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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.05.2005

"Good Morning, Lehnitz"

Über das Erwachsenwerden während der Wende

Rezensiert von Vladimir Balzer

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NVA-Soldaten in Ostberlin, 1989 (AP)
NVA-Soldaten in Ostberlin, 1989 (AP)

Für Tilli spielt sich die Wende so ab: Auszug aus der elterlichen Wohnung, Einzug in eine WG, Auszug aus der WG, Einzug in eine Kaserne. Tilli Albrecht ist 19, als sie sich schweren Herzens entscheidet, ihr Abitur nachzumachen. In einer Kaserne der NVA.

In dem kleinen Nest Lehnitz bei Berlin, glücklicherweise verbunden mit der S-Bahn mit der großen Stadt. Dort in Lehnitz sind findige Angehörige der "Nationalen Volksarmee" auf die Idee gekommen, den Abiturkurs, den sie früher für ihre Offiziersanwärter gegeben haben, mit der politischen Wende einfach auf alle potenziellen Abiturienten auszuweiten. Damit auch auf Tilli Albrecht, eine junge Frau, die man eher dem alternativen Spektrum zurechnen würde und deren Eltern mit dem DDR-Staat so viel zu tun haben wie mit dem Nordpol. Dort in Lehnitz beginnt ihre richtige Erwachsenwerdung. Sie trifft auf einen Haufen Glücksritter, die das Ende der DDR als Anfang eines neuen Lebens sehen, die mit verschiedener Motivation ihr Abitur machen, die sich wundern, was am Morgen nach dem Beitritt zu Bundesrepublik mit "ihrer" Kaserne und "ihrer" Schule geschieht, die sich fragen, was Effi Briest mit ihrem Verständnis von Liebe zu tun hat, die sich in einem neuen Leben und einer neuen Gesellschaft einrichten müssen, bei deren Ankunft sie von Glück sagen können, dass sie noch so verdammt jung sind.

Christine Anlauff hat einen erfrischenden Roman mit viel Situationskomik und - vor allem - viel Selbstironie geschrieben. Es ist eine Jugend ohne Rebellion; und gleichzeitig eine, die ohne Eltern auskommen muss, weil die ihre eigenen Schwierigkeiten mit der Wende haben. Eine Jugend, die versucht ihre erste Liebe zu leben, ohne Rücksicht auf die Verhältnisse zu nehmen, die für viele in ihrer Umgebung eher nach Rückzug und Resignation aussehen, als nach Aufbruch.

Christine Anlauff legt gleich mit ihrem ersten Buch einen Unterhaltungsroman allerhöchster Güte vor, der glaubwürdig und genau die Stimmung der Wende nachzeichnet, wie sie Jugendliche erlebt haben, die in der DDR groß geworden sind, aber ihr echtes Erwachsenwerden erst in der Bundesrepublik begannen.


Christine Anlauff: Good Morning, Lehnitz
Roman, Kiepenheuer
364 Seiten
19,90 Euro

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