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Interview | Beitrag vom 16.05.2019

Goethe-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Alles Patriotische war ihm fremd

Thorsten Valk im Gespräch mit Dieter Kassel

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"Goethe in der Campagna", das bekannteste Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein zeigt den Dichter Johann Wolfgang von Goethe. (imago/United Archives International)
"Goethe in der Campagna", das bekannteste Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein zeigt den Dichter Johann Wolfgang von Goethe. (imago/United Archives International)

Die erste Goethe-Ausstellung in Deutschland seit 25 Jahren widmet sich dessen Leben und Wirkungsgeschichte. Als deutscher Nationaldichter habe sich Goethe nie gefühlt, sagt der Kurator Thorsten Valk.

Zum ersten Mal seit 25 Jahren widmet sich in Deutschland eine große Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle dem Leben und Wirken von Johann Wolfgang von Goethe.  In neun Kapiteln zeige die Schau "Goethe. Verwandlung der Welt" den Dichter im Kontext seiner Zeit und seine Wirkungsgeschichte über 200 Jahre, sagt einer der Kuratoren der Ausstellung, der Germanistik-Professor Thorsten Valk.

Absage an alles Nationale

Goethe gilt nicht nur als deutscher Klassiker, sondern wird häufig auch als deutscher Nationaldichter tituliert. "Diesen Titel hätte er sicher nicht gemocht, weil ihm alles Nationale verdächtig war", sagt Valk. Das habe die Wirkungsgeschichte immer wieder umgetrieben.

"Man wollte Goethe vereinnahmen,  aber man tat sich so schwer mit Goethe."

Schon in seinen späten Jahren habe das Bemühen begonnen, Goethe zu einem Nationaldichter zu erklären. Doch der Dichter habe allem Patriotischen, allem Nationalen kritisch gegenüber gestanden. Gerade in der Zeit der anti-napoleonischen Freiheitskriege, als ein "Rausch des Patriotismus" durch Deutschland ging, sei Goethe einer der wenigen gewesen, die Abstand gehalten hätten.

Parallelen zur Gegenwart

Valk sagte im Deutschlandfunk Kultur, Goethes Leben spiegele den Weg der alteuropäischen Kultur in die Moderne wider. Als der Dichter 1749 in Frankfurt am Main zur Welt gekommen sei, habe noch das Heilige Römische Reich deutscher Nation bestanden: "Als er 1832 in Weimar stirbt, ist die Moderne längst angebrochen."

Goethe habe in seinen letzten Jahren immer wieder beschrieben, wie sich die Lebens- und Arbeitswelt in einer für ihn unbegreifbaren Weise beschleunigt habe und an die Grenze dessen getrieben habe, was er habe aushalten können. Es gebe interessante Parallelen zur Gegenwart, die Goethe bis heute zum "interessanten Gesprächspartner" machten, meint Valk.

Neben Malerei, Skulptur, Grafik und Fotografie spielen in der Ausstellung auch Theater, Film und Musik eine wichtige Rolle. Mit Werken von Caspar David Friedrich, Auguste Rodin, William Turner und Angelika Kauffmann über Piet Mondrian und Paul Klee bis hin zu Cy Twombly, Andy Warhol, Barbara Klemm und Ólafur Elíasson reicht die Perspektive der Ausstellung vom späten 18./frühen 19. Jahrhundert bis in unsere heutige Zeit.

(gem)

Die Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle läuft bis zum 15. September 2019.  

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