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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.08.2015

GIZ-StudieDeutsche "Soft Power" international gefragt

Andreas von Schumann im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Angela Merkel in Wien bei der Westbalkankonferenz (picture alliance/dpa/Georg Hochmuth)
Merkel soll den Weg weisen: Nach einer GIZ-Studie wünscht sich die Welt von Deutschland eine stärkere internationale Führungsrolle (picture alliance/dpa/Georg Hochmuth)

Merkels umstrittene Griechenlandpolitik kann dem Deutschland-Bild im Rest der Welt offenbar nichts anhaben. Einer GIZ-Studie zufolge wünscht man sich im Ausland eine stärkere internationale Führungsrolle Deutschlands.

Die Zeiten, in denen der Rest der Welt Angst vor neuem deutschen Großmachtstreben hatte, scheinen endgültig vorbei zu sein. Stattdessen wünscht man sich von Deutschland eine stärkere internationale Führungsrolle. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine Studie der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Deutsche Stärke: Güterabwägungen und Interessenausgleich

"Es gibt eine sehr, sehr große Erwartung daran, wenn Deutschland eine stärkere Rolle in internationalen Konflikten, aber auch bei der Erarbeitung von internationalen Regimen im Bereich Klima und Umwelt, wenn Deutschland da eine stärkere Rolle spielt, dass das zum Nutzen aller ist", sagt Andreas von Schumann, Leiter von AgenZ, der Agentur für politische Kommunikation und strategisches Marketing der GIZ.

"Wenn es darum geht, die unterschiedlichen Interessen einzufangen, zu Güterabwägungen zu kommen, da wird Deutschland eine sehr große Kompetenz unterstellt", betont von Schumann. Allerdings erwarte man auch, dass deutsche Interessen eingebettet würden in die Politik Europas oder der Vereinten Nationen.

179 Befragte aus 26 Ländern

Für die Studie hat die GIZ qualitative Interviews mit 179 Menschen aus 26 Ländern geführt. "Wir haben hier von Politikern über Wirtschaftsvertreter, Gewerkschaftsvertreter, Künstler oder auch andere Akteure aus der Zivilgesellschaft versucht, eine gute Mischung hinzubekommen." Unter den Interviewten seien sowohl Menschen gewesen, die relativ eng mit Deutschland verbunden seien, als auch solche, die ihr Deutschland-Bild eher aus den Medien hätten.


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Das Bild von Deutschland, das ist ein weites Feld und ein schwieriges Thema – es wird in Griechenland anders gesehen als in Afghanistan, und im Auftrag der GIZ, der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, hat mein gleich folgender Gesprächspartner untersuchen lassen, wie sich dieses Bild entwickelt hat, aber nicht in der Manier von Historikern und Soziologen, sondern, man könnte sagen, assoziativ haben Menschen aus verschiedenen Ländern mit Deutschlandbezug ihre Ansicht zum Land und dessen Rolle in der Welt geäußert. Andreas von Schumann leitet AgenZ, die Agentur für strategisches Marketing und politische Kommunikation der GIZ und ist jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Andreas von Schumann: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Wie haben Sie denn diese Menschen gefunden, 179 Menschen aus 26 Ländern, um deren Meinung zu Deutschland zu erfragen?

von Schumann: Die GIZ ist ja weltweit tätig in mehr als 130 Ländern, zudem arbeiten wir in sehr vielen internationalen Netzwerken und wir haben natürlich über unsere Struktur diese Auswahl von Gesprächspartnern organisiert, wobei wir darauf geachtet haben, dass sie nicht in irgendeiner Weise in geschäftlicher Beziehung oder in der direkten Zusammenarbeit mit der GIZ stehen, um da keine Verzerrung reinzubekommen.

Deutschland sollte seine Führungsrolle noch stärker spielen

von Billerbeck: Nun bescheinigen diese Interviews Deutschland eine überaus, eine überwiegend positive Wahrnehmung in Ausland. Wie kommt es denn zu dieser positiven Einstellung?

von Schumann: Da gibt es bestimmt mehrere Gründe, aber erstmal, was uns erstaunt hat, ist, wir haben diese Studie das zweite Mal gemacht – vor drei Jahren im Rahmen des Zukunftsdialoges der Kanzlerin haben wir schon einmal versucht, eben diesen Blick der Welt auf Deutschland einzufangen und dass, obwohl sich die Rolle Deutschlands in der Welt in den letzten Jahren doch deutlich verändert hat, dass trotzdem noch eine sehr positive Wahrnehmung bezogen auf Deutschland, bezogen auf die Rolle, die es auf der internationalen Bühne spielt, da ist, also dass es wenig Einfluss darauf genommen hat. Das wichtigste Ergebnis eigentlich der ersten Studie war, dass wir von USA bis Chile, von Russland bis Südafrika, China bis Indonesien eigentlich sehr, sehr massiv aufgefordert worden, unsere Rolle auf der internationalen Bühne noch aktiver zu spielen. Das Ergebnis jetzt: Es wird anerkannt, dass wir das spielen und es wird auch als gut, als in Ordnung empfunden und gleichzeitig konnten wir zahlreiche Hinweise einfangen zu dem Wie, wie wir diese Rolle noch stärker oder anders spielen können.

von Billerbeck: In Deutschland hat man ja mit dieser Rolle durchaus ein Problem. Interessant ist ja, dass seit Ihrer ersten Studie 2012 einiges passiert ist, also internationale Ereignisse, die Eurokrise, der Ukraine-Konflikt, die NSA-Spähaffäre, IS.

von Schumann: Ja. Also dieser "Ring of Instability" rund um Europa hat eine ganz andere Virulenz bekommen.

Deutsche Politik und Wirtschaft sind sehr gut vernetzt

von Billerbeck: Trotzdem ist das Bild oder gerade deshalb ist das Bild Deutschlands bei den Befragten so positiv und man will, dass Deutschland diese Führungsrolle noch stärker spielt?

von Schumann: Es sind zwei Sachen: Die erste Sache ist, es gibt eine sehr, sehr große Erwartung daran, wenn Deutschland eine stärkere Rolle in internationalen Konflikten, aber auch bei der Erarbeitung von internationalen Regimen, sagen wir, im Bereich Klima und Umwelt – wenn Deutschland da eine stärkere Rolle spielt, dass das zum Nutzen aller ist. Da wird immer auf die starke Softpower der Deutschen verwiesen, das heißt, dass Deutschland insgesamt, und zwar nicht nur die Politik, sondern auch Wirtschaft und Gesellschaft weltweit sehr, sehr gut vernetzt ist, und deswegen, wenn es darum geht, die unterschiedlichen Interessen einzufangen, zu Güterabwägungen zu kommen, da wird Deutschland eine sehr große Kompetenz unterstellt.

von Billerbeck: Was erwartet man denn von Deutschland in dieser Situation, wenn ihm so eine Führungsrolle zugeschrieben wird?

von Schumann: Vielleicht mal zwei Sachen: Das erste ist, dass nicht erwartet wird, dass Deutschland diese Führungsrolle als Deutschland alleine spielt, sondern was auch immer – und das ist auch das Erstaunliche bei dieser Studie, dass die Ergebnisse da sehr, sehr viel differenzierter sind als beim ersten –, es wird erwartet, erstens, immer im Verbund mit Europa. Die Welt sieht die starke Rolle Deutschlands in Europa, erwartet aber, dass deutsche Interessen eingebettet werden in die Politik Europas. Das gleiche gilt aber auch, wenn man jetzt auf internationale Ebene geht, eingebettet in internationale Zusammenhänge, das heißt, das UN-System oder in anderen regionalen Zusammenschlüssen. Es wird auch sehr deutlich immer wieder geäußert, und zwar egal aus welcher Region, egal aus welchem Land und in welchen Beziehungen sie zu Deutschland stehen, dass erwartet wird, spielt eure Rolle besser, wir haben eine große Erwartung, dass das zum Wohle aller ist, aber spielt die immer eingebettet und im Verbund mit anderen Akteuren.

Anspruchsvolles methodisches Vorgehen

von Billerbeck: Nun haben Sie 179 Interviewpartner größtenteils gefragt nach ihrer Meinung, da sind ja wenige Deutschlandkenner und Menschen mit einer hohen Affinität zu Deutschland. Lässt sich denn auf diese Weise – Sie sprechen ja von Studie – tatsächlich ein umfassendes Deutschlandbild zeichnen?

von Schumann: Dieses methodische Vorgehen bei dieser Studie ist schon sehr anspruchsvoll. Wir haben diese – das Wichtige, wie bei jeder Untersuchung, ist natürlich die Auswahl der Gesprächspartner –, wir haben hier von Politikern über Wirtschaftsvertreter, Gewerkschaftsvertreter, Künstler oder auch andere Akteure aus der Zivilgesellschaft versucht, eine gute Mischung hinzubekommen. Wir haben versucht vom Alter her eine gute Mischung hinzubekommen, und auch das Kriterium, was Sie eben gesagt haben, Leute, die relativ eng mit Deutschland verbunden sind, genauso wie Gesprächspartner, die eigentlich in erster Linie ihr Deutschlandbild aus den Medien in ihrem Land haben, einfach um das auszutarieren. In dieser Studie geht es nicht darum zu sagen, die Deutschen werden in Amerika, Asien, Afrika in der und der Weise gesehen oder in dem Land so gesehen, sondern was wir versucht haben, ist, was sind eigentlich die Grundlinien in dem Bild von Deutschland und zwar völlig unabhängig vom Land, von der Region, von Kultur oder von den konkreten Beziehungen, die dieses Land zu Deutschland hat. Das ist eigentlich der Wert dieser Studie. Es gibt ja sehr viele Untersuchungen auch zum Deutschlandbild, quantitative Erhebungen ...

von Billerbeck: Und Sie haben da eine qualitative Erhebung quasi gemacht.

von Schumann: Ja, wir wollten ein bisschen tiefer gehen und sagen, was steht eigentlich hinter diesen Stereotypen, wie sind konkret die Ängste, diese Erwartungen. Das ist zumindest der Versuch.

von Billerbeck: Andreas von Schumann hat für die GIZ eine Befragung von Ausländern mit Deutschlandbezug zum Deutschlandbild und der Rolle Deutschlands in der Welt gemacht. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

von Schumann: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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