Seit 11:05 Uhr Tonart

Montag, 27.01.2020
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 31.08.2017

Graham Smith - Kritiker der britischen Monarchie"Korruption und Verschwendung öffentlicher Gelder"

Graham Smith im Gespräch mit Andre Zantow

Podcast abonnieren
Krone mit dem legendären Kohinoor-Diamanten: Zu sehen ist sie im April 2002 bei der Beerdigung der britischen Königinmutter. Dem Sarg folgen Prinz Charles und Prinz Philip. (picture-alliance / dpa)
Die britische Krone mit dem legendären Kohinoor-Diamanten. (picture-alliance / dpa)

20 Prozent der Briten wollen die Monarchie abschaffen, sagt Graham Smith von der Kampagne "Republic". Demnach soll das Oberhaupt eines Staates gewählt und nicht vererbt werden. Er fragt, warum die Steuerzahler Helikopterflüge der Windsors zahlen.

Andre Zantow: Ein prominenter Kritiker der britischen Monarchie ist Graham Smith. Der 43-Jährige ist seit 2005 Chef der Kampagne "Republic", die den Briten die demokratischen Alternativen zur Monarchie aufzeigen will. Am Telefon erklärt er seine Sicht auf das Königshaus in den vergangenen 20 Jahren nach Dianas Tod.

Graham Smith steht in London in einem Fernsehbeitrag der BBC. (BBC-Interview auf YouTube)Der Anti-Monarchie-Aktivist Graham Smith im BBC-Interview in London. (BBC-Interview auf YouTube)

Graham Smith: Ich glaube, es gab viel falsche Berichterstattung und falsche Interpretationen dazu. Die Realität ist – schauen wir auf die Meinungs-Umfragen – die Popularität des Königshauses ist gleich geblieben.

Ja, nach Dianas Tod gab es kurz etwas Aufregung, viele hatten realisiert, dass die Königsfamilie nicht das ist, was sie dachten. Aber es gab keinen politischen Versuch, die Monarchie zu verabschieden, sie hat das überlebt, sie haben professionelle PR-Berater engagiert, um sie besser in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und das haben sie die vergangenen 20 Jahre getan. Und so wollen derzeit etwa 75 Prozent die Monarchie behalten, aber eigentlich ist sie den meisten total egal.

"Sie verschwenden öffentliches Geld"

Zantow: 75 Prozent wollen William, Harry und Kate als Königskinder behalten – warum Sie nicht – was sind ihre Kritikpunkte?

Graham Smith: Die 75 Prozent bedeuten nicht Popularität. Sie bedeuten, dass 75 Prozent den Status quo akzeptieren. Das ist ein Unterschied. Den meisten sind Harry und William egal. Uns geht es darum, dass es in einer demokratischen Gesellschaft nicht akzeptabel ist, ein öffentliches Amt zu vererben. Die Queen ist vergleichbar mit einem Präsidenten in Deutschland und das Staatsoberhaupt sollte irgendwie demokratisch bestimmt werden und nicht einer Familie vorbehalten sein. Sie verschwenden öffentliches Geld, sie haben privilegierten Zugang ihre eigene Agenda zu forcieren. Das ist undemokratisch, genauso wie die eine Hälfte des Parlaments – das House of Loards - nicht gewählt wird. Es gibt also viele Gründe die Monarchie abzuschaffen, unabhängig von der Persönlichkeit der Königskinder – es geht um den Missbrauch durch ihre Privilegien und ihre Position.

Zantow: Aber es gab doch wenige Skandale zuletzt – wie missbraucht die Königsfamilie denn ihre Macht?

Graham Smith: Das hängt davon ab, was Sie mit Skandal meinen. Sie verbrauchen  öffentliche Gelder, die Leute sind daran zwar gewöhnt, aber wenn jemand öffentliche Gelder für seinen eigenen Lebensstil ausgibt, ist das ein Skandal. Aber das wird nicht zur Schlagzeile, weil es ständig passiert. Wir wissen, dass sie ständig mit Helikoptern durchs Land fliegen, außerdem bezahlen sie das ganze Geld für ihre Sicherheit nicht selbst, sie haben immer Zugang zum Premierminister und können ihre eigenen Interessen durchbringen – zum Beispiel in Schottland, wo sich die Regierung weigert zu sagen, welchen Einfluss Prinz Charles auf die Bildungspolitik hat. Das wird nicht als Skandal in den Medien gesehen, aber es ist Korruption, ein Missbrauch von öffentlichen Ämtern und Geldern.

Kronprinz Charles von Großbritannien und Camilla Parker Bowles bei ihrer Hochzeit am 09.04.2005 in Windsor. (dpa / Frank May )Kronprinz Charles und Camilla bei ihrer Hochzeit 2005. (dpa / Frank May )

Zantow: Wer teilt ihre Meinung im Vereinigten Königreich - raus aus der Monarchie?

Graham Smith: Es ist nicht schwarz oder weiß - weg mit ihnen oder behalten. Gut, Millionen Leute – etwa 20 Prozent - stimmen mit uns überein – weg mit der Monarchie – das ist eine große Minderheit, aber die meisten sind einfach nur gelangweilt von der Berichterstattung über Diana heute. Viele können sich nicht mal an sie erinnern. Ich bin 43, da geht es noch, aber wenn sie 25 sind, können sie sich an nichts mehr erinnern. Letztlich interessiert es die meisten nicht, sie sind weder Gegner der Monarchie noch begeistert von den Berühmtheiten William und Kate.

"Wir haben durch die Monarchie eine schwache Verfassung"

Zantow: Viele Leute interessiert definitiv der Brexit – gibt es da Verbindungen zum Könighaus, dass sich einige in diesen unsicheren Zeiten an die Königsfamilie klammern?

Graham Smith: Nein, ich glaube nicht, dass Brexit und Monarchie eine Verbindung haben. Wenn sie hier auf der Straße jemand fragen – wird der besorgt sein über den Brexit, aber er wird dann nicht an die Monarchie denken. Aber es gibt natürlich die verfassungsmäßige Verbindung. Die Königin hatte alle Macht, hat diese Macht an den Premierminister gegeben, der ein Referendum aus Partei-internen Gründen abhalten durfte. Und die neue Premierministerin Theresa May nutzte den Brexit-Prozess jetzt, um ihre Macht auszubauen, auch am Parlament vorbei – und das alles, weil wir eine schwache Verfassung haben, die auf der Monarchie beruht.

Zantow: Wegen der Monarchie hatte das Vereinigte Königreich lange das "Empire" – jetzt das "Commonwealth", das wirtschaftlich einspringen soll nach dem Austritt aus der Europäischen Union. Macht Ihnen das keine Hoffnung?

Graham Smith: Ich glaube das Commonwealth wird keinen Unterschied machen. Die Organisation aus 52 Mitgliedsstaaten ist total irrelevant. Es hat keine starke wirtschaftspolitische Komponente. Wenn wir nach Australien schauen, ist dessen Priorität Asien. Und Kanada konzentriert sich auf die EU und auf die Staaten von Nord- und Südamerika. Dass der Commonwealth hier einspringen kann, ist nur die Fantasterei einiger. Die Zukunft wird uns die harte ökonomische Realität zeigen.

Mehr zum Thema

20 Jahre nach Dianas Tod - Das Königshaus als Valium gegen Brexit
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 31.08.2017)

Königshaus als gesellschaftliches Schmiermittel
(Deutschlandfunk, Podium, 30.04.2013)

Queen-Biograf - "Ein Stück Beruhigung für die Briten"
(Deutschlandfunk, Interview, 29.01.2017)

Weltzeit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur