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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.02.2019

Globalisiertes Missmanagement Die Kultur der Verantwortungslosigkeit

Ein Einwurf von Sieglinde Geisel

Löwe geht an Arbeitsnischen entlang. (imago stock&people)
Achtung, Raubtier naht! Das Call-Center ist ein Sinnbild für die Erosion von Verantwortung in den Zeiten des digitalen Kapitalismus. (imago stock&people)

Der Niedergang der Deutschen Bahn, ein Phantomflughafen in Berlin, das Ausgeliefertsein an Facebook – die Verantwortung liegt in den Führungsetagen, aber die Gesellschaft darf das Missmanagement auslöffeln, beklagt die Journalistin Sieglinde Geisel.

Irgendwie haben wir uns an vieles gewöhnt, was vor 20 Jahren in Deutschland noch undenkbar gewesen wäre: daran, dass die Züge der Deutschen Bahn nicht pünktlich ankommen und die Päckchen der Deutschen Post manchmal nie. Und rechnet noch irgendjemand damit, dass der Berliner Flughafen je eröffnet werden wird? Zunehmend scheint unsere Gesellschaft an Aufgaben zu scheitern, die in einer führenden Industrienation eigentlich zu schaffen sein sollten. Die Verantwortung für die jeweiligen Schlamassel tragen naturgemäß die Vertreter der obersten Gehaltsklassen, Missmanagement ist schließlich Sache des Managements. Doch es ist wie bei der Finanzkrise: Die Gesellschaft darf auslöffeln, was ihre Führungskräfte ihr eingebrockt haben.

Das Call-Center als Sinnbild

Dahinter steht eine Erosion von Verantwortung, deren Sinnbild wir alle nur zu gut kennen: das Call-Center mit Warteschleife. Man kämpft sich durchs Menü, erträgt klaglos die Berieselungsmusik, doch wenn man endlich ein menschliches Ohr an der Strippe hat, stellt sich heraus, dass man in einer Sackgasse gelandet ist. Denn in aller Regel gehört dieses Ohr einer in falscher Freundlichkeit geschulten Person, die über keinerlei Handlungskompetenzen verfügt: "Ich leite Ihre Beschwerde weiter – und ich wünsche ihnen noch einen wunderschönen Tag!" Nie werden wir erfahren, warum unser Päckchen nicht in der Postfiliale war, wo wir eine halbe Stunde angestanden sind, um es abzuholen.

Verantwortung kommt von antworten: Wer seine Verantwortung wahrnimmt, steht Rede und Antwort. Doch die Verantwortung verdampft nicht nur in den Telefon-Hotlines, sondern auch höheren Orts. Wurde für den jahrzehntelang herbeigemanagten Niedergang der Deutschen Bahn jemals jemand zur Verantwortung gezogen? Von unserem Phantom-Flughafen will ich jetzt gar nicht anfangen.

Digitale Global Player ohne gesellschaftlichen Auftrag

Wenn es um die physische Infrastruktur geht, dürfte man immerhin Verantwortung erwarten. Bei der digitalen Infrastruktur hingegen ist Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl gar nicht vorgesehen. Wir haben zugelassen, dass sich die Daseinsvorsorge online in der Hand privater Konzerne befindet. Facebook, Google und Amazon tun das, was Unternehmen auf dem freien Markt nun einmal tun: Gewinn erwirtschaften, koste es, was es wolle. Sie haben keinen Leistungsauftrag der Gesellschaft, sondern nur ein Geschäftsmodell. Die Online-Giganten sind der Gesellschaft daher auch nichts schuldig, nicht einmal ein Call-Center mit Alibi-Kräften. Wie machtlos wir als "Kunden" sind, merken wir spätestens dann, wenn Facebook wieder einmal seinen Algorithmus geändert hat und wir unsere Timeline nicht wiedererkennen.

Als globale Gesellschaft sind wir noch nicht erwachsen

Verantwortung im globalen Maßstab müssen wir noch lernen, und zwar schnell, nicht nur wegen der digitalen Infrastruktur, sondern um unseren Planeten zu retten. "Da unsere Führungskräfte sich verhalten wie Kinder, müssen wir die Verantwortung übernehmen", sagt die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg. Wenn Erwachsensein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, dann sind wir als globale Gesellschaft noch lange nicht erwachsen geworden.

Demokratie ist die anspruchsvollste aller Staatsformen, eine für Erwachsene, die ihre Verantwortung wahrnehmen, sei es als Politiker oder als Wähler. Demokratie ist, wenn man als Staatsbürger Gehör findet. Wer nicht gehört wird, fühlt sich abgehängt – sei es in der Warteschleife am Telefon oder mit den Ängsten angesichts einer unabsehbaren Zukunft.

Schwarz-Weiß-Porträt von Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat) (privat)Sieglinde Geisel, 1965 im schweizerischen Rüti/ZH geboren, studierte in Zürich Germanistik und Theologie. 1988 zog sie als Journalistin nach Berlin-Kreuzberg, von 1994 bis 1998 war sie Kulturkorrespondentin der "NZZ" in New York, von 1999 bis 2016 in Berlin. Sie arbeitet für verschiedene Medien als Literaturkritikerin, Essayistin und Reporterin. An der FU Berlin hat sie einen Lehrauftrag für Literaturkritik, an der Universität St. Gallen gibt sie Schreibworkshops für Doktoranden. Buchpublikationen: "Irrfahrer und Weltenbummler. Wie das Reisen uns verändert" (2008) und "Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille" (2010).

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