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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 01.11.2010

Grabredner

Oder über die Kunst, einem Toten gerecht zu werden

Von Uwe Zimmer

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Bei der kirchlichen Trauerfeier steht Gott im Mittelpunkt, bei der Bestattung mit einem Trauerredner der Verstorbene. (AP)
Bei der kirchlichen Trauerfeier steht Gott im Mittelpunkt, bei der Bestattung mit einem Trauerredner der Verstorbene. (AP)

Die Frau war Mitglied der katholischen Kirche, aber bei der Beerdigung ihres Mannes sollte ein Trauerredner sprechen. Ihre Begründung dafür klang seltsam: "Ich will um meinen Mann richtig trauern. Er fehlt mir sehr."

Was sie meinte, ist keine seltene Auffassung. Den Geistlichen beider Kirchen wird der Vorwurf gemacht, nicht genug Zeit im Rahmen der Predigt für die Lebensgeschichte, für den Nachruf zu haben, sich häufig mit Klischees zu begnügen und den Schwerpunkt auf die Verheißung des Ewigen Lebens zu legen. "Ich will mir in meinem Leid, dass mein Mann so früh gestorben ist, nicht sagen lassen, es gibt nichts Schöneres für einen Menschen, als sterben zu dürfen, um zum Herrn zu kommen." So war ihre Haltung. Vielleicht ist eines richtig: Bei der kirchlichen Trauerfeier steht Gott im Mittelpunkt, bei der Bestattung mit einem Trauerredner der Verstorbene.

Jede Trauerrede erzählt eine Geschichte, kleine Heldenlieder aus dem wirklichen Leben. Jede Rede umfasst ein ganzes Leben. Jedes Leben hat seine Geschichte. Wer um 1930 geboren wurde, der durchlebte den Zweiten Weltkrieg als Jugendlicher. Begann seine Ausbildung, sein Erwachsenwerden mit einer Hypothek. Viele junge Angehörige können sich von der Lebensleistung dieser Generation kein Bild machen. Man kann es ihnen nahebringen.

Es ist eine besondere Fortsetzung journalistischer Arbeit, wenn man Angehörige nach den Verstorbenen befragt, den roten Faden in der Biografie sucht und durch Nachfragen belegt. Man ist dabei von ihren Informationen und Sichtweisen abhängig. Ein Regulativ ist die Tatsache, dass es letztlich um öffentliche Rede geht und den Zuhörern auffallen könnte, dass man den Redner in die Irre geführt hat.

Manchmal muss man Angehörige davon überzeugen, was in die Rede aufgenommen werden sollte, weil es menschlich und sympathisch ist. Beispielsweise, dass die mit 82 Jahren verstorbene Mutter mit 80 noch eine begeisterte Tänzerin in der Seniorendisco des Altenheims war, wo sie immer Tänzer fand, und denen dann erzählte, sie sei erst 75. "Wenn sie das sagen, muss ich mich für meine Mutter schämen", hatte ihr Sohn eingewandt, um dann im Lächeln der Trauergäste zu erleben, dass sie die Verstorbene in dieser Anekdote wiedererkannten.

Inhalt der Trauerrede ist nicht nur Nacherzählung der Lebensgeschichten, es geht auch um Trost, um Erklärungen. Da sitzen in der ersten Reihe zwei junge Männer, deren Vater mit 51 Jahren gestorben ist und der alles hatte, Abitur mit Auszeichnung, Mediziner-Ausbildung, Krankenhaus-Arzt. Als er nach einem Schlaganfall tot gefunden wurde, war seine Ehe, seine Karriere, alles zerbrochen, der Antrag auf Harz-IV-Unterstützung schon unterschrieben. Das Schicksal hatte ihm alles gegeben, bis auf die Kraft, sein Leben zu meistern.

Ein Trauerredner kann bürgerliche Heldenlieder verfassen. Über eine Frau, die im Leben nur Negatives erfahren hat, beginnend mit einer unmenschlich harten Erziehung im Kloster, und ihren beiden Töchtern dennoch vermittelte, wie schön das Leben sein kann. Der Architekt, der nur Häuser baute, die ihm selber gefielen und dies nur mit ökologischen Baustoffen und sie erst anbot, wenn sie fertig waren. Manchmal musste Wertvolles ins Pfandhaus getragen werden, wenn sich so schnell kein Käufer fand, erzählte seine Tochter.

Reden über ein gelebtes Leben, seine Höhepunkte nachzeichnen, Leistungen würdigen, den Sinn im Ablauf von Ereignissen entdecken, diese Erwartungen muss ein weltlicher Trauerredner erfüllen. Und auch diese Bitte vieler Trauernden: Am Grab hätten wir gerne zum Schluss ein Gebet. Das Vaterunser bitte!


Uwe Zimmer (Andreas Frücht)Uwe Zimmer (Andreas Frücht) Dr. Uwe Zimmer, Journalist, geb. 1944 in Siegen (Westfalen), studierte Germanistik, Politische Wissenschaften und Philosophie in Frankfurt/Main, München und Marburg. Seine journalistische Laufbahn begann Zimmer 1971 beim Berliner "Tagesspiegel", 1974 wechselte er als Redakteur zum Spiegel. 1978 wurde Zimmer Bonner Büroleiter des "Stern", war dann Korrespondent in Washington und schließlich Ressortleiter Ausland. 1986 ging Zimmer als stellvertretender Chefredakteur zum Axel Springer Verlag in die Entwicklungsredaktion. Von 1987 bis Oktober 2000 war er Chefredakteur der Abendzeitung in München, anschließend bis 2009 Chefredakteur der "Neuen Westfälischen" in Bielefeld. Er wohnt in der Nähe von Augsburg und arbeitet seit seinem Ruhestand als Trauerredner.

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