Seit 13:05 Uhr Sein und Streit

Sonntag, 20.09.2020
 
Seit 13:05 Uhr Sein und Streit

Buchkritik | Beitrag vom 01.09.2020

Giulia Caminito: "Ein Tag wird kommen"Erstaunlich aktuell durch Pandemie und Proteste

Von Anne Kohlick

Beitrag hören Podcast abonnieren
Cover des Buchs "Ein Tag wird kommen" von Giulia Caminito vor orangenem Pastellhintergrund (Verlag Klaus Wagenbach / Deutschlandradio)
Historische Ereignisse geschickt eingebunden: zum Beispiel die Spanische Grippe und die Proteste gegen ein ungerechtes System in Italien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. (Verlag Klaus Wagenbach / Deutschlandradio)

Die 32-jährige Schriftstellerin Giulia Caminito wird in Italien für ihr Erzähltalent gefeiert. Jetzt ist ihr erstes Buch auf Deutsch erschienen: ein Roman über ein Dorf vor 100 Jahren, das unserem Heute verblüffend ähnelt.

Mit einem Schuss lässt Giulia Caminito ihren Roman beginnen: Nicola, ein blasser schwacher Junge, steht im Wald und richtet das Gewehr auf seinen Bruder Lupo. Warum? Der Prolog von "Ein Tag wird kommen" zieht uns mit Spannung hinein in die Welt des Dorfes Serra de’ Conti in den italienischen Marken, wo Nicola und Lupo Ceresa Anfang des 20. Jahrhunderts aufwachsen. Zwei fiktive Brüder, ein realer Ort, in dem zu dieser Zeit der Urgroßvater der 32-jährigen Schriftstellerin gelebt hat. 

Vor 100 Jahren prägt harte körperliche Arbeit das Leben in Serra - in der Backstube der Familie Ceresa und auf den Feldern, zwischen den Olivenbäumen und in den Weinbergen. Die Bauern sind Halbpächter. An den Padrone müssen sie einen viel zu großen Teil ihrer Ernte abgeben. Gegen dieses System hat schon Großvater Giuseppe, der alte Anarchist, aufbegehrt. Und Lupo, 1914 ein junger Mann mit starkem Körper, voll unbändiger Wut auf die Mächtigen und auf die Kirche, schließt sich in Ancona den Protesten der "Settimana Rossa" an.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Geschickt bindet die Autorin solche verbürgten Ereignisse in die Handlung ihres Romans ein: die Schrecken des Ersten Weltkriegs zum Beispiel, direkt gefolgt von der Spanischen Grippe, die in Serra de’ Conti noch weit mehr Menschen tötet. Sowohl die Pandemie als auch die Proteste gegen ein ungerechtes System lassen den historischen Roman im Kontext von Corona und Black-Lives-Matter-Bewegung überraschend aktuell wirken. 

Mut zu großen Bildern

Giulia Caminito hat politische Philosophie in Rom studiert und bisher zwei Romane, ein Märchen und einen Erzählband geschrieben. Die italienischen Feuilletons feiern sie als junges Erzähltalent, der Literaturbetrieb ehrt sie mit Preisen wie dem Premio Fiesole für Autoren unter 40. Das erste Buch der Römerin, das jetzt auf Deutsch erscheint, ist nicht ihr Debüt von 2016 "La grande A", das von der italienischen Kolonialgeschichte in Afrika erzählt - sondern ihr zweiter Roman "Un giorno verrà".

Brillant übersetzt von Barbara Kleiner besticht das Buch mit starken Figuren, dichten Beschreibungen und einer ungewöhnlichen Struktur. "Ein Tag wird kommen" erzählt die Geschichte von Nicola und Lupo nicht chronologisch, sondern wie in einem Puzzle: Mit jedem Teil wird mehr vom Gesamtbild sichtbar. Und obwohl die unterschiedlichen Textabschnitte aus verschiedenen Zeitebenen kommen, verwirrt Caminito ihre Leser nie. 

Ihre Sprache hat Mut zu großen Bildern, wird aber weder pathetisch noch vorhersehbar: "Lupo trat vor den Pfarrer hin mit der Entschiedenheit der Sonnenuntergänge, die unwandelbar jeden Abend wiederkehren und es Nacht werden lassen." Dem willensstarken Bruder setzt die Autorin Nicola entgegen, dessen langer, dünner Körper zu keiner Arbeit nützlich scheint, der sich fühlt als "Bewohner eines verfallenden Hauses, er sah zu, wie sich die Bruchstücke seiner selbst verstreuten, im Kampf mit einer zu zarten Haut". 

Rassismus, sexuelle Gewalt, religiöse Hingabe

Stark wie Lupo dagegen ist eine historisch verbürgte Figur, auf die Giulia Caminito bei ihren Recherchen in Serra de’ Conti gestoßen ist: die Nonne Maria Giuseppina Benvenuti, geboren als Zeinab Alif. Ausgerechnet eine schwarze Frau, als Kind aus dem Sudan von Sklavenhändlern entführt, stieg in den 1910er-Jahren in dem italienischen Dorf zur Äbtissin des Klosters auf - und wird noch heute als wunderwirkende "La Moretta" verehrt.

Basierend auf ihrer Lebensgeschichte hat die Autorin die faszinierende Figur der Suor Clara entwickelt. Als Gegenpol zu Lupo mit seinen politischen Überzeugungen ist sie eine Frau des christlichen Glaubens, die sich und ihren Schwestern die jahrhundertealte Tradition der Klausur auferlegt - und sie beharrlich gegen die Widerstände der Außenwelt verteidigt. Rassismus und sexuelle Gewalt macht Giulia Caminito im Erzählstrang der Nonnen ebenso zum Thema wie religiöse Hingabe. 

Die Welten innerhalb und außerhalb des Klosters verwebt sie mühelos durch ein Geheimnis, das Lupo mit einer der Schwestern verbindet. Und als klar wird, warum Nicola auf seinen Bruder schießt, hat einen dieses Rätsel längst aufs Neue gefangen genommen.

Giulia Caminito: "Ein Tag wird kommen"
Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020
272 Seiten, 23 Euro

Mehr zum Thema

Elena Ferrante: "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen" - Kampf zwischen Angst und Neugier
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 29.08.2020)

Marco Balzano: "Ich bleibe hier" - Ein Dorf geht unter
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 30.07.2020)

Der letzte Rest Heimat
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 25.08.2011)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Das Denken dekolonisierenRassismus bei Immanuel Kant
Ausschnitt aus einer Schokoladenwerbung mit dem Philosophen Immanuel Kant. (imago images / Kollektion Kharbine-Tapabor)

Wie sind die Rassismen im Werk Immanuel Kants einzuordnen? Der Philosoph der Aufklärung gilt als Vordenker universeller Menschenrechte. Doch über Schriften, in denen er von der Überlegenheit weißer Europäer spricht, ist der Streit wieder aufgeflammt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur