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Kompressor | Beitrag vom 05.06.2019

Graphic Novel "Nennt mich Nathan"Ein Comic über Transsexualität

Linus Giese im Gespräch mit Max Oppel

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Comicbild: Zwei Mädchen liegen nebeneinander auf dem Bett. Das eine fragt: "Würdest du micht Nathan nennen?" (Splitter Verlag / Castro / Zuttion)
Das Mädchen Lila beschließt als Jugendliche, von nun an als Junge zu leben. (Splitter Verlag / Castro / Zuttion)

Das Mädchen Lila fühlt sich schon immer wie ein Junge und beschließt mit 16, als Mann weiterzuleben. Nach vielen Kämpfen schafft Lila es, Nathan zu werden. "Ein wichtiges Buch", sagt Transmann Linus Giese über die Graphic Novel "Nennt mich Nathan".

Auseinandersetzungen mit Transsexualität im Comic sind bisher eine absolute Rarität. Die Graphic Novel "Nennt mich Nathan" widmet sich diesem Thema. "Ich glaube, dass es gut ist, dass es dieses Buch gibt, und dass es wichtig wäre, dass es noch mehr solcher Bücher geben würde", sagt Buchhändler und Transmann Linus Giese.

Starke Fixierung auf den Körper

In dem Comic geht es um Identitätskonflikte und um Konflikte mit dem eigenen Körper. "Da erleben wir die Konflikte von Nathan hautnah mit und das finde ich sehr gut gelöst. Der Comic startet mit einer Szene, in der Nathan am Strand ist und damals noch nicht Nathan heißt und sich unglaublich unwohl fühlt mit seinem Körper, seinen Brüsten. Das ist unglaublich plastisch und anschaulich geschildert", so Giese.

Allerdings sei diese starke Fixierung auf die Körperlichkeit auch ein Kritikpunkt. "Der Comic endet dann auch mit einer Szene am Strand, wo Nathan seine Brust-Operation hatte und quasi als 'richtiger' Mann an den Strand gehen kann", erklärt Giese, "und das finde ich immer etwas schade, wenn es am Ende doch wieder nur darum geht, dass wir unsere Körper anpassen."

Ein verzweifelter Mensch, der die Arme hebt und sagt "Ich bin ein Junge". (Splitter Verlag / Castro / Zuttion)Der Comic "Nennt mich Nathan" setzt sich mit Transsexualität und Identitätskonflikten auseinander. (Splitter Verlag / Castro / Zuttion)

Alltägliche Konflikte, die Transmenschen erfahren würden, wie zum Beispiel die Frage, wo sie Unterstützung finden oder welcher Arzt sie behandeln kann, werden ausgespart, kritisiert Giese.

Viele Konflikte sind ausgespart

Er findet es problematisch, dass der Comic ein "happy Buch" sei. "Nathan ist normschön, hat eine Freundin, kommt bei den Mädchen an, seine Eltern und Lehrer unterstützen ihn", so Giese.

"Wenn ich das als Jugendlicher gelesen hätte, hätte ich mich gefragt: Was stimmt nicht mit mir? Dass ich zum Beispiel keine Eltern habe, die mich unterstützen und niemanden, der auf mich steht. Dass ich mich nicht outen kann und keine Hilfe finde. Ich sehe die Gefahr, dass Jugendliche, bei denen es nicht so rund läuft, denken: Das Problem liegt bei mir."

Das Thema Trans ist in der Literatur deutlich unterrepräsentiert. Umso wichtiger sei dieses Buch, das "nicht voyeuristisch, sondern sehr zurückgenommen" erzählt, sagt Linus Giese. "Das finde ich unglaublich gut gemacht."

Catherine Castro und Quentin Zuttion: "Nennt mich Nathan"
Splitter Verlag, Bielefeld 2019
144 Seiten, 22 Euro

(nho)

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