Seit 01:05 Uhr Tonart
Montag, 26.07.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 12.09.2012

Goldmarie und Pechmarie

Die estnisch-lettischen Grenzorte Valga und Valka

Von Michael Frantzen

Die "Zwillings-Städte im Herzen Europas" sollen zusammenwachsen. (AP)
Die "Zwillings-Städte im Herzen Europas" sollen zusammenwachsen. (AP)

Es wächst zusammen, was zusammengehört oder eben auch nicht: Vor über 90 Jahren wurde die Stadt Walk zwischen Lettland und Estland aufgeteilt. Unter der Sowjetherrschaft verschwand dann die Grenze, zwei Städte wurden wieder zu einer, danach wurden wieder Eigenständigkeit und Andersartigkeit in zwei getrennten Städten zelebriert. Heute wachsen die Grenzorte Valga und Valka wieder zusammen, vermarkten sich gemeinsam als "Zwillings-Städte im Herzen Europas".

Selbst das Wetter spielt mit! Marika Post blinzelt gen Himmel, wo allenfalls ein paar Schäfchenwolken der Sonne in die Quere kommen. Es ist noch einmal spätsommerlich warm geworden – in Valka, der lettischen Kleinstadt an der Grenze zu Estland. Bis in die Hauptstadt Riga sind es gut 160 Kilometer. Die 43-Jährige hat sich in Schale geworfen – wie die meisten der rund vierzig Anwesenden, die heute Morgen ans Ufer des Flusses Pedele gekommen sind.

Die Herren tragen Anzug und bunte Krawatten, die Damen nicht minder bunte Sommerkleider. Marika schaut zu einem schüchternen Mädchen mit geflochtenem Zöpfen rüber: Mette, ihre Tochter. Zusammen mit 19 anderen Kindern hat die 11-Jährige in den letzten Tagen kleine, bunte Steine auf Felsbrocken am Flussufer geklebt, um daraus Mosaike in Form von Schlangen oder Elefanten zu machen. Zehn Kinder kommen aus Valka mit seinen 6000 Einwohnern, zehn, wie Mette, aus der doppelt so großen estnischen Zwillingsstadt Valga.

Eine Stadt, zwei Staaten: Mettes Mutter kann das offizielle Motto wie auf Kommando abspulen. Ist ja auch Teil ihres Jobs als Entwicklungsberaterin von Valga, der rund 240 Kilometer südlich der estnischen Kapitale Tallinn gelegenen Provinzstadt: Beide Seiten zusammen zu bringen. Die estnische Power-Frau wippt mit den Füssen und schaut verstohlen auf ihre Armbahnuhr: Sie muss bald los, rüber über die Brücke nach Valga. In einer halben Stunde wird dort der estnische Teil des Mosaik-Parks eröffnet.

Frau: "Schauen sie nur: Da! Die alte Grenzstation! Vor Schengen, also bis zum Wegfall der Kontrollen Ende 2007, standen auf beiden Seiten Grenzwächter. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sie immer auf und ab patroullierten."
Heute zieht hier niemand mehr seine Runden. Auf dem Dach der verfallenen Grenzstation turnen an diesem Morgen zwei waghalsige Jungs herum, während an der Bushaltestelle auf estnischer Seite ein älterer Mann vor sich hin döst. Seine Augen sind rot unterlaufen: Zu viel Wodka. Das mit dem Alkoholismus sei schlimm, hüben wie drüben, meint Marika Post im Vorbeifahren – und drückt aufs Gaspedal.

Frau:
"Es ist schon interessant: Valga und Valka sind so verschieden: Die Architektur, wie wir uns kleiden, Mentalität-Unterschiede. Unser Arbeitsethos gleicht eher dem von euch Deutschen. Wir sind präzise: Punkt acht ist das Treffen?! Dann bin ich natürlich sicherheitshalber fünf vor acht da. Wir Esten sind auch entscheidungsfreudiger. Wenn ich ein Projekt leite, bin ich der Boss. Ich entscheide. Ich muss mich nicht ständig bei meinen Vorgesetzten rückversichern. Die Letten müssen erst immer ihre Chefs um Erlaubnis fragen. Bei denen ist alles noch viel hierarchischer. Das spürst du einfach."

Mit den Mentalität-Unterschieden der Esten und Letten kennt sich auch Änika Tuomina aus.

Das ist Lettisch.

Das Estnisch. Änika spricht beides fließend. Plus Russisch. Das haben ihre lettische Mutter und ihr estnischer Vater miteinander gesprochen, bevor sie sich vor zehn Jahren getrennt haben. Seitdem lebt die ernste 18-Jährige alleine mit der Mutter in einem der typischen fünfstöckigen Klinkerbauten aus den Siebzigern, wie es sie im lettischen Valka häufig gibt. Sie stammen noch aus kommunistischen Zeiten, als Lettland und Estland sowjetisch waren – und Valka und Valga eins.

Küche, Wohnzimmer, zwei kleine Schlafzimmer, ein winziger Balkon – viel mehr ist nicht. Eigentlich wäre Änika in den Schulferien gerne in Urlaub gefahren, ein paar Tage an die gut 130 Kilometer entfernte Ostsee. Doch dafür war kein Geld da. Und so tut Änika das, was viele Jugendliche hier tun, wenn sich die Tage wie Kaugummi in die Länge ziehen: Mit Freunden "abhängen".

Frau:
"Meine Freunde sind fast alles Letten. Ich bin kaum in Estland. Eigentlich nur zwei mal die Woche, wenn ich zur Tanzschule in Valga gehe. Breakdance und so was. Seit letztem Jahr haben wir auch eine lettische Tanzlehrerin, die zwei mal die Woche extra aus Riga, der Hauptstadt, anreist. Für die übersetze ich, weil sie kein Estnisch kann. Lettisch und Estnisch sind ja grundverschieden. Verdammt anstrengend: Wenn ich um neun nach Hause komme, bin ich meist todmüde, aber: Dann muss ich ja noch meine Hausaufgaben machen."

Die Schule ist Änika wichtig. In einem halben Jahr macht sie Abitur. In ihrem schlicht eingerichteten Zimmer stapeln sich die Schulbücher: Geschichte, Englisch, Kunst. Sie nimmt sich eines: Ein Band über die baltische Backsteingotik. Wenn alles klappt, will sie Kunst studieren. Ob in Riga oder im estnischen Tartu, an der renommierten Universität dort – das weiß sie noch nicht. Eines aber weiß sie ganz sicher: In Valka wird sie auf keinen Fall bleiben.

Änika: "Ich möchte keinen unqualifizierten Job machen, wie meine Mutter. Die arbeitet als Kassiererin, auf der estnischen Seite. Verstehen sie mich nicht falsch: Ich liebe Valka. Ich bin hier zu Hause. Aber hierbleiben?! Das geht nicht. Die Stadt ist zu klein. Wir sind, glaube ich, gerade einmal 6000 Einwohner. Und drüben, in Valga, sind es auch nur 13.000. Alle guten Jobs sind vergeben. Und neue kommen keine hinzu. Ich will wirklich nichts Schlechtes über meine Heimatstadt sagen, aber: So ist es nun mal."

Fast jeder fünfte in Valka ist arbeitslos. Die lettische Klein-Stadt zählt damit mit zu den Schlusslichtern Lettlands: Auf rund zwölf Prozent ist die Arbeitslosigkeit im Landesdurchschnitt gefallen, in der Hauptstadt Riga sogar auf knapp acht Prozent. Drei Jahre nach dem brutalen Absturz infolge der internationalen Wirtschaftskrise und einer hausgemachten Immobilienblase hat sich der Balten-Staat per Sparkurs wieder berappelt. Gleiches gilt für den nördlichen Nachbarn.

Letztes Jahr verzeichnete Estland, das Vorzeigeland des Baltikums, mit einem Plus von acht Prozent das höchste Wirtschaftswachstum aller EU-Länder. Besonders die Hauptstadt Tallinn profitiert von jungen, aufstrebenden IT-Unternehmen – und den Besucherströmen, die per Flugzeug oder Fähre die alte Hansestadt ansteuern. Ins abgelegene Valga verirrt sich kaum ein Tourist – da kann Kalev Härk im historischen Rathaus, vor dessen Eingang zwei blaue Elektro-Autos auf ihren Einsatz warten, auch noch so sehr die Werbetrommel rühren.

Der Anfang 40-Jährige ist seit gut anderthalb Jahren Bürgermeister – und beliebt: Ein Macher-Typ, bescheiden und jovial. Loben sie ihn hüben wie drüben. Anders als sein lettischer Amts-Kollege in Valka, der auf die Rente zu geht - und nicht gerade durch besondere Dynamik besticht. Verstehen sich trotzdem – die zwei. Pragmatischerweise.

Härk: "”Auf lettischer Seite haben sie ein sehr gute Kunst-Schule. Dort bieten sie jetzt neuerdings Kurse auf Estnisch an. Umgekehrt hat bei uns vor kurzem eine neue Berufsschule eröffnet. Ab diesen Herbst unterrichten wir dort auch auf Lettisch. Es macht doch keinen Sinn, alles doppelt zu haben. Unser Bahnhof in Valga zum Beispiel: Wir haben uns gerade gemeinsam entschieden, ihn zu renovieren. Wir bekommen dafür EU-Gelder.

Die Letten haben bislang ihren eigenen, kleinen Bahnhof außerhalb von Valka. Für die wäre es viel praktischer, unseren zentralen Bahnhof zu nutzen. Wir würden auch gerne den historischen Stadtkern auf Vordermann bringen. Wir haben viele Ideen. Nur: Leider sitzt das Geld nicht mehr so locker.""

Auch in Valga hat die schwere Wirtschaftskrise von vor drei Jahren ähnlich wie auf lettischer Seite Spuren hinterlassen; tiefe Spuren. Da sind nicht nur die Schlaglöcher überall in der Stadt, die kleinen Kratern ähneln. Bürgermeister Härk steigt die Holztreppe des Rathauses hoch, um in ein geräumiges Büro voller Wimpel und Wappen von Valga und Valka zu gehen. Es wirkt, als sei gerade jemand nur zur Mittagspause verschwunden. Doch das täuscht. Das Zimmer ist verwaist. Bis vor einem Jahr koordinierten im sogenannten "estnisch-lettischen Sekretariat" zwei Angestellte Gemeinschaftsprojekte. Bis Härk feststellen musste, dass sein Vorgänger über seine Verhältnisse gelebt hatte – und im städtischen Budget ein Riesen-Loch klaffte. Der Bürgermeister lässt sich auf das Sofa in der Ecke fallen.

Zwar ist die Arbeitslosigkeit in Valga wieder auf zwölf Prozent gesunken, aber das ist immer noch höher als der Landesdurchschnitt von zehn Prozent. Einerseits. Andererseits geht es ihnen immer noch besser als den Letten. Das hat auch historische Gründe: Als sich Estland und Lettland 1919 von Russland befreiten und die zwei Städte noch zusammen gehörten, beanspruchten beide Länder die Zwillingsstadt für sich. Kurzzeitig drohte der Konflikt sogar zu eskalieren, bis am 1. Juli 1920 eine britische Kommission die Stadt aufteilte: Der Löwenanteil samt Stadtkern und Bahnhof ging an Estland, lediglich 80 Holzhäuser im Westen an Lettland. Von Anfang an war Valga größer und wohlhabender als Valka. Das ist bis heute so geblieben: Geschäfte, Schulen, das Krankenhaus: Fast überall haben die Esten die Nase vorn.

Härk: "Wir haben auch sogenannte Familien-Ärzte – für Familien mit Babies und Kleinkindern. So etwas gibt es in Lettland nicht. Es ist schon auffällig, dass sich in den letzten Jahren etliche junge lettische Familien offiziell bei uns angemeldet haben. Dadurch können sie kostenlos zu den Familien-Ärzten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die meisten nur pro forma hier gemeldet sind und weiter auf lettischer Seite, drüben in Valka, leben."

Die Letten überqueren die Grenze nicht nur, um das estnische Gesundheitssystem zu nutzen, sondern auch, um hier zu arbeiten.

Eine Fabrik mitten in der Innenstadt, keine zweihundert Meter vom Rathaus entfernt: Aussenstehende wundern sich. Anu Eesmaa lächelt etwas gequält. Kennt sie schon. Die Frau, die auf die Ende 50 zu geht, macht an einen müden Eindruck. Kein Wunder: Halb sechs ist sie heute aufgestanden, eine Stunde später hat sich in ihr Auto gesetzt, um von ihrer Heimatstadt Tartu nach Valga zu fahren. Gut hundert Kilometer. Seit acht Jahren macht sich das jetzt schon; seitdem sie Chefin der Textilfabrik "Masi" ist.

Eesmaa: "Wir sprechen ein ziemliches Misch-Masch. Wir nennen es immer scherzeshalber Masi-Sprache. Also: Estnisch, Lettisch, Russisch und Finnisch. Seit drei Jahren gehört unsere Fabrik ja einem finnischen Unternehmen aus Helsinki. Und wenn wir gar nicht mehr weiter wissen, reden wir mit Händen und Füssen. Irgendwie verständigt man sich schon. Schauen Sie: Da drüber: Das ist eine Russin. Und neben ihr: Eine Estin und eine Lettin."

Designer-Jeans in der ersten Etage, Sportkleidung wie Jacken und Westen in der zweiten – die Produktpalette ist überschaubar. Alle paar Monate rotieren die Frauen, damit es nicht zu monoton wird und sich beim Nähen Fehler einschleichen. Aina Tkatsa ist das nur recht. Sie schaut kurz von ihrer Nähmaschine hoch. Die 45-Jährige ist eine von gut 40 Lettinnen hier. Seit zwei Tagen näht sie Damen-Sportjacken zusammen. Der Schnitt ist neu, dementsprechend vorsichtig gleiten ihre Hände über den Stoff.

Tkatsa: "Um halb vier ist Feierabend. Dann kaufe ich schnell noch das Nötigste ein, in Valga, bei Rimi oder Maxima, den zwei großen Supermärkten. Das Angebot ist einfach größer als zu Hause. Ich verdiene monatlich rund 500 Euro, das ist OK. Ich arbeite seit acht Jahren hier. Vorher habe ich auch schon in einer Textilfabrik in Valka Kleider genäht, aber die ist pleite gegangen. Danach habe ich auf lettischer Seite nach einem neuen Job gesucht. Aber das war aussichtslos. Manchmal trauere ich schon ein bisschen der Sowjetzeit hinterher: Da hatte jeder einen sicheren Job."

Die Sehnsucht nach der "guten, alten Sowjetzeit" – nicht nur unter einfachen Letten ist sie immer noch verbreitet. Auch viele gebürtige Russen, jeweils ein Drittel der Bevölkerung in Valka und Valga, trauern der Zeit zwischen 1945 und 1991 hinterher, als beide Städte eins waren - und ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt auf der Eisenbahn-Strecke Riga-Sankt Petersburg. Bis zu dreitausend Arbeiter besserten in Riesen-Hallen Waggons und Züge aus. Alles weg. Auch die Textilfabrik ist nur noch ein Schatten ihrer Selbst. 1000 Arbeiterinnen versorgten von hier aus einst die gesamte Sowjetunion mit Kleidern.

Eesmaa: "Unser Produktion ist mit der Zeit kleiner und kleiner geworden. Vor acht Jahren, als ich anfing, hatten wir 250 Angestellte. Jetzt sind wir noch 150. Wir bekommen einfach weniger Aufträge. Viele unserer alten Kunden lassen inzwischen in Fernost produzieren. Oder auch: Südosteuropa. Rumänien zum Beispiel. Verglichen mit Finnland sind wir natürlich ein Billiglohn-Land. Aber im Vergleich zu China oder Rumänien sind wir schon nicht mehr so billig."

Die nächste Wirtschaftskrise – und die Textilfabrik muss ihre Pforten schließen – heißt es hinter vorgehaltener Hand in Valga und Valka. Für die selbsternannten "Zwillingsstädte im Herzen Europas" wäre das gleichermaßen katastrophal. Doch daran will noch niemand so recht denken – im estnisch-lettischen Zonenrandgebiet.

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Weltzeit

Zero-Covid in AustralienLockdown und kein Ende
Eine wenige Surfer am Bondi Beach in Sydney, Australien, im Vordergrund ist Absperrband zu sehen, aufgenommen im April 2020 (imago images/Xinhua / Bai Xuefei)

Australien verfolgt die Strategie, keinerlei Covid-Fälle zuzulassen. Schon bei kleinsten Ausbrüchen wird ein Lockdown angeordnet. Die Grenzen sind dicht, das soll bis Ende 2022 auch so bleiben. Langsam verlieren aber immer mehr Australier die Geduld. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur