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Signale / Archiv | Beitrag vom 10.06.2007

Gipfelgetöse

Oder: Die Selbstfeier der Leere

Von Claus Koch

Im Strandkorb: Die Staats- und Regierungschefs beim G8-Gipfel in Heiligendamm (AP)
Im Strandkorb: Die Staats- und Regierungschefs beim G8-Gipfel in Heiligendamm (AP)

Es war ohne Sinn, dorthin zu laufen, um zu protestieren und sich mit großer Wahrscheinlichkeit heroisch verprügeln zu lassen. Es war ohne Sinn, für viele Millionen Euro viele Tausend Polizisten dorthin zu schicken, um Schutz zu errichten und sie mit großer Wahrscheinlichkeit verprügeln zu lassen. Schutz wofür? Protest wogegen? Prügel warum? Schutz für die große Leere. Protest gegen die große Leere. Prügel für die Selbstfeier der Leere.

Schon vor mehr als 15 Jahren hatte Mitgründer Helmut Schmidt die G8, die damals noch sieben waren, für überflüssig erklärt. Die Überflüssigkeit ist bis heute geblieben. Was dort aufgeführt wird, kann keine Regierung verpflichten und binden. Die Welt-Geschäftsführer müssen ihre mehr oder weniger edlen Versprechungen schnell wieder vergessen, wenn sie auf heimatlichen Boden zurückgekehrt sind. Ihre Industrien, die auch Global Players und international vernetzt sind, halten sich nur daran, wenn es in ihre Geschäftspolitik passt. Das meiste passt nicht. Und immer wieder lassen sie die Repräsentanten der Staaten ins Leere laufen. Die Standorte müssen gehalten worden, und die Arbeitsplätze.

Das überflüssige Paradieren auf den Gipfeln, das den Staatsführungen längst keine Reputation mehr einbringt, erzeugt immer öfter nur Hohn. Aber das ist jetzt nicht mehr komisch. Denn die blinde Ballung auftrumpfender Macht enthüllt erst die Hilflosigkeit der gelähmten politischen Zentren. Die acht Kaiser können nur gemeinsam vorführen, dass sie nichts anhaben - und dass sie sich in ihrer Ohnmacht gegenseitig blockieren. Damit wird es für die versammelten Weltführer langsam gefährlich.

Sie können gerade noch letzte Regungen der Kritik provozieren. Widerstand kann es schon nicht mehr sein. Aber gegen die Leere kann man sich nicht wehren. Das war Attac und den anderen Protestlern noch nicht klar. Sie sind überflüssigerweise auf die Inszenierung der hohlen Macht hereingefallen. Hätten sie von vorn herein bekannt gemacht: Wir sind uns zu schade für diese blinde Machtprotzerei, wir wollen nicht unsere Knochen hinhalten für die Bestätigung eines politischen Nichts, sie hätten von allen Vernünftigen großen Beifall erfahren.

Die Medien, die in der globalpolitischen Leere keine Öffentlichkeiten aufbauen und erhalten können, haben ihren Part als Windmacher der Leere mitgespielt. Sie haben keine Wahl. Erfahrene und verantwortungsvolle Kenner des Politischen, so es sie in den Medien noch gibt, dürfte man nicht dorthin schicken. Die Medien sind aber auf solche Veranstaltungen der Leere angewiesen. Notfalls blasen sie die Leere auf, zur Superleere. Hätten sich einige Qualitätszeitungen zusammengetan und erklärt, solche Nicht-Ereignisse wollen wir uns nicht erlauben, dafür ist uns der Platz zu teuer - es wäre eine sensationelle Werbung gewesen. Doch die Medien sind wie alle anderen vom globalen Nichts angesogen. Und sie müssen auch noch das Nicht-Angebot der Nicht-Ereignisse vermarkten.

Das ist der Fluch der Mediengesellschaft: Sie muss sich mit Pseudo-Ereignissen beschäftigen. Substanzlose Machtsymbolik ohnmächtiger Staatsverwalter lässt sich nicht kritisieren und nicht angreifen - und dies erzeugt Aggressivität bei den Jungen, Apathie bei den Alten. Dass in dieses Vakuum chaotische Gewalt einströmt, sollten erwachsene Politiker wissen. An denen fehlt es in Deutschland mehr denn je. Nun können sich Medien und Politikbetrieb wieder einmal schön aufregen über das Chaos, dem sie selber als Vehikel gedient haben. Auch diese sterile Aufregung findet kein Publikum, das zu erwerben sich lohnen könnte.

Der jüngste Gipfel hat zwanghaft vorgeführt, dass die Superapparate, die dem politischen Staatenkonflikt dienen sollten, ausgebrannt sind. Es gibt nicht einmal Geier, die sich an den Resten erfreuen könnten. Das ist eine katastrophische Situation. Für die Bundeskanzlerin könnte ein Höhepunkt ihrer politischen Karriere gekommen sein. Würde sie nach dem völlig gleichgültigen Ereignis, für das sie sich wacker geschlagen hat, den Austritt Deutschlands aus der sterilen Inszenierung erklären, sie würde Ruhm als moderne Politikerin ernten.

Claus Koch (claus-koch.com)Claus Koch (claus-koch.com)Claus Koch, in München geboren, studierte Philosophie, Ökonomie und Geisteswissenschaften und war zunächst in einem Wirtschaftsverlag tätig. Seit 1959 arbeitet er als freier Journalist für Presse und Rundfunk, seit 2003 gestaltet er den Mediendienst "Der neue Phosphorus". In den sechziger Jahren redigierte Koch die Monatszeitschrift "atomzeitalter", später war er Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für Sozialwissenschaft "Leviathan" und Mitarbeiter mehrerer sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen "Ende der Natürlichkeit - Streitschrift zur Biotechnik und Biomoral", "Die Gier des Marktes - Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft" und "Das Ende des Selbstbetrugs - Europa braucht eine Verfassung".

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