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Musik im Gespräch / Archiv | Sendung am 25.12.2015 um 13:05 Uhr

Gipfeltreffen der IntendatenDrei Opernhäuser in Berlin - ein Luxus?

Von Jürgen Liebing

U-Bahnhof "Deutsche Oper" im Westteil von Berlin: In der Hauptstadt gibt es insgesamt drei Opernhäuser, außerdem noch die Staatsoper Unter den Linden und die Komische Oper. (picture alliance / dpa)
U-Bahnhof "Deutsche Oper" im Westteil von Berlin: In der Hauptstadt gibt es insgesamt drei Opernhäuser, außerdem noch die Staatsoper Unter den Linden und die Komische Oper. (picture alliance / dpa)

Drei Opernhäuser gibt es in Berlin und drei Intendanten. Da bleiben Konkurrenz und Redundanzen naturgemäß nicht aus. Jürgen Liebing hat die drei amtierenden Intendanten zu ihrem ersten gemeinsamen öffentlichen Stelldichein getroffen.

Nach der Vereinigung gab es in Berlin alles doppelt und dreifach. Das Schillertheater, jetzt Ausweichspielstätte der Staatsoper und einst größte Sprechbühne der Stadt, wurde mit dem Schlossparktheater abgewickelt. Dieses Schicksal drohte auch einem der drei Opernhäuser. Es gab unterschiedlichste Pläne: Schließung eines Hauses, Umwandlung einer Oper in eine Spielstätte für Gastspiele oder als Ort fürs Tanztheater. Lange wurde auch von der Politik versucht, eine Art Generalintendanz durchzusetzen. Nichts ist davon geblieben, außer einer macht- und kraftlosen Opernstiftung.

"Theater ist ein Wirtschaftsfaktor"

Jürgen Flimm, Intendant der Staatsoper: "Wisst ihr eigentlich, dass der Kulturetat der kleinste Etat des gesamten Berliner Etats ist. Wisst ihr das?! Dann sagen die Leute: Nein. Ich denke, ihr kriegt so viel. Ja, wir kriegen viel, aber geben das auch gut aus. Da werden Steuern zurückbezahlt an die Stadt. Diese drei Häuser generieren Taxis und die generieren Wirtshäuser. Die drei Theater wie die ganze Kultur sind ein Wirtschaftsfaktor. Das muss man mal zur Kenntnis nehmen."

Trotzdem gibt es einen Rechtfertigungsdruck, besonders wenn es um die Spielpläne geht. Wie vermeidet man gegenseitige Doubletten, wie koordiniert man trotz Konkurrenz die Planung? In den ersten Jahren konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, dass jeder für sich plante, um sich so gut wie möglich darzustellen, ohne Rücksicht auf den anderen. Freilich möchte jedes Haus eine "Zauberflöte" im Spielplan haben. Aber ansonsten? Nochmals Jürgen Flimm und Barrie Kosky:

Flimm: "Von fünfzig Opern sind das gerade mal drei. Das wird immer hochgespielt." 

Kosky: "Das Orchester kommt jedes Jahr zu mir, können wir nicht Elektra machen. Nein, nein, nein, erstens ist dieses Theater zu klein für diesen Strauss-Klang, es ist eine Folter für die Ohren."

Also gibt es in der Komischen Oper keinen Strauss und keinen Wagner, mit Ausnahme der "Meistersinger von Nürnberg".

Spannungen, wenn einer im Revier des anderen wildert

Aber es gab durchaus auch Spannungen zwischen den drei Häusern und deren Intendanten. Als beispielsweise Barrie Kosky in der vergleichsweise kleinen Komischen Oper Arnold Schönbergs Monumentaloper "Moses und Aron" auf den Spielplan setzte und Bernd Alois Zimmermanns riesige Oper "Soldaten", und umgekehrt missgönnte er den anderen Häusern die leichte Muse.

Dietmar Schwarz: "Wir sind da schon viel entspannter. Früher durfte ich nicht einmal Operette denken, da bist du gleich zu Klaus Wowereit gerannt: Dietmar darf das nicht." 

Kosky: "Ja, ich war früher relativ fundamentalistisch in dieser Sache. Aber jetzt nicht mehr." 

Flimm: "Jetzt ist er in den Sandkasten zurückgekehrt."

Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper, und seine Mitstreiter Barrie Kosky und Jürgen Flimm.

Geeinigt hat man sich beispielsweise auch bei der Oper "Tod in Venedig" von Benjamin Britten. Erst wollte die Staatsoper sie herausbringen. Aber Barrie Kosky erhob darauf Anspruch. Aber er verzichtete dann zugunsten der Deutschen Oper, weil ihr britischer Generalmusikdirektor Donald Runnicles an einem Britten-Zyklus arbeitet. Nach "Peter Grimes" und "Billy Budd" soll demnächst "Tod in Venedig" folgen.

30.000 Karten pro Saison für das junge Publikum

Eines haben sie all drei im Blick: das junge Publikum:

Kosky: "Alle Häuser machen jetzt große Programme für Kinder und für Jugend, jeder auf seine Weise. Wir haben keinen Kindergarten, keine Akademie, wir haben jedes Jahr eine große Oper für Kinder im großen Haus. Und wir verkaufen dreißigtausend Karten pro Spielzeit für Zuschauer zwischen 8 und 12."

Um die Zukunft des jungen Publikums muss es einem also nicht bange sein.

Am ersten Oktoberwochenende gab es in Berlin etwas wohl auf der Welt Einmaliges: An drei Tagen hintereinander präsentierten die drei Opernhäuser jeweils eine Premiere.

Kosky: "In Berlin ist das Publikum so breit und so unterschiedlich. Jetzt ist die Zeit vorbei, dass es wie früher das Deutsche-Oper-Publikum gab, das Staatsoper-Publikum, das Komische-Oper-Publikum. Natürlich, wir haben unser Stammpublikum, aber die Opernfreaks in Berlin haben die beste Situation in der Welt, sie können wandern zwischen drei Häusern, und dieses breite Repertoire sehen. Wir können natürlich nicht unseren Job machen ohne diese Zuschauerlust und Neugierigkeit. Ja, dreieinhalb Millionen in einer Stadt, drei Opernhäuser, ist das jetzt im 21. Jahrhundert zeitgemäß? Eine Dekadenz? Nein, das ist eine unglaublich wichtiger Teil der Identität dieser Stadt."

Gipfeltreffen der Berliner Oper-Intendanten, von links nach rechts: Barrie Kosky / Komische Oper, Dietmar Schwarz / Deutsche Oper und Jürgen Flimm / Staatsoper (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gipfeltreffen der Berliner Oper-Intendanten, von links nach rechts: Barrie Kosky / Komische Oper, Dietmar Schwarz / Deutsche Oper und Jürgen Flimm / Staatsoper (Deutschlandradio / Bettina Straub)

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