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Interview | Beitrag vom 09.11.2018

Greta Zelener über junge Juden in Deutschland"Die Erinnerungskultur neu denken"

Moderation: Ute Welty

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(Imago)
Gläubige in der Synagoge am Fraenkelufer in Berlin. (Imago)

Am 9. November jährt sich die Pogromnacht zum 80. Mal. Deutschland sei zwar engagiert bei der Aufarbeitung – dennoch brauche es nicht nur Denkmäler, sondern im Alltag ein lebendiges Erinnern an jüdisches Leben, sagt Kulturwissenschaftlerin Greta Zelener.

Greta Zelener, geboren 1990 in der Ukraine, lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr in Deutschland und gehört zur jungen jüdischen Generation, die sich aber nicht auf ihr Jüdischsein reduzieren lassen will. Ihre Uroma stammt aus Berlin und wanderte von dort in die Ukraine aus.  

Zelener lebt nach eigenem Bekunden nicht religiös, ist Kulturwissenschaftlerin, und hat an dem kürzlich veröffentlichten Buch "Weil ich hier leben will" mitgeschrieben.

Wie wichtig ist für Zelener das Gedenken an die Pogrome von 1938 – wie geht ihre Generation damit um? Wie beurteilt sie die Art des Gedenkens in Deutschland – etwa vor dem Hintergrund der Grundsteinlegung der neuen Synagoge in Potsdam?

Eine Synagoge steht nicht nur für Religion

Im Hinblick auf die Religion bedeute ihr die Synagoge zwar wenig – "dennoch sehe ich es als tolle Entwicklung für jüdisches Leben generell in Deutschland. Ich glaube, so eine Synagoge – sie ist ja recht groß und präsent – macht das jüdische Leben öffentlich und irgendwie greifbarer, verständlicher und damit auch selbstverständlicher." Die Synagoge stehe nicht nur für die Ausübung von Religion, sondern bedeute auch eine deutliche Belebung des sozialen Lebens, als Treffpunkt für die Gemeinde.

Symbolische Speisen für das Pessach-Fest (auch Passah-Fest), dem "Fest des ungesäuerten Brotes" (hinten), in der Synagoge der jüdischen Gemeinde in Bielefeld.   (picture-alliance/ dpa / Robert Fishman)Greta Zelener entdeckte das Judentum über das Essen: Speisen für das Pessach-Fest, dem "Fest des ungesäuerten Brotes" (hinten). (picture-alliance/ dpa / Robert Fishman)

Zelener sagte weiter, die Grundsteinlegung sei auch Ausdruck für den Wunsch nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Dennoch sei es zu wenig, über den Bau einer Synagoge oder eines Denkmals die Aufarbeitung der Vergangenheit und des Holocaust leisten zu wollen – "dafür war es dann doch zu tragisch und zu groß".

Mehr Engagement an den Schulen

Zelener betonte, sie sehe im Alltag großen Bedarf, "die Erinnerungskultur gerade der jungen Generation neu zu denken. Gerade an den Schulen muss es viel interaktiver werden – mit Museumsbesuchen. Und solange man noch die Gelegenheit hat, mit Zeitzeugen zu sprechen, sollte man das nutzen". Auch durch Rollenspiele könne Empathie bei den Schülern geweckt werden.

Sie selbst sei das beste Beispiel für Verlust und Wiederentdecken jüdischer Traditionen. Ihre eigenen Eltern hätten nichts über das Judentum gewusst – und so gehe es etwa 90 Prozent der Gemeinde ihrer Eltern, die größtenteils aus der ehemaligen Sowjetunion als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen seien. Erst über ihre Grundschule habe sie selbst etwas über jüdische Traditionen gelernt – und über das jüdische Essen, dessen Vielfalt für sie eine kulinarische Entdeckung gewesen sei.

Die Shoah nicht instrumentalisieren

In Deutschland möchte Greta Zelener sich politisch engagieren – auch, um den interreligiösen Dialog zu fördern, Räume der Begegnung zu schaffen und Ängste abzubauen. Eines ist ihr sehr wichtig: dass die Shoah nicht instrumentalisiert werde "als eine Art Projektionsfläche der deutschen Gesellschaft und man dann an dem Punkt stehen bleibt. Sondern dass man eben weiter spricht, und dass man über das Judentum erzählt."

(mkn)

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