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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.12.2008

Gitarrengott auf dem Drogentrip

Klaus Theweleit, Rainer Höltschl: "Jimi Hendrix", Rowohlt Berlin, 2008, 250 Seiten

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Jimi Hendrix im Jahr 1970 (AP Archiv)
Jimi Hendrix im Jahr 1970 (AP Archiv)

Das Leben von Jimi Hendrix ist schon oft genauer unter die Lupe genommen worden. Und dennoch gelingt Klaus Theweleit und Rainer Höltschl eine erweiterte Sicht auf die Biografie des Musikers. Die beiden Autoren analysieren den Einfluss von Kindheit und Jugend und die Einwirkungen exzessiven Drogenkonsums auf Kompositionen und Texte.

Eine weitere Hendrix-Biographie? War das nötig? Kurzum: Ja. Theweleit und Höltschl betrachten ausgiebig Hendrix’ Leben, seine Kindheit und die Jahre als Musiker. Dabei gehen sie verstärkt auf die für ihn wichtigen Figuren seiner frühen Jahre ein: seinen Vater, einen überforderten Kriegsveteranen, der Sohn und Mutter prügelt, während letztere wiederum ständig betrunken ist, lieber auf Partys geht und Affären hat, als sich um die Kinder zu kümmern. Jimi Hendrix wird seine ganze Kindheit über von einer "Leihmutter" zur nächsten weitergereicht, zu Pflegemutter, Tante und Großmutter. Sie alle haben unterschiedlichen Einfluss auf ihn und prägen später erheblich die Wahl seiner Frauen und den Umgang mit ihnen. Darauf ist die bisherige Hendrix-Literatur nur wenig zu sprechen gekommen.

Ebenfalls völlig neu gewichtet wird im Buch der beiden Autoren die zentrale Rolle der Drogen, denen ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Ab 1967 hat Jimi Hendrix regelmäßig LSD genommen. Theweleit und Höltschl argumentieren, dass seine Musik aus dieser Zeit ohne Drogen undenkbar wäre. Sie beschreiben "von außen" einen typischen LSD-Trip, bei dem Innen- und Außenwelt verschwinden. Dieses Ineinandergleiten des Wirklichen und Unwirklichen, Realen und Gedachten schlägt sich in Kompositionen und Texten nieder. In der Tat erzeugen Hendrix’ surrealistische, verslose Texten und die breitwandigen Sounds, die er mit Gitarre und Verzerrer erzeugt ("das Kreischen und Krächzen von Vogelstimmen") den Eindruck, dass sich hier Innen- und Außenwelt ineinander auflösen.

Aus der Hirnforschung beziehen die Autoren die Theorie des "dritten Körpers" ein: Schallwellen des Verstärkers treffen auf die Körper-Schallwellen beim Hörer und bilden einen unsichtbaren dritten Körper im Raum. Das Musikerlebnis wird so, aus Theweleits/Höltschls Sicht, zum imaginären gemeinsamen Drogentrip. Begleitend werden Songtexte und Musik analysiert. Insgesamt ein gut recherchiertes Buch, das trotz seiner Theorielastigkeit elegant geschrieben ist und einen neuen Blickwinkel auf den großen Rock-Gitarristen öffnet.

Rezensiert von Oliver Schwesig

Klaus Theweleit, Rainer Höltschl: Jimi Hendrix. Eine Biographie
Rowohlt Berlin, 2008
250 Seiten, 17,90 Euro

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