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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 26.02.2010

Glauben, singen, tanzen

500 jüdische Jugendliche auf musikalischem Talent-Contest in Köln

Von Angelika Calmez

Gewinner ist das Jugendzentrum "Olam" aus Berlin. (Stock.XCHNG / Piotr Ciuchta)
Gewinner ist das Jugendzentrum "Olam" aus Berlin. (Stock.XCHNG / Piotr Ciuchta)

Auf dem Wettbewerb "Jewrovision 2010" in Köln sind Mitglieder aus jüdischen Jugendzentren mit eigenen Liedern und Choreografien aufgetreten. Den meisten ging es nicht nur ums Gewinnen - sie wollten vor allem neue Freunde kennenlernen.

In einem Kongresssaal der Kölner Messe ist heute wahrhaftig der "Bär" los: Das Jugendzentrum "Olam" Berlin ist Sieger der Jewrovision 2010! Für den jüdischen "Mini- Grand-Prix d’Eurovision" haben die jungen Musik-Talente ein eigenes Lied mit Text und Choreografie komponiert. Im Vorjahr hatte Köln gewonnen. Deshalb ist die Synagogengemeinde Köln heute Gastgeber der Jewrovision. Vorstand Ronald Graetz:

"Die Jugendlichen fiebern ein ganzes Jahr dahin. Sie sehen ja, welche Stimmung hier ist, es ist unglaublich. Das ist eigentlich DAS Treffen für jüdische Jugendliche."

Für die geht es hier vor allem um Spaß. 500 Jungen und Mädchen zwischen zehn und 19 Jahren sind schon seit Freitagabend in der Stadt. Bei ihrer Wochenendfreizeit in Köln ist die heutige Bühnenshow das Highlight. Gäste aus ganz Deutschland sind angereist, 800 Zuschauer füllen den Saal. Im Backstagebereich regiert die Hektik: Jungen gehen ein letztes Mal ihre Choreografie durch. Mädchen schminken sich gegenseitig die Gesichter. Anna, Elif und Alina haben sich monatelang auf ihren Auftritt vorbereitet.

Anna: "Ich finde, es ist eine tolle Stimmung, eine tolle Atmosphäre hier."

Elif: "Alles geht drunter und drüber. Wir wären beim Soundcheck eine der ersten gewesen eigentlich, weil wir als viertes dran sind. Und jetzt waren wir Vorletzte und das waren nur zwei Sekunden oder so die wir auf der Bühne waren. Wir haben keine Ahnung, wie der Auftritt wird."

Alina: "Wir freuen uns sehr - Lampenfieber!"

Die Spannung steigt. Aus Berlin ist ein ganzer Fanbus angereist. Unter rhythmischem Klatschen und lautem Johle werden die Banner der Jugendzentren geschwenkt. Zwölf Teams nehmen teil, zwölf Städtenamen fliegen durch den Saal. Endlich ist es so weit, Moderator Oliver Polak eröffnet den Wettstreit. "Emuna" Dortmund ist als erstes dran.

Das geheimnisvolle Bühnenbild wird von einer Sängerin in schwarzem Kleid dominiert. Eine Maske verdeckt ihr Gesicht. Masken tauchen auch bei vielen anderen Acts auf. Zufall? - Nein, Motto des Abends! Die Jungen und Mädchen vom Kölner Jugendzentrum "Jachad" haben es ausgewählt. Jugendleiter Beni Vamosi kennt das Motto:

"Eine Woche nach dem Kölner Karneval und eine Woche vor Purim: Mascerade on Air. Also Verkleidung, alles Drum und Dran. Dann haben wir Köln mit reingenommen, auch das Judentum und den jüdischen Feiertag. Und es gibt auch viel Freiraum für die Künstler und für die Städte, sich Sachen zu überlegen. Weil das ist wirklich ein Thema, das ist super breit und weit gefächert. Da kann man alles machen."

Die Idee zum Kreativwettbewerb sei vor rund zehn Jahren bei einer Freizeit entstanden, erzählt Beni Vamosi. Seither organisierten die Jugendzentren in ganz Deutschland die Veranstaltung selbstständig. Im Jahr 2002 hat sie erstmals als Jewrovision stattgefunden. Die Jewrovision 2010 ist das bisher größte Treffen der jüdischen Jugend nach dem Krieg. Warum hat das Event eine so große Anziehungskraft auf Kinder und Erwachsene?

Mädchen: "Weil's einfach total Spaß macht, aufzutreten, zu singen oder zu tanzen, und weil ganz viele andere Städte da sind, wo man neue Freunde kennenlernt und so."

Junger Mann: "Ich bin zum ersten Mal hier, und es ist ein wirklich sehr facettenreicher Eindruck. Ich bin sehr angetan zum Teil. Das ist ja wirklich ein großes Selbstbewusstsein, das hier kundgetan werden möchte … "

Beni Vamosi: "Dass Jugendliche zusammenkommen, dass sie sich treffen. Es ist ja oft gerade bei den kleinen Gemeinden so, dass Jugendliche keine jüdische Gesellschaft um sich haben, keine jüdischen Freunde. Und dann genießen sie es, mal ein Wochenende in jüdischer Gesellschaft zu sein. Das ist wirklich der Hauptgrund und unter anderem natürlich auch, dass die Jugendzentren sich untereinander messen wollen. Wer ist das stärkste Jugendzentrum, wer hat den coolsten Act, wer hat den besten Tanz? Das ist dann auch so eine competition, so ein bisschen. Aber letzten Endes sind dann doch alle wieder befreundet, alle lieben sich, alle mögen sich und man hat Spaß zusammen."

Beni Vamosi glaubt, dass auch die nächste Jewrovision bei den Gewinnern in Berlin ein Erfolg wird. Die größte jüdische Gemeinde in Deutschland wird den steigenden Andrang problemlos bewältigen. Doch wäre er für eine kleine Gemeinde noch zu stemmen? Während die Jugendleiter sich über die Zukunft des Events Gedanken machen, geht für "Olam" Berlin die Party erst einmal weiter: Das Team darf seinen Act bei der europäischen Jewrovision in Stockholm präsentieren.

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