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Religionen / Archiv | Beitrag vom 30.11.2014

GlaubenNeue Sichtweisen auf Gott und die Bibel

Das "Worthaus"-Projekt gibt ungewohnte Einblicke in die christliche Glaubenslehre

Von Dorothee Adrian

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Bibel (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Welche Autorität hat die Bibel? Um Fragen wie diese drehen sich die "Worthaus"-Vorträge. (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

Wie ist die Bibel entstanden? Und wie ist sie zu verstehen? Verständliche Antworten auf solche Fragen gibt das Projekt "Worthaus" mit Vorträgen im Netz und bei realen Treffen. Das Ziel: Ein neuer Zugang auf die Bibeltexte - auch für ein Laienpublikum.

"Ich bin die Susi, komme aus Stuttgart, bin 22 Jahre alt, komme aus einer fundamentalistischen Familie. Auf 'Worthaus' bin ich gekommen durch Samuel Harfst, den Sänger, mit dem habe ich mich mal länger unterhalten, und er hat dann gemeint, das könnte mir zusagen. Und dann habe ich mir die Vorträge im Internet angehört und fand das klasse."

In der Aula der Sing- und Musikschule sitzen rund 250 Zuhörerinnen und Zuhörer. Viele von ihnen sind jung, einige haben Dreadlocks, Turnschuhe an. Gespannt hören sie den Referenten zu. Diese Tage beschäftigen sich mit der Frage, wie die Bibel entstanden ist. Und wie sie infolgedessen zu verstehen ist. Kann sie unfehlbar sein, wie in manchen christlichen Kreisen gelehrt wird? Welche Autorität hat die Bibel? Dieselbe wie Gott selbst? Nein, sagt Siegfried Zimmer: Durch die Bibel erfahren wir viel über Gott, aber er steht über ihr. Interessant, findet der 23-jährige Daniel Trommer:

"…weil man dann eben an Gott glaubt, und nicht an die Bibel. Das ist schon eine wichtige Unterscheidung, die mir als Jugendlicher nicht beigebracht wurde und wo ich auch deswegen in große Schwierigkeiten gekommen bin. Deswegen habe ich die Hoffnung, mit so einer positiven Art, meine Fragen noch mal neu prüfen zu können und auch an meinem Alltag, an meinem Leben. Ob das dazu führt, dass ich die Bibel glaubwürdiger finde oder ihren Inhalt, das  ist eine Frage, die sich im Lauf der Zeit ergeben muss."

Missverständnisse bei der Bibellektüre ausräumen

34 Vorträge sind bisher online, einige zu den Gleichnissen Jesu, zu Tod und Auferstehung, zu der Frage nach dem Leid. Mehrere Vorträge befassen sich mit der biblischen Ur-Erzählung über die Menschheit.

Ausschnitt aus einem Vortrag von Siegfried Zimmer: "Einen wunderschönen guten Morgen, jetzt wende ich mich dem Thema zu: Wie ist die Erzählung von Adam und Eva grundsätzlich zu verstehen?"

Siegfried Zimmer: "Je nachdem, wie stark konservativ viele Christen sind, nehmen sie diese biblische Urgeschichte und die Erzählung von Adam und Eva als wörtlichen Tatsachenbericht und sind auch der Meinung, wenn man es so nicht nimmt, dass man dann diese Texte verrät und sie nicht ernst nimmt. Deswegen wollte ich aufzeigen, dass diese Texte von vornherein gar nicht geschichtlich gemeint sind, dass es sich hier um schwere Missverständnisse handelt, und dass, wenn man diese Texte existenzial auslegt, als Grundaspekte des menschlichen Daseins überhaupt - dass diese Texte dadurch viel reichhaltiger, auch spannender werden. Und ich glaube, dass wir diesen Effekt auch ausgelöst haben."

Sie bekämen neue Sichtweisen auf Gott und die Bibel – das erzählen viele der in Heidelberg Anwesenden. Fast alle sind durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf "Worthaus" aufmerksam geworden, haben sich Vorträge angehört, wollten dann immer mehr wissen.

"Ich bin dann auf das Online-Portal, hab die Videos angeschaut und mich hat’s echt umgeschmissen." So wie Karl Reitschuster, dem seine eigentlich glaubenskritische Tochter davon vorschwärmte.

"Ich bin theologisch sehr vorbelastet, weil ich seit 25 Jahren Christ bin, und das ist nicht ohne Spuren geblieben. Ich bin auch zu vielen Gemeinden gegangen, mit manchmal positivem oder eher negativem Verlauf, und eigentlich immer noch auf der Suche. Was ich hier sehr schön finde, ist, dass man entdecken darf. Es ist ein anderes Vorgehen als in vielen Gemeinden, wo das alles schon so vorgekaut ist."

Ideengeber und Initiator von "Worthaus" ist Martin Christian Hünerhoff. Der Projektmanager ist bekannt für seine kreativen Ideen und Visionen. Als er Siegfried Zimmer auf einer Veranstaltung erlebte, war er begeistert. 

"Bei ihm hatte ich das Gefühl, dass er so einen Text wirklich beleuchtet, dass er Hintergrunddinge erzählt, und auf einmal fängt dieser Text an zu sprechen. Das hat mich total fasziniert, das hab ich vorher noch nie so erlebt, und daraus ist die Idee entstanden, Veranstaltungen zu machen, die einen neuen, ungewöhnlichen Zugang auf Bibeltexte für ein Laienpublikum ermöglichen. Wir wünschen uns, dass es Momente gibt, wo man merkt, das hat jetzt eine gesellschaftliche Relevanz, eine Relevanz für meinen Alltag. Wir versuchen das, was Stand wissenschaftlicher theologischer Forschung ist, zu transferieren in eine größere Breite, wo solche Dinge allgemein verständlich rüberkommen."

Was passiert beim Weltgericht?

Viele sind wegen Siegfried Zimmer nach Heidelberg gekommen. Seine direkte Art zu sprechen gefällt ihnen. Im schwäbischen Ludwigsburg, wo er lange an der pädagogischen Hochschule lehrte, begegnete ihm viel pietistisches Gedankengut, das er teilweise als sehr eng erlebte.

"Ich sage euch, ich kenne unzählige Christen, die stellen sich das Weltgericht so vor: Es geht sofort zur Abrechnung. Ich bin bekehrt, rechts, du bist nicht bekehrt, links. Spürt ihr, wie primitiv das ist? Wenn ihr's spürt, tut es weh. Nein, ich darf euch mal sagen: Weltgericht ist die erste volle Begegnung mit Gott."

Siegfried Zimmer möchte Menschen jeden Glaubens wertschätzen. Was er aber anprangert, ist eine einengende Art, zu Glauben. Für ihn steht die Liebe Gottes und ihre befreiende Wirkung im Mittelpunkt.

"Und jetzt seid mal bitte nicht neurotisch, egozentrisch, narzisstisch und denkt immer nur: 'Wie wird's mir gehen im Weltgericht? Da haut mir der Gott auf den kleinen Finger!' Seht doch mal das Weltgericht im Welthorizont. Die Geschundenen dieser Erde brauchen diese Hoffnung."

"Mein Gottesbild war sehr gesetzlich und sehr traditionell", sagt Johannes Falk, Musiker, Sänger und "Worthaus"-Fan.

"Und da gibt's durchaus Schnittstellen auch zur katholischen Kirche und anderen konservativen Kreisen, und bei mir hat das sehr viel Angst erzeugt. Das hat so weit geführt, dass ich mit Gott nicht mehr so viel zu tun haben wollte, aber dann bin ich dann doch so ein Mensch, der sehr viel nachgrübelt. Ich komme um die Gottesfrage einfach nicht herum, wenn ich mein Leben reflektiere, und demnach habe ich es irgendwie nie geschafft, nicht an Gott zu glauben, und gehe dieser Frage immer wieder gerne nach."

Auch er erzählt: Endlich eine Theologie, die aufatmen lässt. Weil er das Projekt so gut findet, gibt er an einem Abend hier bei "Worthaus 4" ein kostenloses Konzert.

"Ich bin mit Worthaus vor vier oder fünf Jahren in Kontakt gekommen. Das war für mich eine Offenbarung. Das war für mich wirklich ein sehr befreiendes Gefühl, und wir als Band hören seine Vorträge im Tourbus oft."

"Worthaus" soll keine One-Man-Show von Siegfried Zimmer sein. Für das ehrenamtliche Team rund um Martin Hünerhoff steht das Anliegen im Mittelpunkt, wissenschaftliche Theologie ansprechend für alle rüberzubringen. Deshalb sind sie auch stets auf der Suche nach Referierenden, die nicht nur das Fachwissen haben, sondern auch die entsprechende Erzählkunst mitbringen. Zu "Worthaus 4" kamen neben Siegfried Zimmer Manfred Oeming und Wilfried Härle aus Heidelberg und Stefan Schreiber aus Augsburg.

Die Reise geht weiter – denn die Neugier ist groß, nicht nur bei Martin Hünerhoff:

"Weil man auf einmal spürt, da ist noch ganz viel zu entdecken. Und da ist viel mehr Weite, und Sachen, die man vielleicht schon langweilig gefunden hat, sind auf einmal ganz neu spannend."


Zur Homepage von "Worthaus"

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