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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.01.2013

Glücklicher Auftritt

"Der Spieler" in der Frankfurter Oper

Von Natascha Pflaumbaum

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Der Opernregisseur Harry Kupfer hat den "Spieler" in Frankfurt inszeniert. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Der Opernregisseur Harry Kupfer hat den "Spieler" in Frankfurt inszeniert. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

In seinem Roman "Der Spieler" beschreibt Dostojewski die feine russische Gesellschaft Ende der 20er, die über das Spiel ihr Glück in Reichtum und Liebe sucht. Die gleichnamige Oper von Sergej Prokofjew ist derzeit in Frankfurt zu sehen - und bildet einen der Höhepunkte der Saison.

Frankfurts Oper hat zwei Drehbühnen, das ist europaweit einzigartig. Wenn also ein detailverliebter, penibel choreografierender Regisseur wie Harry Kupfer hier Prokofjews Oper "Der Spieler" auf die Bühne bringt, ist das ein Geschenk: die trudelnden Turbulenzen einer sich um die Roulettekugel drehenden spielsüchtigen Gesellschaft schwingen sich bei ihm in einem Dauerkreisel auf der Bühne in immer schwindelerregendere Höhen auf, bis Geld und Leben verspielt sind.

Kupfer lässt diese Geschichte einer feinen russischen Gesellschaft Ende der 20er-Jahre , die über das Spiel ihr Glück in Reichtum und Liebe zugleich sucht, in einem riesigen Kasino spielen, in dessen Zentrum das Rad eines Roulettetisches rotiert, auf dem die Spieler selbst zu unkontrollierten Kugeln im gesellschaftlichen Raum werden. Diese gigantische, durch seine hohen Glasfassaden mondän anmutende Spielbank (Bühne: Hans Schavernoch) - mit weißen Chester Ledersesseln ausstaffiert, Barhockern, Krankenliegen und Rollstühlen - entpuppt sich im Laufe des Spiels als Irrenanstalt, aus deren Gängen im Hintergrund die Schwestern und Ärzte hervortreten, als nämlich die Gier, die Sucht, das Spiel und damit die Verzweiflung einem morbiden Ende entgegengehen.

Frankfurts Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und das Museumsorchester Frankfurt liefern dazu eine schwirrende, ins Unaufhaltsame drängende Musik: groß, beschreibend, lebendig wie eine Filmmusik, die Atmosphären, Charaktere beschreibt und ausleuchtet, Situationen antizipiert.

Auf diesem Rouletterad hat auch Anja Silja ihren Auftritt als Babulenka, die - anstatt ihr Geld zu vererben - selbst ihr Glück im Spiel sucht: In schwerer rostroter Robe, bewehrt mit Pelzkappe und Gehstock, die Augenhöhlen tief schwarz (Kostüme: Yan Tax), schiebt man sie im Rollstuhl auf die Bühne. Wie eine wilde Wahnsinnige postiert sie sich im Zentrum des Rouletterads, um ihr Geld mit vollen Armen zu verprassen. Ihre Stimme: monströs gebieterisch, mit schöner, scharfer Silja-Höhe, immer noch voll und nach wie vor markant und wiedererkennbar ihr leicht sprödes Timbre. Die Rolle steht ihr!

Harry Kupfer ist so klug, die Geschichte nicht allein um Anja Silja zu spinnen, der Abend ist keine Anja-Silja-Show. Kupfer versteht sich auf Personenregie, hier im "Spieler" ist aber vor allem die Choreografie der Masse gefragt, die den riesigen Raum füllen muss. Und das gelingt ihm vorzüglich, weil er große Bilder schafft, wie Gemälde jener Zeit, in der Dostojewskis Geschichte spielt.

Das Sängerensemble hat durch das Trudeln auf dem Rouletterad, das Toben im und auf dem Mobiliar schauspielerisch eine Menge zu leisten. Das Spiel tut den Stimmen gut: Vor allem Polina, Barbara Zechmeister, die mal im blutroten Kostüm, mal im schwarzen Paillettenkleid und schwarzem Bob sich als heimliche Zeremonienmeisterin dieses Spiels entpuppt, gibt den alle überragenden Derwisch. Ihr schön geführter und wohlklingend timbrierter Sopran klingt vor allem wegen dieser Perfektion sadistisch, wenn sie erst die Gier ihres Freundes Alexej antreibt und ihn dann in höchsten Tönen verachtet. An ihrer Figur zeigt sich besonders die Kunst der Kupfer'schen Personenführung: Sie ist die einzige, die sich glaubhaft entwickelt - von einer Sadistin zur Moralistin.

Gerade diese Feinheiten sind es, die Kupfers Frankfurter Inszenierung von "Der Spieler" zeitlos und aktuell machen - als sei sie ein Spiegel unserer Zeit.

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