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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.06.2005

Graben nach dem Mythos

In Königsberg wird nach dem Bernsteinzimmer gesucht

Von Isabella Kolar

Zwei russische Soldaten auf Patrouille in Kaliningrad (AP)
Zwei russische Soldaten auf Patrouille in Kaliningrad (AP)

Die Experten haben die Hoffnung bereits aufgegeben, die Suche nach dem legendären Bernsteinzimmer in den Ruinen des Königsberger Schlosses wird dennoch fortgesetzt. Auch wenn die Grabungen erfolglos bleiben sollten, nach dem Bernsteinzimmer - dem Symbol deutsch-russischer Freundschaft - werden auch in Zukunft Deutsche und Russen gemeinsam suchen.

Tief fährt die Baggerschaufel den steilen Abhang hinunter und unvermittelt packen ihre Riesenkrallen zu: Erdreich und kleine Steine ergreifen die Flucht. Die dies erwischt, eine ganze große Schaufel voll, werden auf einen Lkw, der unmittelbar vor dem Bagger steht, gewuchtet. 80 Meter lang, 20 Meter breit und fast acht Meter tief ist die Grube, an deren Rand der Riese aus Stahl unermüdlich arbeitet, hier stand einst der ehemalige Westflügel des alten Königsberger Schlosses, in dem die Preußenkönige gekrönt wurden, so auch Friedrich der Erste.

Unmittelbar an der Grube vorbei, getrennt nur durch einen Metallzaun, fließt der Straßenverkehr den Leninskij Prospekt entlang und auch sonst sieht hier heute nichts mehr historisch aus: Es ist der Platz der modernen großen groben Steinklötze. Zur Rechten steht das Hotel Kaliningrad, links daneben die Bank, dann die Post. Gegenüber in Beton gegossen der Dom Sowjetow, das Rätehaus.

Willy Gerber, 75-jähriger gebürtiger Königsberger, steht am Rande der Grabungsstätte und schielt neugierig hinunter. Er hat seine Heimat nach dem Krieg verlassen, und er glaubt fest daran, dass irgendwo in den Ruinen des alten Königsberger Schlosses das legendäre Bernsteinzimmer versteckt liegt:

"Ich bin der Meinung, dass müsste hier sein. Ich habe die Vermutung, die haben das nicht zur Hauptstelle gebracht, wo es alle vermuten, es gibt ja auch Nebengänge in dem Kellergewölbe. Da haben die es hingebracht. Wenn ich es gewesen wäre, ich hätte es so gemacht. Unser Kaiser Wilhelm und seine Herren, die haben da so viel Geld ausgegeben schon dafür, dann soll es auch wieder dahin kommen, wo es hingehört und nicht hier vergammeln."

750 Jahre Königsberg und Kaliningrad feiert die Stadt in einer Woche, die Vorbereitungen sind seit Monaten unübersehbar, an allen Enden wird gebaut, Straßen werden erneuert, Häuser gestrichen, Bäume geschoren. Und die Geschichte sie nahm eben hier ihren Anfang: Lübecker Kaufleute bauten hier im Jahr 1255 auf dem Terrain des Deutschen Ritterordens eine Holzfeste, die ab 1260 in eine Steinerne Burg umgebaut wurde. Nur wenige Meter von den professionellen Gräbern entfernt, graben drei sechzehnjährige Schülerinnen auf dem großen Platz nach Unkraut zwischen den Betonplatten. Dass sie den Archäologen ein Schnäppchen schlagen und vor ihnen auf das Bernsteinzimmer stoßen werden, glauben sie zwar nicht, gleichzeitig sind sie aber überzeugt davon, dass die Kollegen von nebenan bald fündig werden:

"Natürlich werden sie es irgendwann finden. Sie graben so fleißig. Die Deutschen haben es gemacht und wir werden es finden. Es liegt eben sehr tief, man muss lange graben. Vielleicht können wir ja helfen.
Ja ich glaube das auch: irgendwo dort unten in der Erde, da liegt es!"

Das berühmte Bernsteinzimmer fand seinen Weg an diesen Ort im Jahr 1941, verschleppt aus Russland von deutschen Wehrmachtssoldaten. Und dann verliert sich die Spur, die Zahl der Gerüchte über den Verbleib des Zimmers mag der der darin eingebauten Steine entsprechen. Es wurde in Königsberg versteckt oder zerstört, es wurde auf dem Weg irgendwohin zu Lande oder zu Wasser zerstört, oder es wurde außerhalb Königsbergs versteckt - so diverse Theorien, Beweise dafür gibt es keine. Im Laufe der Jahrzehnte gab es viele, die davon träumten, sich im wiederentdeckten Glanz der Steine zu sonnen, so mancher ging bei der Suche nach ihnen bankrott. Die Faszination - sie blieb. Und war Anlass für die Macher des Hamburger Nachrichtenmagazins Spiegel seit 2001 den wesentlichen Teil der finanziellen Unterstützung der Ausgrabungen des Schlosses zu tragen. Doch daran, dass hier eines Tages die Schaufel plötzlich auf Bernstein klopft, glaubt heute eigentlich niemand von den Experten mehr. Der Archäologe und Bauleiter Anatolij Valujew:

"Selbst der Spiegel glaubt nicht mehr daran, dass wir hier das Bernsteinzimmer finden. Das ist jetzt auch nicht mehr das Entscheidende. Wichtig ist, dass wir die Möglichkeit haben, hier weiter zu graben, solche grandiosen Ausgrabungen hier im Zentrum der Stadt durchzuführen ist sehr schwierig. Und das Allerwichtigste ist, dass dieses Territorium jetzt als Denkmal anerkannt ist, dass niemand mehr zuschütten wird. Für uns ist wichtig, alles historisch Wertvolle im alten Schloss zu sammeln, was wir hier finden."

Und immer wieder gibt es sie: die kleinen Erfolgserlebnisse, mit denen die Archäologen sich und ihre Arbeit legitimieren können. Vor zwei Wochen machte der freiwillige Helfer Alexander Wassiljew eine ganz besondere Entdeckung, die die Grabungsstelle im Herzen Kaliningrads wieder in die Schlagzeilen der russischen Fernsehkanäle brachte. Er fand ein silbernes Kästchen mit elf magischen Amuletten aus dem 16. Jahrhundert. Es wird seinen Platz im Museum finden. Alexander Wassiljew, der seit einem Jahr hier arbeitet, ist ganz stolz:

"Es ist schön, dass ausgerechnet ich das gefunden habe. Ich habe dass alles noch gar nicht im Einzelnen in der Hand gehabt. Ich muss unbedingt ins Museum gehen und anschauen, was ich da gefunden habe. Ich habe sehr aufmerksame Augen, ich kann die kleinsten Gegenstände in der Erde sehen. Die Arbeit geht langsam voran, weil es sehr schwer ist zu graben, die Erde ist gemischt und hart, die Schaufel erwischt nicht viel auf einmal."

Das alte Königsberger Schloss, in dessen Ruinen bis zu zehn Arbeiter täglich acht Stunden graben, hatte die Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges noch teilweise überlebt, den Rest besorgte dann die kommunistische Parteiführung. Ende der 60er Jahre befand einer der Moskauer Parteioberen, der Kaliningrad besuchte, dass die Ruinen des Schlosses das perfekte sozialistische Stadtbild störten. Eilfertig beschloss die örtliche Leitung die Sprengung, obwohl es starken Widerstand der Bevölkerung dagegen gab. Es wurde der Platz für kommunistische Jubelparaden darüber betoniert und davor der so genannte Dom Sovjetov, das Rätehaus hochgezogen.

Eine sechzehnstöckige Plattenscheußlichkeit aus Beton, die nie bezogen wurde und in diesen Tagen in Potemkinscher Tradition mit Farbe aufgepeppt wird, falls Präsident Putin und Bundeskanzler Schröder beim Vorbeifahren zufällig aus dem Fenster schauen. Der Archäologe Anatolij Valujew interessiert sich nicht für die alberne Kosmetik am Nachbarhaus, er träumt davon in den Mauern des ausgegrabenen Schlosskellers eines Tages ein Museum zu errichten:

"Alle können jetzt sehen, dass sich auf diesem Gelände Vieles erhalten hat. So ist es jetzt nicht nur ein Denkmal der Archäologie, sondern auch eines der Architektur. Man kann diese Ruinen jetzt konservieren und ein Museum daraus machen. Hier im modernen Zentrum von Kaliningrad ersteht so wieder das durch den Willen des Parteiapparates einst verschwundene Königsberger Schloss."

Ein Teil ihrer Träume wird für die beharrlichen Archäologen am 1. Juli pünktlich zu Beginn der Jubiläumsfeierlichkeiten wahr. Am Rande der Baustelle, wo weiter gegraben wird, eröffnet ein improvisiertes Museum unter freiem Himmel. Dort können Kaliningrader und Touristen die Steine aus dem Inneren des Schlosses, Säulensockel, Treppenstufen, gemeißelte Überbleibsel aus verschiedenen Jahrhunderten betrachten, die die Grabungen der letzten vier Jahre ans Tageslicht befördert haben.

Die Männer schwitzen in der Sonne, ihre Opferkörper sind nackt und braun mit Tendenz zu rot, die Mittagssonne brennt erbarmungslos herab und von oben lächelt eine Dame in pink aufmunternd von einem Riesenwerbeplakat in die Grube herab. Doch sie bemüht sich vergeblich, die, die da schuften haben nur Augen für das widerspenstige, steinige, dunkelbraune Erdreich unmittelbar vor ihrer Nase. Nicht zu grob, nicht zu langsam stoßen die Schaufeln rhythmisch hinein. Eine Reihe niedriger flacher Holzbaracken steht in unmittelbarer Nähe des Grabungsortes, für die Verkäuferinnen von Flugtickets, Strickwaren und Hochzeitskleidern dort ist der tägliche Blick darauf zur Gewohnheit geworden. Die meisten wissen, was sich da hinter dem silbrig glänzenden Metallzaun tut:

"Wir sind sehr froh, dass hier die Ausgrabungen stattfinden. Das Bernsteinzimmer ist in der ganzen Welt berühmt.
Ich glaube nicht, dass es hier liegt, es haben schon so viele gesucht, ich habe sogar ein Buch darüber gelesen.
Ach dass ist eine so schöne Legende, wir fühlen uns alle ein bisschen wie ein Teil von ihr, wenn sie es finden, wunderschön, wenn nicht, dann soll die Legende weiterleben, wissen Sie, ich sehe das philosophisch: finden oder nicht finden, manchmal ist einfach der Prozess wichtig, die Suche, die Träume, die diese Menschen leiten."

Philosophen und Archäologen inmitten der Betonwüste am Leninskij Prospekt in Kaliningrad - sie werden weiter unermüdlich träumen und graben. Der Mythos vom Bernsteinzimmer - er wird auch dann überleben, wenn jeder Stein des alten Königsberger Schlosses dreimal umgedreht wurde. Es war ein Symbol deutsch-russischer Freundschaft, ein Geschenk des preußischen Königs an den russischen Zaren - Russen und Deutsche werden gemeinsam weiter danach suchen - so hat das Bernsteinzimmer seine Funktion erfüllt - auch wenn es nie mehr gefunden wird. Kaliningrad wird 750 - eine Stadt mit deutscher UND russischer Vergangenheit und Zukunft.

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Denkmalschutz mit Hindernissen
Königsberg - Kaliningrad

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