Seit 23:05 Uhr Fazit

Samstag, 14.12.2019
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Tonart | Beitrag vom 09.12.2016

GlosseUnsere "Bob Dylan-Dankesrede" zum Nobelpreis

Text: Ralf Husmann / Sprecher: Reiner Schöne

Bob Dylan im Weißen Haus in Washington DC  (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
Die US-amerikanische Folklegende Bob Dylan (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)

Wenn morgen in Stockholm offiziell der Literaturnobelpreis an Bob Dylan verliehen wird, ist der Sänger nicht anwesend. Eine Dankesrede wird es dennoch geben. Unbekannt ist, wer sie vorträgt. Bei so viel Unklarheit haben wir uns einfach mal eine eigene Version ausgedacht.

Meine Damen und Herren, der Nobelpreis ist für mich eine außergewöhnliche Sache. Der Mann, der Sprengstoff erfunden hat, ehrt damit den Mann, der den Rock n' Roll erfunden hat. Deswegen würde ich normalerweise auch selbst kommen, aber ich will nicht. Morgen bin ich nämlich zu Hause zum Lachen verabredet. Das steht seit Monaten fest. Es ist ein seltenes Ereignis. Seltener, als mir Preise verliehen werden, jedenfalls. Deswegen muss ich bei mir in den Keller, und kann nicht nach Stockholm.

Außerdem stehe ich nicht gerne im Rampenlicht, außer wenn ich im Rampenlicht stehe. Das ist kein Widerspruch, und wenn doch, dann nicht für mich, denn ich bin Bob Dylan, der Mann, der selbst aus Blues und Folk noch Musik gemacht hat. Deswegen bekomme ich ja den Literaturnobelpreis für Chemie in der Sparte Musik. Ich weiß, dass viele meine Entscheidung, den Preis nicht selbst entgegenzunehmen, arrogant finden. Aber Kritik bin ich gewohnt. Wie oft wurde mir vorgeworfen, nicht singen zu können. Dabei habe ich genau damit den Weg geebnet für Leute wie Justin Bieber. Oder Leonard Cohen. Ja, ja, nichts Schlechtes über Tote, aber, Leute, der hat weniger Töne getroffen als Tom Waits.

Schauspieler Reiner Schöne mit Gitarre bei der Produktion der gefakten Dylan-Nobelpreisrede im Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Tarik Ahmia)Schauspieler Reiner Schöne mit Gitarre bei der Produktion der gefakten Dylan-Nobelpreisrede im Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Tarik Ahmia)

Immer wieder hieß es auch, ich sei akustisch unverständlich, was Bullshit ist. Wer jemals Busta Rhymes oder Eminem gehört hat, kann bei mir nicht behaupten, dass ich  (murmelt Unverständliches). Andere Kritiker haben moniert, dass meine Songs oft nur aus drei Akkorden bestehen. Aber mit einem meiner Songs hatten sogar Sonny und Cher einen Top Ten Hit. Allein dafür hätte ich schon einen Preis verdient. Rock n‘ Roll besteht nicht aus Akkorden, sondern, wie der Name schon sagt, aus Rhythm. Und Blues. Und Gospel. Eines Tages wird das sogar Bruce Springsteen verstehen. Selbst die Rolling Stones kommen langsam dahinter.

Außerdem ist es nicht das erste Mal, dass ich zu wichtigen Veranstaltungen nicht hingehe. Woodstock, zum Beispiel. War ich nicht. War mir zu laut, zu voll, zu viel Janis Joplin. Oder die Demos gegen Vietnam. Bin ich nicht hingegangen. Wäre ich Jesus, wäre ich auch nicht zur Kreuzigung erschienen. Aber ich bin nicht Jesus, und nur noch an manchen Tagen Gott. Früher war ich es öfter, aber jetzt wird mir das zu anstrengend. Stattdessen sitze ich gern. Sitzen ist mein Tanzen. Wie Musik ohne Töne. Buddha hat auch viel gesessen. Ich glaube, dass Buddha gegen Jesus gewinnen würde. In was auch immer.

John Lennon wusste das schon in den 70gern. Mit ihm hab ich erst neulich noch darüber geredet. Fragen Sie mich nicht, wie das geht. Ich kann Ihnen auch nicht erklären wie man Mr. Tambourine Man schreibt. Man macht es einfach. Man fängt vorne an und hört hinten auf. So, wie man das Leben lebt. Man fängt vorne an und hört hinten auf. Insofern ist Kunst wie Leben. Aber nur für Kunst bekommt man einen Preis wie diesen hier.

Es gibt ein paar Menschen, denen ich danken muss. Einige Leute bei Columbia Records zum Beispiel, und Christian Friedrich Ludwig Buschmann, der vielleicht die Mundharmonika erfunden hat. Ohne die wäre ich wie Yves Klein ohne Blau oder Joan Baez ohne mich. Also nur ein Viertel so gut. Wenn überhaupt. Danken möchte ich auch meinen Fans. Vor allem denjenigen, die sogar meine Jazz Platten gekauft haben. Ich habe mal eine Platte mit Frank Sinatra Sachen gemacht. Mit meiner Stimme. Selbst die haben meine Fans gekauft. Dafür müssten sie eigentlich auch einen Preis bekommen.

Und wo ich gerade an diese kleine, etwas schwierige Phase meiner Karriere denke, die zwanzig, dreißig Jahre gedauert hat, möchte ich mich auch noch bei Billy Bob Jones bedanken. Billy Bob hat mich in all den Jahren mit bestem Gras versorgt. Das Zeug hat verlässlich meinen Kopf aufgeräumt und dazu beigetragen, dass ich oft überraschend Dinge zusammengebracht habe, die nicht zusammen gehören. Guns n‘ roses zum Beispiel und "knocking on heavens door". Auch ein Hit.

Eigentlich müsste ich auch den Wirtschaftsnobelpreis kriegen. Oder, wie Willie Nelson es einmal so trefflich formuliert hat: "Meine Fresse, knallt das Zeug rein!". In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen Abend, der mit mir gemeinsam unvergesslich geworden wäre und jetzt ohne mich so mittel wird. Vielen Dank.

Mehr zum Thema

Offizielle Webseite der Nobelpreise

Bob Dylan - Literaturnobelpreisträger wider Willen
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 09.12.2016)

Florian Werner liest Musik - Bob Dylan: "It Ain't Me, Babe"
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 08.12.2016)

Radiosendung von Bob Dylan - Musik beflügelt von Anekdoten
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 06.12.2016)

Bob Dylan - "Ob ich den Preis annehme? Selbstverständlich"
(Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 29.10.2016)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur