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Studio 9 | Beitrag vom 05.12.2014

GlaubePsychologie und Wagemut

Der Pariser Rabbi Michel Serfaty setzt sich mit Imamen für interreligiöse Verständigung ein

Von Margit Hillmann

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Multikultureller Friedhof Gerliswil, Gemeinde Emmen in der Schweiz: Symbole für die Weltreligionen Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus (picture alliance / Urs Fueller)
Multikultureller Friedhof Gerliswil, Gemeinde Emmen in der Schweiz: Symbole für die Weltreligionen Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus (picture alliance / Urs Fueller)

Seit zehn Jahren kämpft ein jüdisch-muslimischer Freundschaftsverein in den Pariser Banlieues gegen Antisemitismus und Islamophobie. Ein Besuch bei dem Vereinsgründer im Vorort Ris-Orangis

Athletische Einmeterneunzig groß, schwarzer breitkrempiger Hut, dunkler Anzug – Rabbi Michel Serfaty steht vor dem Eingang eines unscheinbaren Klinkerbaus. Seine Synagoge befindet sich im hinteren Teil, vorne die Kirche der Baptisten-Gemeinde von Ris Orangis. Der 71-Jährige gluckst in seinen weißen Vollbart.
"Passanten kommen hier am Eingang vorbei und treffen auf den Pastor. Und weil sie oft den Pastor nicht vom Rabbi unterscheiden können, beschimpfen ihn als dreckigen Juden."

Ein Witz? Nein. Rabbi Serfaty lacht, weil er es trotzdem lustig findet. Dann zeigt er auf einen 70er-Jahre-Bau, nur wenige Schritte entfernt: Da steht die Moschee, sagt Serfaty stolz. Er hat die Sache vor einigen Jahren eingefädelt, damit Juden und Muslime sich näherkommen.

Damals hat ihn sogar der Imam gefragt, ob ihm eine Moschee direkt neben der Synagoge keine Angst macht. Schließlich wurde der Rabbi während der 2. Intifada auf dem Rückweg von der Synagoge von jungen Muslimen beschimpft und k.o. geschlagen.

"Ich würde nie bestreiten, dass ein gewisser Wagemut zu meiner Psychologie gehört."

Der verheiratete Vater von vier Kindern mag und sucht Herausforderungen. Etwa, wenn er als Rabbi bis zu seinem 40. Lebensjahr nebenbei in einem Profiverein Basketball spielt; als Professor h.c. an der Uni in Nancy über Entstehung und Geschichte der hebräischen Bibel forscht und – damals ein Novum – die Bibel digitalisiert.

Serfaty hat Muslime nicht nur in die Nachbarschaft geholt, sie gehen in seiner Synagoge ein und aus. Wie Mohamed Azizi, Imam und muslimischer Krankenhausseelsorger, der gerade auf einen Sprung vorbeischaut.

Ausgiebiges Händeschütteln und Schulterklopfen: Monsieur Azizi war im Urlaub. Der Imam, der neben Ex-Basketballer Serfaty winzig wirkt, ist vor sieben Jahren in den jüdisch-muslimischen Freundschaftsverein eingestiegen. Seinen wertvollsten Verbündeten nennt ihn der Rabbi. Sind sie auch Freunde? Der Imam sucht Serfatys Blick, lächelt ihn an: "Er ist ein Bruder. Ich habe vier Brüder, er ist der fünfte."

Tabus und Feindbilder umschifft

Rabbi und Imam touren oft zu zweit im bunten Vereinsbus durch die Banlieues und ihre Gettos, diskutieren vor allem mit Jugendlichen über Vorurteile, über Islamophobie, Judenhass und Rassismus.
"Das judenfeindliche Klima hat in allen Städten Frankreichs zugenommen. Besonders in den Einwanderervierteln, bei der jungen Generation. Flammt der palästinensisch-israelische Konflikt auf, identifizieren sie sich mit Gaza. Und reflexartig wollen sie Gaza verteidigen, indem sie hier Juden angreifen"

Erst mit Anfang 20 kommt Serfaty nach Frankreich. Geboren ist er 1943 auf der anderen Seite des Mittelmeers: in einer alten Rabbinerfamilie in Marrakesch. Wie damals für jüdische Kinder in Marokko üblich, besucht er die französische Schule und wird dort zum kleinen Modellfranzosen erzogen. Aber sobald er den Fuß vor die Tür setzt, spricht das jüdische Kind arabisch, lebt mit Muslimen. Bis heute fühlt sich er sich ihnen und der arabisch-islamischen Kultur verbunden.

Ideologische Tabus und Feindbilder - ganz gleich aus welchem Lager - umschifft oder ignoriert der Rabbi geschickt. Auch 2009, als er eine humanitäre Organisation nach Gaza begleitet, die Lebensmittel und Schulmaterial an die kriegsgebeutelte Zivilbevölkerung verteilt. Er strahlt, als er von den Kindern erzählt.

"Meine Trümpfe: Ich kann rennen und singen. Also habe ich die zweihundert Kinder um mich geschart und gesagt: Singt mir nach, auf Hebräisch und Arabisch: 'Gib uns Frieden' Die Kinder haben getanzt, hebräisch und arabisch mit mir gesungen. - In Gaza!"

"Rabbi Serfaty träumt vom Frieden", schrieb damals die französische Tageszeitung Le Parisien. Doch der Mann, der mit Imam Azizi am schweren Holztisch im Büro der Synagoge Tee trinkt und Datteln aus Jordanien nascht, ist nur konsequent. In Ris-Orangis hat er schon vor 15 Jahren eine doppelte Städte-Partnerschaft arrangiert: mit der palästinensischen Stadt Salfit und Tel-Mond in Israel.

"Wir waren die ersten in ganz Frankreich", sagt der Sportler im Rabbi, der sich noch immer über jeden Rekord freut.

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