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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 26.06.2011

"Gott, ein Nichtgott, eine Nichtperson, ein Nichtbild"

Der große Mystiker Meister Eckart heute

Von Elena A. Griepentrog

Blick in den Innenhof des Dominikanerklosters in Prenzlau (Brandenburg) (picture alliance / dpa - Patrick Pleul)
Blick in den Innenhof des Dominikanerklosters in Prenzlau (Brandenburg) (picture alliance / dpa - Patrick Pleul)

Er wurde vor über 750 Jahren geboren und ist doch so modern wie kaum ein anderer Theologe: Eckart von Hochheim, genannt Meister Eckart, Dominikaner-Mönch und der wohl wichtigste Theologe und Mystiker des späten Mittelalters.

Sein Geheimnis sind wohl seine originellen und sehr zeitgemäßen Gedanken über Gott, den Menschen und die Kunst des christlichen Lebens, vor allem aber seine Hilfestellung zu einem mündigen, erwachsenen Glauben und Lebensstil. Doch Meister Eckarts Schriften sind so universal, dass er auch in in anderen Religionen wie Hinduismus und Buddhismus hoch respektiert ist. Sogar für Atheisten und Erkenntnissuchende ist er oft ein großer Gewinn, denn beinahe alle wichtigen Fragen des menschlichen Lebens kommen bei ihm vor, ohne, dass er je Vorschriften macht.

Ein roher Tisch, ein wackliger Stuhl, ein knarzendes Bett. Und da steht er vor mir: Meister Eckart, der wohl größte Theologe und Mystiker des späten Mittelalters, in einer Kerkerzelle. Zermürbt und noch immer fassungslos übt er seine Verteidigungsrede gegen die Vertreter der Inquisition. Der Schauspieler Werner Schuster stellt ihn dar, im Theaterstück "Meister Eckart". Die Kirchenobrigkeit des 13./14. Jahrhunderts hat ihn lange gewähren lassen mit seinen Schriften und Predigten, die zum Revolutionärsten gehören, was wohl in der Kirche je geschrieben und gesagt worden ist. Doch nun - am Ende seines Lebens, um das Jahr 1328 – wird Meister Eckart doch noch wegen Ketzerei und Irrglaubens angeklagt. Im Bühnen-Gefängnis wartet er auf seinen Prozess.

"Vielleicht überrascht es Sie, dass Sie Meister Eckart in solch einer Lage vorfinden. Den Meister Eckart. Doktor der heiligen Theologie. Wie Ihnen selbstverständlich bekannt sein dürfte, predigte er in den größten Gotteshäusern Europas. Straßburger Münster, Kölner Dom, Notre Dame de Paris. In aller Bescheidenheit: Vor Hunderten mal Hunderten mal Hunderten von seiner Rede zutiefst ergriffenen Zuhörerinnen und Zuhörern."

In der Tat ist Meister Eckart zu seiner Zeit der wohl berühmteste und einflussreichste Theologe und Philosoph. Geboren wird er im Jahr 1260 in der Nähe von Gotha, vermutlich als Sohn eines Ritters, da sind sich die Forscher nicht ganz sicher. Noch als halbes Kind tritt er in den Orden der Dominikaner in Erfurt ein. Mit gerade einmal 17 Jahren schickt ihn der Orden nach Paris zum klassischen mittelalterlichen Studium der "sieben Künste", von Grammatik über Astronomie bis zur Geometrie. Eckart ist ein früher Europäer: In Köln studiert er danach Theologie. Erfurt, Köln, Paris, dazu Straßburg - Städte, an denen er auch später immer wieder leben wird. Und unterrichten. Denn mehrmals wird er auf einen Lehrstuhl für Theologie an der Pariser Universität berufen, eine Ehre, die vor ihm nur solch illustren Persönlichkeiten wie Thomas von Aquin zuteil wurde.

Zusätzlich muss Meister Eckart fast sein ganzes Leben lange Reisen unternehmen, zu Fuß natürlich. Seine Aufgabe innerhalb des Ordens ist es, Dominikaner- und Dominikanerinnenklöster regelmäßig zu besuchen und auch neue Klöster zu gründen – und dies in einem Gebiet, das von der Mark Brandenburg bis in die Niederlande reicht. Und als ob das noch nicht reicht, verfasst er auch noch unzählige Traktate und Bücher, für Gelehrte wie für das Volk. Die Menschen verehren ihn in halb Europa.

Meister Eckart scheint förmlich zu brennen vor inniger Leidenschaft für seinen Gott. Und seine Schriften und Predigten haben es wirklich in sich, sie verkünden ein sagenhaft freies Bild von Gott und vom Leben des Menschen. Das alles in poetischer und sehr bildhafter, oft metaphorischer Sprache. Gerade seine Sprache ist so ungewöhnlich mehrschichtig und dicht, dass die damals strengen kirchlichen Zensoren seine Schriften wohl oftmals gar nicht verstehen, sie lassen ihn weitgehend in Ruhe.

Doch im hohen Alter erwischt es auch ihn, er muss sich vor der Inquisition wegen Ketzerei verantworten. Missliebige Mitbrüder des eigenen Ordens haben ihn denunziert, mehrere Prozesse gegen ihn werden angestrengt. Die Ankläger erstellen lange Listen mit angeblich ketzerischen Sätzen aus seinen Schriften. Meister Eckart wehrt sich gegen der Vorwurf des Glaubensabfalls, er macht sich sogar auf zum Papst, von Köln bis Avignon, wo der Papst damals im Exil residierte, mit 68 Jahren zu Fuß. Irgendwo auf dem Weg muss er gestorben sein, wahrscheinlich eines natürlichen Todes, seine Spuren verlieren sich in der Geschichte. Es war wohl sein Glück. Denn seine Schriften landen tatsächlich auf dem Index. Von nun an ist es bei Strafe verboten, seine Werke zu lesen oder gar zu verbreiten.

Meister Eckart ist für mich ein Phänomen. Sein Ruhm als Theologe und Mystiker verblasste im Laufe der Jahrhunderte nach der Verurteilung seiner Schriften. Doch gerade seine Schriften sind es, die weiter lebten, sie wurden unter falschem Namen weiterverbreitet und vielfach gelesen. Erst im 19. Jahrhundert entdeckten Theologen auch Meister Eckart selbst wieder. Gleichzeitig wendeten sich auch andere Disziplinen seinen Schriften immer mehr zu. Z.B. Germanisten: Eckart war einer der Ersten, die auf auch deutsch schrieben, noch dazu in einer Hochsprache. Oder Philosophen: Schließlich ist Eckart auch ein gewichtiger philosophischen Denker, beinahe so etwas wie ein früher Existenzialphilosoph. Und später interessierten sich auch Psychologen, vielleicht, weil Meister Eckart wohl der erste Theologe war, der im Menschen ein Individuum sah. Noch dazu eines, das Gott nicht im Außen, sondern in sich selbst suchen sollte.

Und noch eine große Gruppe begeisterte sich für Eckart: Angehörige anderer Religionen. Seine Schriften sind bei allem tiefen christlichen Glauben so universal, dass sie eine ideale Brücke im Dialog der Religionen sind. Hindus oder muslimische Mystiker finden bis heute sehr leicht einen Zugang zu Meister Eckart, sein Ansatz kommt ja ihrer Denkweise sehr entgegen. Vor allem aber Buddhisten verehren ihn. Auch Harald-Alexander Korp, Autor des Theaterstücks, hat Meister Eckart in buddhistischen Schriften wiedergefunden.

"Bei meinem Studium der Religionswissenschaften bin ich natürlich Eckart schon begegnet, aber den richtigen oder für mich emotionalen Zugang habe ich über den Buddhismus gefunden, gerade wegen der Emotionen. Und den Umgang, wie gehe ich mit meinen eigenen Gefühlen, mit Aggressionen, mit Zorn, mit Liebe, mit Freude, wie gehe ich damit um. Und der Buddhismus versucht ja da, einen Weg aufzuzeigen, in dem er sagt, wenn ich an etwas anhafte, wenn ich eine Gier entwickle und etwas unbedingt haben möchte, wird sich daraus ziemlich zwangsläufig Leid entwickeln. Und das ist eine der Brücken zu Eckart, der eben auch unseren Geist beobachtet, im Grunde eine Wissenschaft vom Geist, wie vom Denken, vom Fühlen. Und viele Buddhisten zitieren Eckart immer wieder, das fällt auf. Also, vom Buddhismus kann man Eckart leichter verstehen paradoxer Weise. Und ich kenne nun einige Leute, die über den Buddhismus, so wie ich selbst letztendlich auch, letztendlich zu Eckart wieder gefunden haben, zu einer christlichen Tradition. Und auch das fasziniert mich natürlich sehr. Weil ich bin ja christlich aufgewachsen und freue mich natürlich, wenn ich etwas finde, was mich so begeistert wie buddhistische Schriften. Also, diesen Schatz zu heben und zu pflegen und damit umzugehen, ist einfach eine große Freude!"

Sogar Atheisten und Erkenntnissucher lesen Meister Eckart mit Gewinn. Denn letztlich geht es in seinen Schriften oft um bleibende Fragen: die Kunst des Lebens, die Kraft der Liebe, menschliches Miteinander, die persönlichen Werte, der Sinn des eigenen Lebens, die Gestaltung der Gesellschaft und die Urgründe des menschlichen Lebens. Und auch um die Frage nach Verantwortung und Schuld. Wo kann ich sie nicht vermeiden? Wo hätte ich sie vermeiden müssen?

Meister Eckart – der große kirchliche Revolutionär des Mittelalters. Doch genau dies wollte er ganz offensichtlich nie sein. Er war kein kantig-kühner Martin Luther und auch kein flammender Girolamo Savonarola. Kirchliche Dogmen, Sakramentenlehre oder katechestische Lehrschriften, der Stand der Geistlichen oder gar die Strukturen der Kirche, all das kommt bei Eckart kaum vor. Ihm ging es allein um den Glauben, einen Glauben, der direkt aus dem Herzen kommt und ohne viele Regeln auskommt. Um einen freien Glauben, der den Menschen trägt, ihn von innen her verändert und umgestaltet, um christliche Lebenskunst. Trotz der Anfeindungen am Ende seines Lebens, niemals ist ihm wohl in den Sinn gekommen, sich von der Kirche loszusagen. Boris Knop, Regisseur des Theaterstücks "Meister Eckart".

"Es geht jetzt nicht um einen Skandal im weitesten Sinne, sondern es geht um sein Leben, und es geht um die Darstellung eines Menschen, der glaubt. Der einen Glauben hat und diesen auch erfahrbar darstellt. Man kann das dann auch teilen - in all seinen Facetten, in der Faszination, in der Fröhlichkeit, der Glauben, was da in dem Wort drin steckt, aber auch in der Verzweiflung darüber. Also, muss ich das jetzt weitermachen, wie weit gehe ich."

"Du sollst Gott lieben wie er ist: ein Nichtgott, ein Nichtgeist, eine Nichtperson, ein Nichtbild."

Ein Nicht-Gott. Da ist sie, diese radikale Sprache Meister Eckarts. Das heißt noch viel mehr, als sich an das zweite Gebot zu halten: Du sollst den Namen Deines Gottes nicht missbrauchen. Natürlich, der Mensch soll sich kein Bild von Gott machen. Er soll auch nicht, wie besonders im Mittelalter üblich, Gott vermenschlichen, nicht versuchen, ihn zu berechnen oder durch Bitt-Gebete und gute Werke zu manipulieren. Doch Meister Eckart geht noch weiter: Man solle sogar jedes Bestreben, Gott zu folgen oder seinen Willen zu erfüllen, aufgeben. Kein Wollen, kein Wissen, nur noch pures Sein. Denn Gott selbst sei ein dauerndes Fließen, ein "Werden ohne Werden", nur im konkreten Augenblick könne Gott erfahrbar sein. Da muss man sich wohl erst mal setzen. Zu sehr widerspricht dies unseren oft erlernten oder zumindest schon gehörten Gottesvorstellungen, die am Ende irgendwie alle aufgehen, keine Widersprüche, nur erfassbare Harmonie. Ja, Meister Eckart widerspricht sogar dem Bedürfnis des Menschen, überhaupt eine, wenn auch vielleicht unbewusste, Vorstellung von Gott zu haben. Das ist übermenschlich.

Doch Eckart war eben ein radikaler Wahrheitssucher, keine kirchliche Dogmatik, keine Tradition und keine erlernten Glaubenssätze konnten seine existenziellen Fragen jemals abschließend beantworten. Er selbst versucht es gar nicht erst. Seine Schriften sind wie ein Tasten, Fragen und Umkreisen der Wahrheit. Oft schreibt er voller dichter Metaphorik, mit vielen Begriffen, die wie Eigenschöpfungen klingen. Keine Verbote hemmen sein Denken oder Fühlen, manches scheint sich sogar zu widersprechen. Manche Schriften sind leicht zu verstehen. Bei vielen anderen, zum Beispiel bei den meisten Predigten, kann man dagegen leicht von einer Verzweiflung in die nächste stürzen. Weil man meint, nun aber wirklich gar nichts mehr zu verstehen. Oder man fällt von einem Gefühl der Erleuchtung in das nächste. Weil man einen Zipfel der Wahrheit fast körperlich zu spüren meint. Wenn man dran bleibt, werden diese Momente im Laufe der Zeit immer länger, das Innere ordnet sich langsam fundamental neu. Doch Gott erfassen, das ist letztlich unmöglich, sagt Meister Eckart immer wieder. Das sei eben noch nicht einmal anzustreben.

"Hätte ich einen Gott, den ich verstehen könnte, ich wollte ihn nimmer für Gott halten."

"Ich habe neulich darüber nachgedacht, ob ich wohl von Gott etwas annehmen oder begehren wollte: Ich will mir das gar sehr überlegen, weil ich da, wo ich von Gott empfangen würde, unter ihm oder unterhalb seiner wäre wie ein Diener oder Knecht, er selbst aber im Geben wie ein Herr wäre! Und so soll es mit uns nicht stehen im ewigen Leben."

Genau das ist das wahrscheinlich Mutigste in Meister Eckarts Schriften: Er sieht den Menschen nicht einfach als passives Geschöpf Gottes, sondern geradezu auf einer Augenhöhe mit ihm. Was für ein Selbstbewusstsein Eckarts! Doch dahinter steckt wohl nicht einfach Überheblichkeit, sondern seine Überzeugung: Gott wird durch erst den Menschen zu Gott. Umgekehrt wird der Mensch erst durch Gott zum Menschen. Zum wahren Mensch könnte man vielleicht ergänzen. Und so ist Gott auch kein fertiger Gott, sondern einer, der ständig neu wird, er ist ein Prinzip, ein Prozess. Ein Gott, der von jedem Menschen ständig neu in diese Welt hinein geboren werden will. So wie der Mensch durch Gott immer wieder neu geboren wird. Und zwar neu geboren als sein Sohn, wie Eckart ausdrücklich sagt. Als seine Tochter, könnte man wohl heute guten Gewissens hinzufügen. Was bei Eckart immer wieder klingt wie erstaunlich frei von jeglicher Demut, ist vielleicht einfach nur konsequent: Wenn mir Gott immer mehr in Fleisch und Blut übergeht, dann wird ja die Trennung zwischen Gott und Mensch immer kleiner.

"Gott und ich, wir sind eins."

Dann braucht der Mensch kaum noch Regeln, dann braucht er keine Angst mehr, dann gibt es auch keine Sünde mehr, im Sinne eines Übertretens von Regeln. Dementsprechend ist Sünde bei Eckart auch kein moralischer Begriff. Sünde bedeutet einfach Absonderung, ein bewusstes Heraustreten aus dieser Einheit mit Gott, in der der Mensch dennoch nicht verschluckt wird, sondern frei ist.

Meister Eckart hat wohl auch die zehn Gebote in ihrem Original gelesen. Dort heißt es eben nicht: Du sollst nicht töten, Du sollst nicht fremde Götter anbeten usw., sondern: Du wirst nicht töten, Du wirst keine fremden Götter anbeten. Also, eine ganz logische Folge, kein Kampf und Krampf. Jedenfalls im Idealfall.

"So wahr das ist, dass Gott Mensch geworden ist, so wahr ist der Mensch Gott geworden."

"Wer werden will, was er sein sollte, der muss lassen, was er jetzt ist."

Gelassenheit ist einer der zentralen Begriffe in Meister Eckarts Lehre. Gelassenheit ist ein schönes Wort, weil es so vielschichtig ist. Damals hatte Gelassenheit noch vor allem mit "lassen" zu tun. Heute würden wir wohl "loslassen" sagen. Das heißt frei werden von allem Verbeißen in den eigenen Willen, in Ansprüche an das Leben, in Erwartungen an andere Menschen. Ich bin nicht mein Wunsch und mein Gefühl, ich habe sie, würde vielleicht so mancher Psychologe heute formulieren. Dieses Lösen aus Verstrickungen nennt Eckart Gelassenheit oder auch "leer werden". Vielleicht kann man es auch so sagen, frei nach Meister Eckart: Wenn ich innerlich frei bin, dann bin ich einfach nur noch. Dann bin ich im absoluten Sein, also in Gott. Fern wären dann all die sinnlosen Reizüberflutungen dieser Welt, der Mangel an innerer Ordnung und Halt, die emsige Bestandssicherung. Denn dann wäre ich in meiner Mitte. Und das ist bei Meister Eckart Gott. So rät er folgerichtig auch, man solle Gott nicht im Außen suchen, sondern in sich selbst. Ach, welch weiter Weg! Vielleicht hilft aber schon ein Umdenken, ein langsames Sichnähern dieser Zentrierung in Gott.

"Wo die Seele ist, da ist Gott, und wo Gott ist, da ist die Seele."

Eckart geht noch weiter: Ein wahrhaft geistlich gereifter Mensch ist für ihn ein handelnder Mensch! Die berühmte Evangeliums-Stelle vom Besuch Jesu bei Martha und Maria deutet er in einer seiner Predigten in ganz eigener Weise. Nicht wie allgemein üblich lobt er die Jesus zu Füßen sitzende und einfach nur zuhörende Maria. Nein, er ergreift Partei für ihre Schwester Martha, die währenddessen in der Küche tut und macht, um Jesus angemessen zu bewirten. Die eigentlich Reifere sei Martha! Denn sie sei sozusagen schon ganz im Hier und Jetzt, im Augenblick, im reinen Sein. Maria dagegen ist für Eckart noch nicht reif genug, sie müsse noch in der rein kontemplativen Haltung bleiben.

Man muss dieser Deutung Eckarts der Evangeliumsstelle nicht zustimmen. Er gibt zum Glück keine Vorschriften, sondern Denk- und Fühlanstöße. Vielleicht nutzt er diese Stelle des Evangeliums auch einfach, um einen Kernpunkt seiner Schriften zu verbreiten: Praktische Gerechtigkeit, die direkt aus der Mitte fließt. Handelnde Mitmenschlichkeit, die aus dem Herzen strömt. Oder – wie es der Psychotherapeut Erich Fromm formuliert: nicht die Existenzweise des Habens macht Leben aus, auch nicht des Gott-Habens, des Moral-Habens, des die Wahrheit-Habens. Sondern die Existenzweise des vollen Seins: Tätigsein, Lieben, Sich-Verströmen.

"Gott, ein Nichtgott, eine Nichtperson, ein Nichtbild". Meister Eckarts Schriften sind zum Teil sehr schwierig, man kommt wohl niemals damit an ein Ende, weder mit ihren Inhalten noch mit ihrer Menge. Muss man auch nicht. Man wird wohl auch nie die eine gültige Interpretation finden für Eckarts Bilder, Sätze, Schriften, Bücher. Und man kann ihn sicher mit viel geisteswissenschaftlicher und theologischer Vorbildung lesen oder eben gerade ohne. Oder auch als säkulare Lebenshilfe, als originelle Philosophie des Mittelalters, als faszinierendes sprachliches Dokument einer frühen deutschen Poesie.

Entscheidend ist: Meister Eckart, geboren im 13. Jahrhundert in Thüringen, ist bis heute einer der modernsten Denker und zumindest für mich einer der weisesten Christen der Weltgeschichte. Und damit eine kostbare Hilfestellung zu einem mündigen Glauben mit Fleisch und Blut. Und gleichzeitig ist er ganz einfach so, wie sich die große Ausstellung 2010 in Erfurt über neue mystische Kunst anlässlich des Meister-Eckart-Jahres nannte: "unaussprechlich schön".

Musik dieser Sendung.
Gregorianische Choräle, Chor der Stiftsschule Einsiedeln
Adorate Deum, Nova Schola Gregoriana

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat Pfarrer Lutz Nehk, der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur.

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