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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 19.09.2007

Globalisierung der Solidarität

Hilfswerk Misereor zur Initiative "Klimawandel und Gerechtigkeit"

Moderation: Matthias Hanselmann

Indonesische Frauen, die sich vor der Flut in Sicherheit bringen, in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Jakarta. (AP)
Indonesische Frauen, die sich vor der Flut in Sicherheit bringen, in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Jakarta. (AP)

Die katholische Organisation Misereor hat am Dienstag gemeinsam mit einer Versicherungsgesellschaft die Initiative "Klimawandel und Gerechtigkeit" vorgestellt. Die Menschen in den entwickelten Ländern hätten bisher auf Kosten der Armen gelebt, sagt der Vorstandsvorsitzende von Misereor, Josef Sayer. Deshalb wäre es angebracht, wenn sie nun einen Unterstützungsfonds einrichteten.

Hanselmann: Wir sprechen mit Prof. Josef Sayer. Er ist Hauptgeschäftsführer des Hilfswerkes Misereor, das sich, wie eben gehört, an der Initiative "Klimawandel und Gerechtigkeit" beteiligt. Guten Tag, Herr Sayer!

Josef Sayer: Guten Tag!

Hanselmann: Die Zeitungen sind voll mit Bildern aus den Katastrophengebieten in Afrika, Menschen in armseligen Booten, die ihre Habseligkeiten zu retten versuchen oder sie auf den Köpfen durch die Fluten tragen, Fahrzeuge, die im Wasser versinken, und vieles mehr. Was bewegt Sie, wenn Sie diese Bilder sehen?

Sayer: Mich bewegt zunächst mal ganz simpel die Not der einzelnen Betroffenen. Ich selber habe lange Zeit in Lateinamerika gelebt, habe solche Situationen mitbekommen und weiß darum, wie schrecklich das ist, wie Menschen ihr tägliches Leben in solchen Extremsituationen zu bewältigen haben. Das ist das Erste. Das Zweite, was mich aber bewegt, ist, dass wir ja die Zusammenhänge sehen müssen mit unserem Leben hier und Veränderungen des Klimas, das meinetwegen solche extremen Wetterereignisse hervorbringt. Unsere Partnerorganisationen in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika berichten uns zurzeit immer mehr von solchen extremen Wetterereignissen. Sei es von Überschwemmungen, dass die Regenzeiten plötzlich übertrieben und stark sind, aber auch von Dürren. So klimatische Stresssituationen führen dann bei uns eben auch zu Hilfegesuchen, sodass wir darauf reagieren müssen.

Hanselmann: Sie sagen, wir müssen darauf reagieren, deswegen gibt es jetzt auch diese Initiative "Klimawandel und Gerechtigkeit". Was möchten Sie damit bewirken?

Sayer: Für uns war es wichtig, nicht als Misereor allein als kirchliches Hilfswerk zu reagieren auf das, was Partner an uns herantragen, sondern zu schauen, wie können wir uns im Verbund eben mit der Wissenschaft auf der Grundlage von Ergebnissen, die solide erarbeitet sind, zusammen eben mit aus dem Bereich der Wirtschaft ein Bündnis einzugehen und damit miteinander letztlich Öffentlichkeit zu schaffen in der Bundesrepublik, in Europa, Öffentlichkeit zu schaffen, die in die Politik hineinwirkt, um damit auch Druck ausüben zu können auf Maßnahmen, dass Veränderungen erfolgen und wir tatsächlich die Herausforderung, die Jahrhundert-Herausforderung, die vor uns steht, angehen, und zwar so angehen, dass etwas für die Armen geschieht. Denn die Armen sind die Hauptbetroffenen des Klimawandels.

Hanselmann: Damit sagen Sie aber, wenn Sie sagen, da muss solide etwas erarbeitet werden, dass das bisher noch gar nicht passiert ist. Wie ist das zu erklären, dass man erst jetzt sozusagen aufwacht und sagt, wir müssen uns mit Klimawandel und Gerechtigkeit auf diesem Globus beschäftigen?

Sayer: Es ist ja so, Forscher haben sich damit befasst, aber es wurde ja lange Zeit diskutiert, gibt es überhaupt den Klimawandel oder nicht. Ich erinnere an die lange zögerliche Haltung der Bush-Administration der Vereinigten Staaten. Während es jetzt doch so akzeptiert ist, dass klar unser Wirtschaften, unser Lebensstil wird verantwortlich gemacht mit eben Klimaveränderungen. Und wenn unser Lebensstil, unser Wirtschaften so weitergeht, dann ist das, was im Vorspann Herr Prof. Edenhofer da gesagt hat, nämlich dass eine Klimasteigerung im Schnitt auf an die fünf Grad erfolgen würde, dass eine solche Situation ja nicht mehr handelbar ist. Deshalb müssen wir alles tun, um zu Klimaschutzmaßnahmen zu kommen, zu Vorsorgemaßnahmen kommen und aber auch beispielsweise einbeziehen, wie werden die Armen betroffen, was können die Reichen tun, die bisher auf Kosten der Armen letztlich gelebt haben und ihren Reichtum erarbeitet haben, ohne zu schauen, welche Folgen da für das Klima entstanden sind. Was kann da geschehen, beispielsweise indem wir einen Fonds einrichten, der den Armen hilft, Anpassungsmaßnahmen treffen zu können.

Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton, wir sprechen mit Josef Sayer von Misereor zur Flutkatastrophe in Afrika und der Frage, kann es beim Klimawandel eine Gerechtigkeit geben. Sie haben es eben gesagt, Prof. Edenhofer hat angesprochen einen Global Deal. Was meint er damit? Wie könnte der aussehen?

Sayer: Der könnte so aussehen, erstens dass die Reichen ihre Schuld einsehen und dass sie von sich aus sagen, es macht keinen Sinn, dass wir so weiterwirtschaften, dass sie helfen, dass die Armen nicht den Produktionsstil, die Weise, wie die reichen Länder das entwickelt haben, ebenfalls anstreben, sondern dass wir gemeinsam miteinander versuchen, mit angepasster Technologie, umweltschützender Technologie letztlich den Emissionsausstoß zu senken, an CO2 zu senken, und damit eben zu einer Klimaerhöhung auf etwa zwei Prozent kommen können, sodass die ganzen Ausmaße noch steuerbar sind. Der Deal müsste eben sein, dass das, was uns geholfen hat bisher, unseren Lebensstandard und unsere Produktionsweise so hochzufahren, dass von daher Früchte auch abfallen für die Armen, die in besonderer Weise betroffen sind und die ja nicht teilgenommen haben an dem Emissionsausstoß, der den Klimawandel verursacht hat.

Hanselmann: Was macht Sie hoffnungsvoll, dass dieses Gefälle zwischen den reichen Industrienationen und der sogenannten Dritten Welt irgendwann mal in dieser Frage aufgehoben werden kann?

Sayer: Was mich hoffnungsfroh macht, ist, dass beispielsweise die Bundesregierung die Lage erkannt hat. Die Bundeskanzlerin hat in Japan einen Vorstoß unternommen und wird eben auch mit Daten, die dieses Institut, das PIK, jetzt erarbeitet hat, ihre Rede halten vor der UN. Sie greift die Klimaproblematik ganz entschieden auf. Und wir von unserer Seite mit unserem Partnernetz in Afrika, Asien und Lateinamerika versuchen das eben genauso dort rüberzubringen. Wir haben etwa 5.000 Partnerorganisationen. Wir versuchen eine Sensibilisierung in den Ländern des Südens, und mit den Daten, die wir da erheben – es sollen ja Studien gemacht werden, Lokalstudien und Fallstudien, beispielsweise in Afrika, Kongo, zentralafrikanische Republik, in Äthiopien, in der ganzen Sahelzone, in Lateinamerika sollen Studien durchgeführt werden, in Bolivien, im Nordosten Brasiliens, in Zentralamerika und genauso in Asien in verschiedenen Ländern –, dass wir mit diesen Daten aufweisen, wie tatsächlich die Länder betroffen werden. Und genauso eben auch aus der Pazifikregion. Wenn Tuvalu, der Staat, der Pazifikstaat, ein Inselstaat, in 50 Jahren vom Erdboden verschwunden sein wird, weil der Meeresspiegel ansteigt, dann sind wir da herausgefordert. Indem wir verlässliche Daten einbringen in die politische Debatte und Nord und Süd in einen Dialog hineinführen durch unser gemeinsames Projekt, hoffen wir, dass eine Öffentlichkeit so sensibilisiert wird, dass auch der Druck entsteht zu Veränderungsmaßnahmen.

Hanselmann: Herr Sayer, Sie sind ja schon im April ein sehr breites Klimabündnis mit anderen Organisationen eingegangen, haben eine Klimaallianz gegründet mit Organisationen bis hin zu Greenpeace und Attac. Gibt es da keine Berührungsängste mehr zwischen christlichen und säkularen Gruppen?

Sayer: Misereor hat nie diese Berührungsangst gehabt, es geht uns um Gerechtigkeit in der Welt, dass das Anliegen der Armen und die Ursachen der Armut aufgegriffen werden. Misereor war der Vorreiter letztlich der ganzen Entwicklungszusammenarbeit. Als Misereor vor 50 Jahren gegründet wurde, gab es ja solche Institutionen noch nicht, und verschiedene haben sich dann in Anlehnung an Misereor letztlich herausgegründet. Und Misereor war auch in der Gründung beispielsweise der Welthungerhilfe beteiligt. Uns geht es genau darum, alle Menschen guten Willens zusammenzubringen, um Armut zu bekämpfen, damit alle eine Lebenschance haben. Alle haben ein Recht auf ein würdiges Leben, genauso wie wir, und deshalb muss es da zu einer Globalisierung der Solidarität kommen. Und da geht es nicht, also Kirche hat Berührungsängste oder nicht, nein, Kirche ist dazu da, Veränderungen zu bewirken, ein würdiges Leben zu ermöglichen, und gerade der Armen. Wir haben die Option für die Armen getroffen, das heißt, zusammen mit den Armen an einer Umgestaltung der Welt mitzuarbeiten, dass Gerechtigkeit zum Zuge kommt.

Hanselmann: Vielen Dank! Zur Initiative "Klimawandel und Gerechtigkeit" vor dem Hintergrund der Flutkatastrophe in Afrika war das Prof. Josef Sayer, Hauptgeschäftsführer der Hilfsorganisation Misereor. Danke schön und guten Tag noch.

Sayer: Danke schön auch meinerseits!

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Links bei dradio.de:

Die Folgen des Klimawandels umverteilen

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