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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 29.09.2013

Gotteshunger

Von Günter Ruddat

Die evangelische Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle (1929-2003) (picture alliance / dpa / Rolf Rick)
Die evangelische Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle (1929-2003) (picture alliance / dpa / Rolf Rick)

Vor zehn Jahren starb Dorothee Sölle, eine der bedeutendsten und zugleich umstrittenen Theologinnen des 20. Jahrhunderts. Eine Reise durch ein in jeder Hinsicht protestantisches Leben.

Morgen wäre Dorothee Sölle 84 Jahre alt geworden. Eine der bedeutendsten und zugleich umstrittensten Theologinnen des 20. Jahrhunderts. Eine »Reise durch ihr in jeder Hinsicht protestantisches Leben«. Sie spiegelt ihren unentwegten »Gotteshunger«. Kurz vor ihrem Tod am 27. April 2003 hat sich Dorothee Sölle Gedanken zum Anfang einer Reise gemacht:

Was sind die Stationen einer heutigen Reise?
Sie gehen ineinander über, wie das auch in den alten Reisen so war. Ich nenne sie »Staunen«, »Loslassen« und »Widerstehen«. Das Allererste ist das »Staunen«. Das erste auf dem mystischen Weg ist das »thaumazein«, wie die Griechen das nannten – der Anfang der Philosophie, das Verwundertsein, sprachlos werden, etwas erfahren, was man noch nicht gekannt hat oder noch nicht gewusst hat.

Mystische Versunkenheit. Gott und das Glück im Staunen. Das sind ihre letzten Gedanken. In der folgenden Nacht stirbt sie. Ihr Mann, Fulbert Steffensky, ist bei ihr. Und die Gedanken unzähliger Menschen begleiten ihren Weg aus diesem in ein anderes Leben, das sie sich nie so recht vorstellen mochte und doch in dem Bewusstsein erwartete, in Gott hinein zu sterben.

Dorothee Sölle war fromm. Auf eine so besondere, nach dem Leben suchende und fragende Weise, wie es eines ihrer Lieblingslieder spiegelt. Als Dorothee Nipperdey wird sie am 30. September 1929 in Köln in eine großbürgerliche Familie hineingeboren. In einem der vornehmsten Viertel Kölns grenzt man sich von den Nazis ab, arrangiert sich aber so, dass die Lebensverhältnisse sich nicht spürbar verändern.
Als aufbegehrende Jugendliche flüchtet sie sich aus den Erfahrungen dieser Zeit, hinein in die ästhetischen Welten der Romantiker, zugleich aber in die Gedanken der existentialistischen Philosophie. Ein Widerlager findet sie in ihrer Lehrerin Marie Veit. Sie ist nur acht Jahre älter als ihre Schülerin, aber schon promovierte Theologin. Die achtzehnjährige Dorothee ist von ihr gepackt. Marie Veit kennt Heidegger und Sartre genauso gut wie ihre diskussionsfreudige Schülerin. Aber Marie Veit verbindet deren philosophische Positionen mit einem offenen, kritischen, widerständigen Christentum. Später erinnert sich Dorothee Sölle:

"Eine wunderbare Lehrerin, die mir nie mein rotzfreches Geschwätz verbat, mich aber zur Klärung nötigte. Heute denke ich, sie hat meinen Zorn respektiert und meine Arroganz belächelt, sie hat unsere Intelligenz herausgefordert, weil sie Menschen einfach zutraute, daß sie der Erfahrung und des Gewissens fähig sind." (1)

Ein solches Vorbild prägt. Dorothee studiert, wird selbst Lehrerin, heiratet den Maler Dietrich Sölle. Innerhalb weniger Jahre kommen die Kinder Martin, Michaela und Caroline zur Welt. Doch nicht alle Grenzen zwischen den Lebenswelten der Ehepartner lassen sich niederreißen, sie trennen sich. Dorothee Sölle ist inzwischen wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Köln, veröffentlicht Gedichte und schreibt an ihrem ersten großen theologischen Buch »Stellvertretung – ein Kapitel Theologie nach dem 'Tode Gottes'«. Als Dichterin wird sie unter anderem mit dem Droste-Hülshoff-Preis ausgezeichnet. Als Theologin fordert sie heraus und spricht offen aus, was nicht laut gedacht wird in der institutionalisierten Kirche in dieser Zeit:

"Nicht mehr kann Gott als Gewißheit des Herzens (…) vorausgesetzt werden... Wir fangen vielmehr am gottlosen Nullpunkt, den die entwickelte bürgerliche Gesellschaft darstellt, an und nehmen wahr, daß Einer, der uns in vielen Brüdern und Schwestern begegnet, anders lebte als wir: Jesus, der mir verständliche und doch entfernte Bruder (…). Wenn es für mich eine theologisch-politische Kontinuität gibt, dann liegt sie in diesem Anfang bei dem Machtlosen, dem Leidenden und dem Hiesigen. … . Nicht: Jesus (O.T. er) hat's geschafft, darum auch wir, sondern: er wird gekreuzigt, jeden Tag. Mit ihm sein, sein Bild im Herzen tragen, ihm folgen heißt, sich eine Lebensperspektive zu eigen zu machen, die im wesentlichen, unüberbrückbaren Konflikt zur Gesellschaft, in der wir leben, steht." (2)

Diese Positionen polarisieren. Ihre leidenschaftlich vorgetragenen Beiträge fordern heraus, sich über den eigenen Glauben klar zu werden und danach zu fragen, was zu einem veränderten Leben führt.
Einen entscheidenden Anstoß dazu gibt der Vietnamkrieg. Der »Ökumenische Arbeitskreis Köln«, zu dem neben Dorothee Sölle auch Heinrich Böll und der Benediktinerpater Fulbert Steffensky gehören, will auf dem Katholikentag in Essen 1968 einen »politischen Gottesdienst« feiern. Aus Sorge um Provokationen erst für 23 Uhr angekündigt wird dieser Gottesdienst so zum »Politischen Nachtgebet«, mit dem sich dann katholische wie evangelische Kirchenleitungen schwer tun. Aber zum ersten der monatlichen »Politischen Nachtgebete« kommen über 1.000 Menschen in die evangelische Antoniterkirche in Köln. Besonderer Stein des Anstoßes war ein Glaubensbekenntnis von Dorothee Sölle:

"Ich glaube an Gott
der die Welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein Ding das immer so bleiben muss
der nicht nach ewigen Gesetzen regiert
die unabänderlich gelten
nicht nach natürlichen Ordnungen
von Armen und Reichen
Sachverständigen und Uninformierten
Herrschenden und Ausgelieferten
Ich glaube an Gott
der den Widerspruch des Lebendigen will
und die Veränderung aller Zustände
durch unsere Arbeit
durch unsere Politik
Ich glaube an Jesus Christus der recht hatte, als er
"ein einzelner, der nichts machen kann"
genau wie wir
an der Veränderung aller Zustände arbeitete
und darüber zugrunde ging
an ihm messend erkenne ich
wie unsere Intelligenz verkrüppelt
unsere Phantasie erstickt
unsere Anstrengung vertan ist
weil wir nicht leben wie er lebte
jeden Tag habe ich Angst
dass er umsonst gestorben ist
weil er in unseren Kirchen verscharrt ist
weil wir seine Revolution verraten haben
in Gehorsam und Angst vor den Behörden
Ich glaube an Jesus Christus
der aufersteht in unser Leben
dass wir frei werden
von Vorurteilen und Anmaßung
von Angst und Hass
und seine Revolution weitertreiben
auf sein Reich hin
Ich glaube an den Geist
der mit Jesus in die Welt gekommen ist
an die Gemeinschaft aller Völker
und unsere Verantwortung für das
was aus unserer Erde wird
ein Tal voll Jammer Hunger und Gewalt
oder die Stadt Gottes
Ich glaube an den gerechten Frieden der herstellbar ist
an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens
für alle Menschen
an die Zukunft dieser Welt Gottes. Amen."

(3)

Wer so intensiv miteinander denkt und füreinander einsteht, kommt sich näher. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle heiratet 1969 den zur evangelischen Kirche übergetretenen Fulbert Steffensky. Zwei, die von ihrer Herkunft, ihrem theologischen Werdegang, ihrer Glaubenserfahrung nicht unterschiedlicher sein könnten – und einander doch finden wie Puzzlestücke, die gerade wegen ihrer Widerhaken ein Ganzes bilden. 1971 kommt Tochter Miriam zur Welt.
Trotz der gleichzeitig abgeschlossenen Habilitation bleibt der aufmüpfigen Denkerin eine akademische Laufbahn in Deutschland verwehrt. In ihrem Denken aber lässt sie sich nicht einengen. 45 Jahre alt ist sie, als sich in ihren Augen der Horizont weitet. Sie will die Entfremdung und Zerstückelung des Menschen überwinden, politischer Aktionismus ist ihr zu wenig. Ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen birgt sie jetzt in dem großen Mantel christlich-spiritueller Tradition und bindet sie ein in das Buch »Die Hinreise«.
Selbstironisch schreibt sie von Italien aus ihrer Freundin Luise Schottroff über diesen neuen Blick:

"Ich befinde mich auf mystischen Abwegen! Vielleicht habe ich zuviel von dem Zeug gelesen und mich an der 'suezze Gottes' berauscht, aber mir kommt der Materialismus im Marxismus im Augenblick so dumm, kleinkariert und zu falschen Konsequenzen führend vor (…) – und die 'innere Welt' der Religion, des Mythos so verlockend (…). Ich sitze hier auf meiner Terrasse, vor mir das Meer, hinter mir die Weinberge, darüber die heute etwas wolkige Sonne. …" (4)

1975 holt das renommierte Union Theological Seminary die umstrittene Theologin nach New York. Zehn Jahre lang reist Dorothee Sölle für das Sommersemester nach New York, im Winterhalbjahr lebt sie in Hamburg.
Ihre Biographin Renate Wind stellt dazu fest: Ihre revolutionäre Ungeduld, die sie so sympathisch macht, wird zuweilen zu einer Unduldsamkeit. Das reale Leben der Revolutionärin und Mystikerin kommt den steilen Ansprüchen nicht wirklich hinterher. Dorothee Sölle weiß selbst um die Zerreißprobe zwischen mystischer Selbstlosigkeit und elitärer Selbstverliebtheit. Sie kommt ihrer eigenen Widersprüchlichkeit in ihrem »New Yorker Tagebuch« auf die Spur: Sie nimmt sich vor, … die »himmlische Buchführung« zu lernen:

"… Das Graue, Armselige aushalten. Die niedrigen, demütigenden Empfindungen (…) nicht verleugnen – diese Realität wahrhaben."

Nach zehn Jahren in New York hat Dorothee (Sölle) die Möglichkeiten und Grenzen der Freiheit ausgelotet. Im Dezember 1985 nimmt sie Abschied von New York. (5)

Im Wechsel zwischen ihrem Leben in den USA und in Deutschland mischt sie sich in beiden Ländern ein. 1983 demonstriert sie mit Hunderten von Menschen im schwäbischen Mutlangen gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen, neben ihr Heinrich Böll und Erhard Eppler, Dieter Hildebrandt und Petra Kelly, Inge und Walter Jens. Dorothee Sölle wird festgenommen.
Im gleichen Jahr spricht sie vor der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver, beim Anstoß für den »Konziliaren Prozess«: Christliche Kirchen weltweit, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen.
In Deutschland bricht sich die Friedensbewegung unaufhaltsam Bahn. Beim Kirchentag in Hannover 1983 tragen tausende von Menschen die berühmten lila Tücher. »Für ein Nein ohne jedes Ja zu Massen-vernichtungswaffen« steht darauf. Aber nicht nur in Deutschland suchen Christen in diesen Jahren nach Wegen, sich für Frieden und Gerechtigkeit stark zu machen. In Lateinamerika verbreiten sich die Gedanken und Ziele der Befreiungstheologie. Jesus ist auf Seiten der Armen, er steht ihnen bei, nicht den Reichen und Mächtigen!
Einer, der diese Botschaft verkündet, ist Ernesto Cardenal in Nicaragua. Der Theologe und Dichter schließt sich in seiner Heimat der revolutionären Bewegung gegen die Diktatur an. Für Dorothee Sölle wird er ein wichtiger Begleiter. Von ihm lernt sie, angeregt von seinen südamerikanischen Psalmen dichtet sie:

"Ich dein Baum (6)

Nicht du sollst meine Probleme lösen
sondern ich deine gott der asylanten
nicht du sollst die hungrigen satt machen
sondern ich soll deine kinder behüten
vor dem terror der banken und militärs
nicht du sollst den flüchtlingen raum geben
sondern ich soll dich aufnehmen
schlecht versteckter gott der elenden

Du hast mich geträumt gott
wie ich den aufrechten gang übe
und niederknien lerne
schöner als ich jetzt bin
glücklicher als ich mich traue
freier als bei uns erlaubt

Hör nicht auf mich zu träumen gott
ich will nicht aufhören mich zu erinnern
dass ich dein baum bin
gepflanzt an den wasserbächen
des lebens"


Während die revolutionäre Bewegung in Nicaragua 1986 scheitert, gewinnt sie in den osteuropäischen Ländern und in der DDR erst an Kraft. Nach dem Mauerfall im November 1989 spricht sich Dorothee Sölle für eine langsamere Gangart bei der Wiedervereinigung aus. In der Bürgerrechtsbewegung der untergehenden DDR sieht sie Hoffnungspotential.
Friedrich Schorlemmer ist einer der führenden Kirchenvertreter, die die friedliche Revolution 1989 vorangetrieben und geprägt haben. Bei Dorothee Sölle findet er das, was er in der Kirche so sehr gesucht hatte: die überzeugende Verknüpfung von Frömmigkeit und politischer Aktivität, Vernunft und Gefühl, Verstandesschärfe und poetischer Tiefe.
Friedrich Schorlemmer erinnert sich (7):

"Ohne Dorothee Sölle kann ich mir meine theologische, politische und auch poetische Existenz kaum vorstellen. Sie hat den Glauben in eine Sprache übersetzt, aus der das Dogma, das tötet, verbannt war und wo der Glaube zu singen, zu beten, zu streiten anfing. … 1975, als so viele Menschen unser Land verließen, habe ich ihre ›Argumente für die Überwindung der Ohnmacht‹ (8) auf unsere Situation bezogen."

"Wir haben den längeren Atem
wir sind unterwegs in größerer Hoffnung
zu uns gehören die Empfindsamen und Unruhigen
Und die nicht verbittern in traurigen Erfahrungen
Und die hier bleiben
nicht weggehen
wohin die Sonne untergeht
noch wegtreten nach innen
die aber erleben wollen
die menschliche Gemeinschaft
wo aufstrahlt das Licht
Bei uns hat schon mal einer
alle geladen zum Fest."


Gastfreundlichkeit und Gemeinschaft sind Dorothee Sölle und ihrem Mann wichtig. Ihr Haus in Hamburg, nah an der Elbe, hat offene Türen. Im Advent versammeln die beiden Freunde und Nachbarn zum Weihnachtssingen. Im Sommer steht Dorothee Sölle barfuss im Garten und lädt dazu ein, Choräle mit ihr anzustimmen.
Wer dort vorbeikommt, bleibt zum Essen und zum Wein. Für Küche und Speisekammer ist Fulbert Steffensky zuständig. Dafür ist sie immer präsent, fragt nach, erzählt, was ihr durch den Kopf geht, kennt aktuelle Zahlen auswendig, beurteilt Entwicklungen und vergisst unterdessen, auch nur das Salatblatt auf ihrem Teller zu essen. Wer zu Besuch kommt, den beeindruckt der kultivierte Dissens zwischen den beiden Ehepartnern, die einander in inhaltlichen Diskussionen nicht schonen. Er ist ihr zu geistlich, sie ihm zu politisch. Er möchte theologische Geheimnisse auch im Raum stehen lassen, sie sucht nach der konkreten Anwendung des Evangeliums. Er freut sich an einem mit Bedacht und Sinn für das Schöne gedeckten Tisch, ihr ist es gleichgültig, ob die Gläser zueinander passen. Zu erleben ist, wie sich zwei Haltungen dem Leben gegenüber, zwei Lebensnotwendigkeiten unbedingt ergänzen.
In diesen Jahren, die auch von Zusammenbruch und langer Krankheit geprägt sind, wendet sich Dorothee Sölle ihren beiden Lebensthemen zu und verbindet sie in ihrem 1997 erschienenen großen Werk »Mystik und Widerstand«. Lange Jahre stand der Widerstand im Vordergrund. Mit der gleichen Leidenschaft blickt sie nun nach innen und in die Tiefe, sucht nach Gott in und hinter allen Dingen.

"Ich möchte Mystik gerne demokratisieren und sie nicht für eine egalitäre Angelegenheit von Esoterikern halten, sondern als etwas, was wir alle sein können und immer wieder werden. Wir alle haben schon mal die Sonne im Meer untergehen sehen und vielleicht gesagt oder gesummt, oh, wie schön ist Deine Welt, Vater, wenn sie golden strahlet. (…)
Ich glaube an diese Formen der Naturfrömmigkeit, das Überwältigtsein vom Himmel und den Sternen über mir, die Schönheit eines herunter fallenden Blattes. (...)
Ich versenke mich. Ich verliebe mich, ich vergehe. Ich verschwinde in dem Anderen, und dieses Andere ist ein Gefühl der Zusammengehörigkeit der Welt, der Schönheit und der Güte." (9)

Das sind mystische Erlebnisse. Doch auch die reflektierte Mystikerin verbindet Gottesliebe immer mit der unbedingten Suche nach dem Leben und seiner Wahrheit. Sie unterscheidet nicht zwischen mystischer und politischer Theologie. Denn Widerstand braucht einen Grund, braucht die Schärfe der Analyse wie die Schönheit einer Vision. Niemals lässt sie den klaren, kritischen Verstand außen vor. Doch ihre Seele legt sie in ihre Gedichte, in ihre »Theopoesie«, in der sie zwischen Glaube und Zweifel Hoffnung aus der Bibel schöpft – gerade auch in ihren letzten Lebensjahren, in denen sie sich mit ihrer Endlichkeit auseinandersetzt. Fromm und frech:

"Gegen den Tod (10)

Ich muss sterben
aber das ist auch alles
was ich für den tod tun werde

Alle anderen ansinnen
seine beamten zu respektieren
seine banken als menschenfreundlich
seine erfindungen als fortschritte der wissenschaft
zu feiern
werde ich ablehnen

All den anderen verführungen
zur milden depression
zur geölten beziehungslosigkeit
zum sicheren wissen
dass er ja sowieso siegt
will ich widerstehen

Sterben muß ich
aber das ist auch alles
was ich für den tod tu

Lachen werde ich gegen ihn
geschichten erzählen
wie man ihn überlistet hat
und wie die frauen ihn
aus dem land trieben

Singen werd ich
und ihm land abgewinnen
mit jedem ton

Aber das ist auch alles"


Noch in ihrem letzten Vortrag, kurz vor ihrem Tod, macht sie Mut zum Aufbruch:

"Wir beginnen den Weg zum Glück nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene."


Musik dieser Sendung:
(1) Ederlezi, »Saxophon und Orgel, Elemente«, Ralf Benschu (Sax), Jens Goldhardt (Orgel)
(2) Ederlezi, »Saxophon und Orgel, Elemente«, Ralf Benschu (Sax), Jens Goldhardt (Orgel)
(3) Wasser, »Saxophon und Orgel, Elemente«, Ralf Benschu (Sax), Jens Goldhardt (Orgel)
(4) Luft, »Saxophon und Orgel, Elemente«, Ralf Benschu (Sax), Jens Goldhardt (Orgel)

Literaturangaben:
(1) Renate Wind: Dorothee Sölle. Rebellin und Mystikerin. Die Biographie, Stuttgart 2.Aufl. 2009, S. 36.
(2) Wind, aao, S. 57.
(3) Dorothee Sölle: Glaubensbekenntnis (1968), aus: Dorothee Sölle/ Fulbert Steffensky (Hg.): Politisches Nachtgebet in Köln. Band 1, Stuttgart/Mainz 5. Aufl. 1971, 26-27.
(4) Wind, aao, S. 112f.
(5) Wind: Aus dem Beitrag auf dem Kirchentag 2013.
(6) Dorothee Sölle: loben ohne lügen. Gedichte, Kleinmachnow 2000, S. 12.
(7) Friedrich Schorlemmer: Aus dem Beitrag auf dem Kirchentag 2013.
(8) Dorothee Sölle: Argumente für die Überwindung der Ohnmacht, aus: D. Sölle: Die revolutionäre Geduld.Berlin 1974, 23.
(9) Interview mit dem ZDF (2.2.2001).
(10) Dorothee Sölle: Zivil und Ungehorsam. Gedichte, Berlin 1990, S. 49.

"Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Frank-Michael Theuer, Senderbeauftragter für Deutschlandradio, Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), für den Medienbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland."

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