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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.06.2013

Glühende Seiten

Peter Schneider: "Die Lieben meiner Mutter", Kiepenheuer & Witsch, 2013, 300 Seiten

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Peter Schneider war in den 60er Jahren Wortführer der Berliner Studenten-Bewegung (privat)
Peter Schneider war in den 60er Jahren Wortführer der Berliner Studenten-Bewegung (privat)

Der Schriftsteller Peter Schneider erforscht das eigene Gewordensein - und findet eine depressive Mutter, die nur in ihren Liebesbriefen wirklich glücklich ist. Eine Doppel-Biografie.

Jahrzehnte hat Peter Schneider einen Schuhkarton mit Briefen seiner Mutter aufbewahrt. Und nie hineingesehen. Doch auf einmal wollte er wissen, was sie geschrieben hatte und wer diese Mutter gewesen war, die starb, als er noch ein Kind war. Eine verblüffende Lektüre, die ihn zwingt, das familiär tradierte Bild von der Frau, die sich gänzlich für ihre Kinder aufopferte, gründlich zu revidieren.

Denn die Mutter hatte nicht nur ihre vier Kinder geliebt und ihren Mann, sondern auch dessen besten Freund - einen nach dem Krieg berühmten Opernregisseur. Der sich ihr immer wieder entzieht, nur selten Zeit hat für die Frau, die sich ihm über Jahre so leidenschaftlich unterwirft und ihn zugleich zu besitzen sucht. Die bereit ist, keine Ansprüche zu stellen und ihm doch nahelegt, dass er, der Ruhelose, allein in ihrer Liebe eine Heimat finden könne. Es kann nicht leicht sein für einen Sohn, solche Briefe zu lesen. Es ist nicht leicht für ihn.

Peter Schneider, Jahrgang 1940, bekannt und berühmt als Schriftsteller wie als einstiger Wortführer der 68er, geht behutsam auf die Mutter- und Erinnerungssuche. Behutsam mit ihr und auch mit sich. Vielleicht ist es Altersmilde, die an diesem Buch mitgeschrieben hat. Doch sie kommt nicht resigniert daher, sondern atmet ein auch peinigendes Wissen um die Unwägbarkeit von Lebenswegen. Und wagt eine hellsichtig eingestandene Ratlosigkeit der Person gegenüber, die man selber geworden ist.

Schneider erzählt eindringlich von der so strapaziösen wie gefährlichen Flucht von Sachsen nach Bayern, von seiner Kindheit als Flüchtlingsbub. Vom Fremdsein. Und von ihr. Der müden, kranken Frau, die immer wieder Kliniken aufsuchen muss, die ihre Kinder allein erzieht, weil der Mann nur im fernen Hannover eine schlecht bezahlte Dirigentenstelle bekommt, die die Familie mit Näharbeiten ernährt – und meist nur in ihren Briefen glüht. Sie liebt den Mann, an den sie schreibt. Aber sie liebt auch das Schreiben. Und vermutlich liebt sie auch die beseelende Sehnsucht, mit der sie ihre Depressionen zu vertreiben sucht. Sie kann nicht leben, was sie will. Also schreibt sie es sich.

Während sie sich der Liebe ausliefert, gerät ihr Sohn in den Bann eines kleinen Gauners, sieben Jahre älter als er, der behauptet, ein Abgesandter des Erzengels Michael zu sein, der dem Knaben das Fliegen beibringen würde, wenn der ihn denn zuvor mit Geld versorge, mit Fleisch und Zigaretten. Der Junge stiehlt aus der Speisekammer, aus dem Portemonnaie der Mutter. Lügt, was das Zeug hält. Er will fliegen. Wie seine Mutter auch. Er mit dem Erzengel. Sie mit den Männern, die sie sich nach dem untreuen Geliebten nimmt.

Es ist - natürlich - ein indiskretes Buch. Schneider zitiert ausführlich aus den intimen Journalen seiner Mutter. Und es ist diskret, weil er sich wenig einmischt. Weil er parallel ihre Geschichte erzählt. Und die Zeit, in der sie spielt. Und weil er sie sein lässt. In ihrer Kraft und Schwäche, ihrem Muttersein und ihrer Liebesgier, in ihrer so mitreißenden wie rücksichtslosen Radikalität.

Besprochen von Gabriele von Arnim

Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter
Kiepenheuer & Witsch, 2013
300 Seiten, 19,99 Euro

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