kampf" und "Revolutionäre Sekte", rüstet mit Maschinenpistolen und Handgranaten zum Krieg und greift schon jetzt Polizeireviere und Fernsehsender an.

Ein europäischer Mythos besagt, dass die wirtschaftliche Integration irgendwann auf den Bereich des Politischen überschwappt. Dieser Spillover aufs Politische ist ausgeblieben, die Wertegemeinschaft wird vom Wert des Euro zusammengehalten. Wenn der europäische Wirtschaftsraum desintegriert, droht ein Spillover, der wahrscheinlicher ist: der politische. Er braucht so lange wie die SMS eines Athener Autonomen, um nach Madrid zu gelangen.


Dimitrios Kisoudis, Publizist, geboren 1981, studierte Historische Anthropologie, Germanistik und Hispanistik in Freiburg. Er arbeitet in der Dokumentarfilmproduktion und beschäftigt sich mit Ideologien in Geschichte und Gegenwart. Letzte Buchveröffentlichung: "Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche".

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