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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.12.2014

Gnadenlose ErzählungenNichts ist gut

Von Frank Meyer

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Margaret Thatcher im Jahr 2005 (picture alliance / dpa)
In einer ihrer Erzählungen schmiedet Hilary Mantel Mordpläne gegen Margaret Thatcher (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2005) (picture alliance / dpa)

"Die Ermordung Margaret Thatchers" hat die angriffslustige Man-Booker-Preisträgerin Hilary Mantel ihren aktuellen Erzählband betitelt. Kühl, klar und böse analysiert sie Gewaltfantasien, die die Eiserne Lady bei vielen Briten ausgelöst hat - und brachte damit die konservative Öffentlichkeit auf.

Die britische Autorin Hilary Mantel stand an einem Tag im August 1983 am Fenster ihrer Wohnung im Windsor. Von dort aus sah sie, wie die Premierministerin Margaret Thatcher das gegenüberliegende Krankenhaus verließ. Wie leicht wäre es, Margaret Thatcher trotz aller Sicherheitsmaßnahmen in diesem Moment zu erschießen, dachte Hilary Mantel damals. 30 Jahre später hat sie aus diesem Moment am Fenster eine Erzählung gemacht, die Titelgeschichte ihres Bandes "Die Ermordung Margaret Thatchers".

Die erste Veröffentlichung der Erzählung im September 2014 hat in Großbritannien hohe Wellen geschlagen. Die konservative Presse und mehrere Tory-Politiker warfen der Autorin Geschmacklosigkeit und Bösartigkeit vor, ein früherer Thatcher-Berater wollte die Polizei gegen Mantel mobilisieren. Die Konservativen waren auch deshalb so verärgert, weil Hilary Mantel zu den angesehensten literarischen Stimmen in der englischsprachigen Welt gehört. Sie wurde mit den Romanen "Wölfe" und "Falken" berühmt, den ersten beiden Bänden einer historischen Trilogie über die Zeit der Tudors. Beide Romane wurden mit dem hoch angesehenen Man-Booker-Preis ausgezeichnet, Hilary Mantel wurde darüber hinaus von der Queen geadelt. Für ihre Angriffslust war Mantel allerdings schon vorher bekannt, vor dem Margaret-Thatcher-Eklat hatte sie die britische Gesellschaft mit einer Charakterisierung Kate Middletons als "Schaufensterpuppe" aufgestört.

Hintergründiger Horror

Nach ihren beiden grandiosen historischen Romanen zeigt Hilary Mantel nun in ihrem ersten Erzählungsband ihr Können auch auf der kürzeren Strecke. In der Titelgeschichte "Die Ermordung Margaret Thatchers" lässt die Erzählerin einen Mann in ihre Wohnung, von dem sich herausstellt, dass er als Scharfschütze der IRA Margaret Thatcher erschießen will. Die Rolle der Erzählerin changiert, sie ist zuerst eine Geisel, immer mehr aber auch eine Komplizin. Wie sich der plebejische IRA-Mann und die bürgerliche Erzählerin durch ihren gemeinsamen Hass auf die Thatcher-Politik einander annähern, das ist die innere Geschichte dieser Erzählung. Mit ihr analysiert Mantel die Gewaltfantasien, die die Eiserne Lady bei vielen Briten ausgelöst hat, und sie wirft die Frage auf, ob die britische Geschichte auch ganz anders hätte verlaufen können.

Kühl, klar und böse ist die Titelgeschichte, ebenso wie alle anderen Erzählungen dieses Bandes. Durch ihren nüchternen Tonfall schimmert immer wieder Gespenstisches hindurch. Im Haus einer Erzählerin wandern nachts die Möbel und zeigen sich morgens surreal umgruppiert. Zwei Mädchen aus der Unterschicht begaffen auf der Terrasse einer Villa ein abstrus entstelltes Kind aus besseren Kreisen. Eine Jugendliche kommentiert genervt, wie sich ihre magersüchtige Schwester zu Tode hungert, um dann als Wiedergängerin zurückzukehren. Es ist nichts gut in diesen Geschichten, außer der Meisterschaft und der Gnadenlosigkeit, mit der Hilary Mantel einen hintergründigen Horror ausbreitet. Ganz sparsam hat sie diesen Horror mit bitterer Komik durchsetzt. Zum Beispiel in der Frage, warum Margaret Thatcher im Krankenhaus war: "Warum braucht sie eine Augenoperation? Weil sie nicht weinen kann?"

Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers. Erzählungen
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Dumont Verlag, Köln 2014
158 Seiten, 18,00 Euro

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