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Religionen | Beitrag vom 09.06.2019

Glaube in der Sterbebegleitung Stoßgebet vor dem Hospizbesuch

Von Lydia Heller

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Zwei sich liebevoll berührende Hände liegen auf rotem und dunkelblauen Decken. (imago / Martin Wagner)
Sterben ist nicht leicht: Für Kranke wie Begleitende - ein starker Glaube kann beiden helfen. (imago / Martin Wagner)

Todkranken Menschen in den letzten Lebenstagen beizustehen, ist eine schwere Aufgabe. Manchen Begleitenden kann der Glaube Kraft geben, das Leid zu ertragen – und noch ein wenig Alltag zu teilen mit einer Person, die sich auf den Tod vorbereitet.

S-Bahnhof Pankow, ein sonniger, windiger Nachmittag im Mai. Auf dem Vorplatz wartet Kerstin Kurzke – Sozialpädagogin und Leiterin des Hospiz-Dienstes bei den Maltesern in Berlin. In der einen Hand ihr Handy, in der anderen ein Blumenstrauß. "Wir gehen jetzt hier die Straße runter und dann rechts, dann sind wir beim Caritas-Hospiz", erklärt sie. 

Ein moderner Backstein-Bau unter alten Eichen und Linden, abseits der Straße. Etwa alle drei Wochen besucht die Sozialpädagogin dort ihre Kollegin und Freundin Annette Poppe. Wenn sie diesen Weg geht, macht sie sich dann bestimmt Gedanken darüber, wie sie die Freundin heute antreffen wird, ob es besser oder schlechter geworden ist – oder denkt sie gar nicht dran?

Doch, antwortet Kerstin Kurzke. Und fügt hinzu: "Also ich versuche mich immer vorher auch, in Anführungsstrichen, zu leeren und versuche dann, ganz offen zu sein."

Hauptsache: eine passende Zuhörerin sein

Um sich für so eine Begegnung zu "leeren", gibt es kleine Rituale, erzählt Kerstin Kurzke: noch eine Weile im Auto sitzen bleiben, bevor man an der Tür klingelt, zum Beispiel, bewusst innehalten, durchatmen. Oder ein kleines Stoßgebet, sagt sie:

"'Lieber Gott, gib mir jetzt ganz viel Ruhe und Offenheit, dass ich dann die passende Zuhörerin bin...' und ich – ja, dann ist es für mich wichtig vorher, auch weil ich gläubig bin, mir Beistand zu holen, sozusagen. Gott ist ja immer bei mir. Aber das mache ich mir nochmal bewusst: Ich gehe jetzt hier rein und ich werde schon wissen, was ich tun muss und wie ich den Leuten signalisieren kann: 'Wenn ihr möchtet, bin ich für euch da.' Und dann – bin ich einfach bereit."

Ein paar Minuten später im Zimmer von Annette Poppe. Erst vor ein paar Tagen ist die frühere Altenpflegerin 48 Jahre alt geworden. Zwei Freundinnen und Kolleginnen treffen sich auf einen Kaffee – nicht anders, als es jeden Tag hunderte Leute in den Cafés der Stadt auch tun.

"Das bedeutet für mich am Leben teilzunehmen", sagt Annette Poppe. "Weil ich ja wirklich hier keinen richtigen Alltag in dem Sinne mehr habe. Und was die Malteser anbelangt, ist es sehr schön, dann auch mal was Neues zu erfahren und wir kennen ja auch die Kollegen…"

Gibt es da auch ein bisschen Büroklatsch? Poppe antwortet lachend: "Hier gibt‘s überhaupt kein Büroklatsch! Niemals! Möchte ich bitte gestrichen wissen!"

Schon überlegt, was für ein Grab sie möchte

Alltag. Arbeit, Familie und gemeinsame Bekannte, wie läuft‘s so, was ist seit dem letzten Besuch passiert und was steht an?

"Ich wusste: Mensch, du hast Krebs und besonders alt werden wirste nicht. Und beschäftige mich sehr offensiv mit dem Thema Tod und Sterben" erzählt Annette Poppe. Hab mir dann auch mal ein paar Friedhöfe angesehen und hab geguckt, was ich für ein Grab haben möchte. Und das ist für meine Freundinnen, die das organisieren, auch sehr wichtig, dass sie meine Interessen vertreten können."

Tod und Sterben waren schon immer Bestandteil ihres Alltags, sagt Annette Poppe. Sie gehörten zu ihrer Kindheit, als Tochter eines Tischlers und Bestatters, und später zu ihrer Arbeit als Altenpflegerin. Ebenso wie ihr Glaube.

"Ich bin gläubig, ja. Ich komme aus dem Eichsfeld in Thüringen und da ist einfach das mit in die Wiege gelegt, dass man eben katholisch erzogen wird. Der katholische Kindergarten war völlig normal, dass ich in den Religionsunterricht ging, ich habe mich dann auch sehr engagiert in der Kirche, als Jugendliche war ich auch immer dabei, wenn es um irgendwas ging, irgendwo anzupacken. Die Kirchen in der DDR, das war ja auch ein bisschen so: Man konnte da gut gegen den Staat sein, ohne dass man jetzt so sich wahnsinnig aufbäumt…"

Wer glaubt, hinterfragt weniger sein Schicksal

Diese offenbar ganz lebendige Beziehung zum Glauben – hilft die jetzt in irgendeiner Hinsicht?

"Oh ja, unbedingt", antwortet Annette Poppe. Wenn man mit dem Glauben aufgewachsen ist, dann – glauben heißt ja eigentlich auch nicht wissen – dann hinterfragt man irgendwie auch nicht so sehr. Also, ich hab mich nie gefragt: 'Warum gerade ich?' Ich hab es als mein Schicksal angenommen und hab gesagt: 'Das ist jetzt mein Weg, den ich gehen muss'."

... und auf dem Kerstin Kurzke an ihrer Seite ist, wie sie sagt:

"Das ist so ein Fundament, hab ich das Gefühl, auf dem wir so stehen, weil: sie muss sich nicht erklären, ich muss mich nicht erklären und das ist ja in Berlin eigentlich ziemlich selten. Wenn man sagt, man ist katholisch, muss man ja meistens damit rechnen: 'Oh, du? So siehst du gar nicht aus.' Aber das ist bei uns kein Thema. Sie hat ihren Gottesdienst vorbereitet, wie sie es gerne möchte, wenn sie verstorben ist zur Beerdigung, und das sind alles Sachen, die muss sie mir nicht erklären, weil es ist mir genauso wichtig. So würde ich das sagen. Oder?"

Annette Poppe stimmt zu.

Schwer auszuhalten, wenn kleine Kinder zurückbleiben

Eine Woche später bei den Maltesern in Berlin-Karlshorst. Nüchterne Räume in einem nüchternen Bürogebäude, draußen Baulärm. Von hier aus organisiert Kerstin Kurzke Öffentlichkeitsarbeit und Letzte-Hilfe-Kurse – und koordiniert den Hospizdienst. Sie bringt ehrenamtliche Helfer zusammen mit Sterbenden und deren Familienangehörigen, kümmert sich darum, dass neue Ehrenamtliche gewonnen und gut aus- und weitergebildet werden. Das ist oft mehr – und oft traurigere – Arbeit, als zu bewältigen ist, gibt Kurzke zu:

"Als ich in Hospizarbeit begonnen habe, war ich oft an Punkten, wo ich dachte: 'Uff. Wie können Menschen das aushalten?' Es gibt Leute, die sterben aus ihrer Perspektive und all ihrer Liebsten viel zu früh. Viel zu früh. Also wir haben ja den Kinder- und Familien-Hospizdienst, da sind halt ganz viele Familien, wo Mama oder Papa sterben und kleine Kinder zurückbleiben. Und die sind dann in einer Situation, die schwer auszuhalten ist."

Ihr Glauben, erzählt Kerstin Kurzke, habe sich da für sie oft als Anker erwiesen:

"Gottesdienst am Sonntag ist total hilfreich für mich, auch nochmal zu sortieren: Was liegt in meiner Gestaltungsmacht? Und wofür kann ich mich einsetzen, was kann ich organisieren? Und was ist auch einfach so traurig und schwer aushaltbar, aber wo ich nicht die Lösung geben kann. Und das hilft mir total. Also – ich kann da ganz viel auch Traurigkeit lassen."

Lassen. Und Loslassen.

Wenn die Schmerzen kommen, hilft der Glaube nicht immer

Zurück bei Annette Poppe. Sie sagt:

"Da gibt mir der Glaube schon auch Kraft. Das klingt jetzt ein bisschen platt - aber relativ zeitig nach der ersten OP habe ich die Kraft gehabt, mein Leben in Gottes Hand zu legen. Das klingt ein bisschen pathetisch, aber es ist letztendlich so. Und hab gesagt: So wie er es macht, wird es schon stimmen. Hab gesagt: Ich mache das einmal mit, ich mache einmal Chemotherapie und diese ganzen OPs mit. Kommt er ein zweites Mal mit dieser Krankheit, ist für mich Schicht."

Für ein paar Fragen hat Annette Poppe bei diesem Gespräch noch Kraft. Zum Beispiel diese hier: Sagt man nicht doch zwischendrin mal: Gott, du Arsch – wieso? Wirklich gar nicht?

Sie antwortet: "Also – schon manchmal: Ich hab die Schnauze voll. Ich möchte jetzt gern einschlafen und will nicht wieder aufwachen. Ich kann viele Dinge nicht mehr alleine machen und dann fehlt schon ein bisschen der Sinn im Leben. Vor einem Jahr ging es wieder los mit Schmerzen – und da war dann tatsächlich mal für ein paar Wochen Thema Schweiz. Das gebe ich ehrlich zu. Das sind dann die Momente, wo der Glaube dann eben nicht mehr so hilft oder dann im Nachhinein doch wieder reinrückt ins Bewusstsein. Und sagt: Mensch, er hat‘s in der Hand und eigentlich dürfen wir am Leben nicht rütteln. Das sollten wir schon ihm überlassen. Aber das ist manchmal auch nicht leicht. Das stimmt."

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