Seit 06:05 Uhr Studio 9

Samstag, 20.04.2019
 
Seit 06:05 Uhr Studio 9

Tonart | Beitrag vom 23.10.2018

Greta Van Fleet Stilvolle Realitätsflucht

Von Marcel Anders

Beitrag hören
Josh Kiszka von Greta Van Fleet bei einem Konzert in Wisconsin. (dpa / picture-alliance)
Josh Kiszka von Greta Van Fleet bei einem Konzert in Wisconsin. (dpa / picture-alliance)

Elton John hat sie zu seiner Grammy-Party eingeladen, sie waren die Vorband von Guns N´Roses, und ihre Deutschland-Tour ist seit Wochen ausverkauft. Nicht schlecht für eine Newcomer-Band, deren Mitglieder gerade mal 19 bis 22 Jahre alt sind.

Gitarrist Jake Kiszka, ein 22-Jähriger mit langen Haaren, T-Shirt und Jeans, ist genauso euphorisiert wie der Rest des Quartetts aus Frankenmuth im US-Bundesstaat Michigan.

"Keiner von uns hätte je damit gerechnet, dass die Veröffentlichung von zwei EPs zu dem führen könnte, was wir gerade erleben. Wir dachten einfach: ´Lasst uns ein paar Stück rausbringen und auf Tour gehen. Stattdessen ging alles ganz schnell: Wir sind viel rumgekommen, haben in immer größeren Hallen und vor immer mehr Leuten gespielt. Was aufregend ist."

Drei Brüder und ein Schlagzeuger, die 2012 als reine Coverband anfingen, haben sich in den letzten zwölf Monaten zur angesagten neuen Rockband gemausert haben. Das manifestiert sich in Auftritten im Vorprogramm von Guns N´Roses, Slots bei den größten Festivals und dem Ruf, die "neuen Led Zeppelin" zu sein. Für Jake ein Riesenkompliment – aber auch maßlos übertrieben.

"Wir greifen zurück auf die Meister - auf Howlin´ Wolf, Muddy Waters, Elmore James, Lightning Hopkins, B.B. King und natürlich auch Led Zeppelin. Alles, was sie damals in Bezug auf Sounds und Arrangements gemacht haben, hatte etwas Neues. Es waren Sachen, die es so noch nie gegeben hatte. Und sie haben uns dieses großartige Lebenswerk hinterlassen – für Leute wie wir, für unsere Generation. Einfach, um darauf zurückzugreifen und davon zu lernen. Ich denke, manchmal resultiert der beste Weg nach vorne eben darin, zurückzublicken." 

Fantasy-Texte über ferne Planeten

Der Blick zurück, auf die Wurzeln der Rockmusik – den zelebrieren Greta van Fleet auf ihrem Debüt "Anthem Of The Peaceful Army" mit Cleverness, handwerklichen Können und Spielwitz. Wie ihre Idole, die an allen Ecken und Enden durchschimmern, paaren sie Blues mit Hardrock, Prog und Psychedelia. Dabei glänzen sie durch eine breite Instrumentierung und eine musikalische Utopie. Ihre Fantasy-Texte über ferne Planeten und Galaxien sind beeinflusst von Tolkien, Kubrick oder Huxley und erweisen sich als stilvolle Realitätsflucht. Denn obwohl sie noch jung sind – auch Greta Van Fleet spüren: In der modernen Welt läuft einiges schief.

"Es geht darum, etwas zu kreieren, dass das Leben nicht zu bieten hat. Denn Musik ist ein Mittel zur Flucht – auch bei uns. Wir legen sie so an, dass sie dich an die unterschiedlichsten Orte führt – wenn du dich nur darauf einlässt. Wie in dem Video zu ´When The Curtain Calls´: Es zeigt eine Welt, die wir uns erträumt haben – mit dem Berg der Sonne, der von einem Ring umgeben ist, und auch auf dem Albumcover zu sehen ist. Eine schöne neue Welt voller fremder Wesen."

Musik als Medium für eine Mission. Greta Van Fleet sind der Beweis, dass gute Songs Berge versetzen können. Denn die Grünschnäbel aus der amerikanischen Provinz sind dadurch zu Rockstars geworden, machen ihren Großvater, Mitglied der Polka Hall Of Fame, extrem stolz - und bedienen eine ständig wachsende Hörerschaft: Die sogenannte "friedliche Armee", die auch den Albumtitel ziert:

"Es ist das Konzept, Menschen zu vereinen und zusammenzuführen – durch Liebe und Frieden. Eine ganz simple Sache. Und weil die Leute in so großen Mengen zu unseren Konzerten strömen, hat es wirklich etwas von einer Armee, mit der wir unsere Musik teilen. Eine unglaubliche Sache."

Der Zulauf und das Medieninteresse – da ist sich Jake sicher – rühren daher, dass Greta van Fleet allein auf weiter Flur stehen. Dass sie eine Art von Rockmusik spielen, die zwar als klassisch gilt, aber kaum noch von jungen Künstlern praktiziert wird. Dass sie einen Gegenpol zum Zeitgeist bilden – und die nötige Unterstützung haben: Ihre Produzenten Al Sutton und Marlon Young stammen aus der Band von Kid Rock. Alte Hasen, die wissen, worauf es ankommt – und die diesen Grünschnäbeln zu einem bemerkenswerten Debüt verhelfen.

(leicht geänderte Online-Fassung/mw)

Mehr zum Thema

Richard Ashcroft: „Natural Rebel“ - "Ich bin kein Messias"
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 22.10.2018)

20 Jahre "Cher-Effekt" - Wie die Software Autotune die Musik geprägt hat
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 19.10.2018)

Neues Album von Neneh Cherry - Ein Ausflug ins nackte Elend
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 18.10.2018)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur