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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.06.2012

Gottesdienst als Pop-Event?

Bei der Leipziger Disputation traf Kirchenmusik auf populäre Kultur

Von Claudio Altmann

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Die Thomaskirche in Leipzig (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Die Thomaskirche in Leipzig (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

Sollte man zukünftig das Evangelium in der Kirche mit Band und Schlagzeug singen? Bei der 4. Leipziger Disputation in der Thomaskirche analysierten Konrad Klek, Professor für Kirchenmusik, und Peter Wicke, Professor für populäre Musik, "800 Jahre Pop - Was macht Musik?".

Mit 200 bewaffneten Studenten im Geleit wie 1519 Martin Luther reiste keiner der beiden Disputanten an. Beim Wortwechsel zwischen dem Reformator und dessen hartnäckigem Gegner Johannes Eck vor 500 Jahren ging es ja auch um entscheidende Religionsfragen. Aber wie damals standen sich die Kontrahenten heute Abend in der Thomaskirche an zwei Pulten gegenüber: Konrad Klek, Professor für Kirchenmusik aus Erlangen, und Peter Wicke, Professor für populäre Musik an der Humboldt-Universität Berlin. Gemäß dem diesjährigen Motto der Lutherdekade "Reformation und Musik" und dem diesjährigen Jubiläum "800 Jahre Thomana" war das Streitthema: "800 Jahre Pop – Was macht Musik?".

"Kirche ist nicht Pop. Da würde ich drauf bestehen."

... sagte Peter Wicke, denn Pop sei an eine kommerzielle Sphäre gebunden. So richtig widersprechen wollte Konrad Klek nicht.

Konrad Klek: "Also wir sind es Martin Luther schuldig, dass die Musik in der Kirche tatsächlich ein Medium ist, wo alle Menschen Lust haben. Ja also, wenn wir die Kategorie der Lust nehmen, die er eingeführt hat: Es muss Lust machen, in der Kirche das Evangelium zu singen. Und wenn es Menschen nicht Lust macht, zur Orgelbegleitung, unter Umständen noch dröge und alles legato zu singen, aber es ihnen Lust macht, mit Band und Schlagzeug zu singen, dann why not."

Why not. Aber bitte selbst singen und selbst musizieren, denn ...

Konrad Klek: "Das ist ja auch der Reiz der Popmusik für junge Menschen, dass sie, wenn sie die über den Computer hören oder sich reinziehen, runterladen, sodass sie da selber quasi Schaltpult spielen können, ihren persönlichen DJ machen usw. . Das sind doch aber keine speziellen musikalischen Tätigkeiten. Das sind technische."

Peter Wicke: "Also, die These, die bei Ihnen jetzt so durchklang - wenn nicht selbst gesungen wird, dann ist es Berieselung und dann ist es schädlich - also, die würde ich vehement bestreiten wollen. Wo liegt das Problem, wenn also die technische Vermittlung, wir sollten auch nicht vergessen, also viele Instrumente – die meisten, die wir benutzen mit Ausnahme der Singstimme – sind ja ebenfalls Apparate, die sich zwischen die klangliche Äußerung und die klangliche Intention des Musizierens stellen."

Konrad Klek: "Der größte Apparat steht da oben." (Blickt auf die Orgel)

Peter Wicke: "Das ist einer der größten Apparate. Das ist völlig richtig. So, also wo liegt das Problem, wenn der Apparat anders aussieht, weil die technische Entwicklung nun mal vorangeschritten ist und damit anderes ermöglicht."

Vielmehr jedoch interessierte Wicke das Phänomen Popevent.

Peter Wicke: "Für mich haben diese Veranstaltungen schon so etwas wie Religionsersatz sowohl unter dem Aspekt des Gemeinschaftsstiftens – wobei ich noch mal sage: Ersatz – des Gemeinschaftsstiftens wie auch was den Aspekt der Sinngebung angeht. Und die spannende Frage ist ja dann: Wofür ist das eigentlich Ersatz?"

Direkte Antwort oder Widerwort bekam er nicht. Klek griff aber den Gedanken auf und landete beim Problem des Missbrauchs der Musik auch durch Religion.

Konrad Klek: "Weil das ziemlich gut trifft, was auch ein gewisses Unbehagen bei mir, oder eigentlich, was das meiste Unbehagen bei mir auslöst. Es gibt auch Strömungen, die jetzt gerade in den letzten zehn Jahren verstärkt sind - nicht unbedingt im landeskirchlichen Kontext, aber auch da - also was man etwa mit Lobpreismusik und so etwas bezeichnet. Da ist vergleichsweise das 'Danke'-Lied was Harmloses. Also da wird mit ganz massivem Sound gearbeitet. Und die Strategie ist wirklich auch von evangelikalen Intentionen her geprägt, die Menschen mit der Musik – also ich sag es jetzt mal bösartig – zur Strecke zu bringen."

Nach knapp 90 Minuten Disputation blieb Wicke bei seiner These: Pop hat in Kirche nie stattgefunden und das bleibt auch so. Widerspruch vom Kontrahenten?

Konrad Klek: "Nein, ich hör das gerne." (Beide lachen).

Peter Wicke: "Eins zu Null für die Popkultur."

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