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Literatur | Beitrag vom 08.08.2021

Gottfried Benn und der deutsche SchlagerWenn erst der Abend kommt

Von Helmut Böttiger

Der deutsche Arzt, Dichter und Essayist Gottfried Benn in 1950er-Jahren. (picture allianca / dpa / United Archives / TBM)
Der deutsche Arzt, Dichter und Essayist Gottfried Benn in 1950er-Jahren. (picture allianca / dpa / United Archives / TBM)

Der Skandaldichter von "Morgue", "Trunkene Flut" und "Destillation" feierte in seinen späten Gedichten den Reim und eine melancholisch verhangene Harmonie. Der Benn-Sound klingt wie mancher musikalischer Gassenhauer.

Dass Gottfried Benns Gedichte spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs oft wie Schlager, ja wie Gassenhauer klingen, ist schon des Öfteren festgestellt worden. Alles reimt sich, alles löst sich auf in schönen, melancholisch verhangenen Harmonien. Die Strophen sind ebenmäßig geformt und gehorchen einem eingängigen Rhythmus. Blumen und Pflanzen leisten immer wieder gute Dienste zur Seinsvergewisserung.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Die Anemone kommt in den Gedichten vor und einmal auch die Eberesche. Am meisten hat es Benn allerdings die einschlägige Rose angetan. Man kann sich seine Zeilen durchaus auch in einer anderen Form als der der Lyrik vorstellen: gesungen zum Beispiel von der vielversprechend dunklen Stimme Zarah Leanders.

Zu just jener Zeit, als Rudi Schuricke mit dem Lied von den "Capri-Fischern" Furore macht, beschwört Benn auf fast dieselbe Weise die "Latinität". Da liegt etwas in der Luft, und auch Benn ergreift es. In der Literatur ist er damit den Kollegen und Kolleginnen voraus. Seine Sprache ist häufig mit Alltagsslang versetzt und voller Anspielungen auf die Populärkultur. Benn pflegt einen schnoddrigen, coolen Gestus.

Herzblut und Boden

Der Benn-Sound spielt mit Elementen des Pop, bevor es einen Begriff dafür gibt. Als Sohn eines protestantischen Landpfarrers neigt der Dichter nicht zu großen Gefühlen. Aber da er sie trotz allem ständig in sich spürt, begegnet er ihnen mit einer zwischen Zynismus und Weisheit changierenden Artistik. Dass Benn mit den allermeisten Deutschen gerade einen Blut-und Boden-Rausch mit Millionen Toten in Europa initiiert hat, schwingt im Untergrund zwangsläufig mit:

"Wenn erst die Rosen verrinnen
Vom Baume oder vom Strauch
Und das Entblättern beginnen
Fallen die Tränen auch."


Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat

Die Sendung wurde erstmals am 20. Mai 2012 ausgestrahlt.

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