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Interview | Beitrag vom 23.01.2020

Gottfried Böhm zum 100. Kirchenbauten wie von einem Bildhauer

Ulrich Königs im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Die katholische Kirche St.Matthäus (Dachansicht) erhebt sich,am 19.08.2017 in Düsseldorf-Garath), wie eine Burg aus Beton, Metall und Stein, über die angrenzenden Häuser. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Wie eine Burg aus Beton, Metallö und Stein: die von Gottfried Böhm entworfene Kirche St. Matthäus in Düsseldorf. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

Ikonografische Sulpturen: So wirkten die Kirchen, die Gottfried Böhm in den 50er- und 60er-Jahren vor allem im Rheinland baute. Seine Werke hätten nicht nur den Kirchenbau, sondern die Architektur insgesamt beeinflusst, sagt der Architekt Ulrich Königs.

Liane von Billerbeck: Wer in Köln aufwächst, der kommt an den Kölner Kirchen gar nicht vorbei, und ich meine da jetzt nicht den Kölner Dom, sondern moderne Sakralbauten, von denen einige mit dem Namen des Kölner Architekten Gottfried Böhm verbunden sind. 50 Sakralbauten hat er entworfen: Sankt Gertrud in Köln fällt mir da ein, ein Betonkirchenbau, oder auch der Pilgerdom im Wallfahrtsort Neviges bei Düsseldorf.

Gottfried Böhm kann heute seinen 100. Geburtstag feiern, und wir wollen über seine Architektur reden und darüber, wie eigentlich Kirchenbau im 21. Jahrhundert gemacht werden muss in Zeiten von immer weniger Kirchenmitgliedern. Wir tun das mit Ulrich Königs, der gemeinsam mit seiner Frau Inhaber von Königs Architekten und als Professor an der Bergischen Uni Wuppertal auch an einem großen Forschungsvorhaben zur Sakralraumtransformation beteiligt ist. Was waren denn Ihre ersten Erfahrungen mit den Bauten von Gottfried Böhm?

Königs: Wie Sie schon in der Einleitung sagten, in Köln kommt man ja gar nicht daran vorbei, mit den Kirchenbauten konfrontiert zu werden, und als Kölner und Katholik ist mir das bauliche Erbe der Böhm-Familie, sage ich jetzt mal, und insbesondere durch Gottfried Böhm sehr wohl bekannt. Meine Kinder zum Beispiel sind beide in einer Böhm-Kirche, allerdings Dominikus Böhm – das ist ja der Vater von Gottfried Böhm – getauft worden. Klar, Sankt Gertrud ist sicherlich ein klassisches Beispiel eigentlich von Böhm, der gleich unmittelbar in der Nähe unseres Büros auch uns fast täglich vor Augen ist. Christi Auferstehung Lindenthal, das sind ikonografische Bauten, die sowohl Kirchenbau als auch Architektur maßgeblich beeinflusst haben.

"Erst denkt man: Da ist ein Alien in der Stadt gelandet"

Billerbeck: Beschreiben Sie doch mal uns Nichtkölnern, wie man eine Böhm-Kirche beschreiben soll. Wie sehen die aus, was macht die aus?

Königs: Erst mal hat man den Eindruck, da ist irgendein Alien in der Stadt gelandet. Also, es sieht außergewöhnlich aus, meistens sehr skulptural wie ein bildhauerisches Werk, weniger wie ein Haus, was man so kennt mit klassischer Fassade, Traufe, Regenrinne und dann irgendein Dach darauf, sondern das sind durch und durch gestaltete, meistens monolithisch in einem Material, vorwiegend Beton, ausgebildete, fast Skulpturen im Stadtraum. Wem so etwas begegnet, nicht nur in Köln, sondern deutschlandweit, der hat eine hohe Trefferwahrscheinlichkeit, dass es sich dabei um eine Böhm-Kirche handelt, von Gottfried Böhm, dem heutigen Geburtstagskind.

Porträt des Architekten Gottfried Böhm im Alter von 95 Jahren. (picture alliance / dpa / Raphael Beinder)Am 23. Januar feiert der Architekt Gottfried Böhm seinen 100. Geburtstag. (picture alliance / dpa / Raphael Beinder)

Billerbeck: Kirchen waren ja nun Jahrhunderte etwas, das wurde für die Ewigkeit gebaut. Wenn Sie heute eine Kirche neu entwerfen, dann müssen Sie kleiner werdende Gemeinden im Blick haben und sogar eine mögliche Umwidmung mitdenken. Wie machen Sie das?

Königs: Das ist ziemlich schwierig, weil, wie Sie schon sagten, in den früheren Jahrhunderten – man kann von Jahrtausenden sprechen – war es undenkbar, dass man eine Kirche gebaut hat und deren andersartige Nutzung dabei mitbedacht hat. Kirchen waren auf ewig gebaut und das im physischen Sinne, also im baulichen Sinne und auch von der Nutzung her. Dass Kirche jemals was anderes sein könnte als Kirche, das ist den Kirchenoberen und auch den Gemeindemitgliedern über Jahrhunderte ja nie präsent gewesen.

Jetzt haben wir in der heutigen Zeit eben diese neue Situation, und das ist etwas zwiegespalten. Wenn ich jetzt dahingehen würde und sagen würde, ich plane etwas, was ein Multifunktionsraum, der alles Mögliche sein könnte und der auch nur eine Zeit lang da ist als Provisorium, dann würden wir eine Essenz verlieren, die dem Kirchenbau anhaftet und die auch unsere gebauten Städte prägt, eben dieses Unveränderliche, dieses Feste, diese Anker in der Stadt, in der Dorfmitte. Dort stand immer die Kirche, egal, ob sie jetzt leer ist, voller ist, mehr oder weniger Leute hineingehen.

Wenn wir jetzt diese in der heutigen Zeit planen, müssen wir das eine tun, also flexibel sein, Nutzungsänderungen miteinbeziehen eventuell, aber eben diesen Wert des Beständigen, des Verlässlichen und des auch Erkennbaren und das Unterscheiden von anderen Bauarten, wie einer Schule oder einem Kongresszentrum, das auch mit im Blick haben. Also das eine tun und das andere nicht lassen.

Böhms Kirchen sind "ikonografische Skulpturen"

Billerbeck: Sie haben es erwähnt, dass die Arbeiten von Gottfried Böhm so ein bisschen wie Aliens sind. Manche sagen auch, die sind im Stile des Brutalismus gebaut, auch wenn er selber den Begriff nicht mag. Wäre denn Beton für Sie bei Kirchenneubauten noch das bevorzugte Baumaterial?

Königs: Ja, der Begriff des Brutalismus wird ja fälschlicherweise von den Laien übersetzt im Sinne von brutal. Béton brute, das kommt aus dem Französischen, das heißt jetzt ja nicht brutal, sondern das ist das sichtbar belassene Betonmaterial.

Billerbeck: Genau, und deshalb fragte ich nach dem Beton.

Königs: Aber die Konnotation ist tatsächlich so – und da kann Herr Böhm als allerwenigstes was dazu –, dass tatsächlich in unserer Alltagserfahrung dem Beton eine negative Konnotation anhaftet, weil in der Nachkriegszeit sehr viele sehr schlechte Bauten mit diesem Material verbunden werden. Ich persönlich arbeite mit diesem Material weniger, weil in der heutigen Zeit mit Beton zu bauen eine etwas andere Voraussetzung erfüllen muss als zu der Zeit, als Gottfried Böhm seine ikonografischen Skulpturen geschaffen hat.

Wir haben Anforderungen, vor allen Dingen hinsichtlich Wärmeschutz, Energetik, und da ist der Beton, wenn man ihn innen wie außen sichtbar lassen will, so wie Böhm es gemacht hat, sehr, sehr schwierig in der heutigen Zeit umzusetzen.

Er verzeiht auch keine Fehler, wenn Sie mit Ziegeln arbeiten, dann kann jeder Ziegel ein bisschen anders sein, und insgesamt sieht es interessant aus. Bei einem Betonbau, das ist ein Material, was sehr schwierig ist. Ich persönlich schätze das Material und liebe es bei Böhm, aber ich selber wende mich lieber anderen Materialien zu.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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