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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.04.2019

Giorgio Moroder auf Tour Wie bei der Gala auf einem Traumschiff

Arno Raffeiner im Gespräch mit Julius Stucke

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Giorgio Moroder wird von einer Backgroundsängerin zum Deutschlandauftakt im Berliner Tempodrom umarmt.  ( Annette Riedl/dpa )
Erstes Konzert im Berliner Tempodrom der Deutschlandtour von Giorgio Moroder, hier zusammen mit einer Backgroundsängerin. ( Annette Riedl/dpa )

Der italienische Komponist und Produzent, Giorgio Moroder, hat mit einem Konzert im Berliner Tempodrom seine Tour gestartet. Der fast 80-Jährige hatte offenbar den Spaß seines Lebens, meint Kulturjournalist Arno Raffeiner, der dabei war.

Der Hohepriester der Disco ist zurück, der Godfather der Dance Music stöpselt seine Synthesizer wieder an: So überschwänglich waren Musikmagazine wie der "Rolling Stone", als Hans-Jürgen Moroder - besser bekannt als Giorgio Moroder - vor ein paar Jahren zurückkehrte mit einem Album.

Der italienische Komponist und Produzent, der seine einflussreichsten Stücke Ende der 1970er produziert hatte, gab nun im Berliner Tempodrom sein erstes Konzert einer Deutschlandtournee. Kulturjournalist Arno Raffeiner war dabei und schilderte seine Eindrücke vom Auftritt des Mannes, der einst vor lauter Lampenfieber die Bühne scheute. Mit Weltstars wie Donna Summer feierte Moroder seine größten Erfolge.

(gem)


Das Interview im Wortlaut:

Stucke: Ende April wird er 79 Jahre alt, und jetzt ist er auf Tour. Das wird verkauft zumindest als erste Tour eines älteren Herren. Ist das denn so?

Raffeiner: Das ist tatsächlich ein kleiner Etikettenschwindel. Also die Konzertreihe ist als solche angekündigt, seine erste Livetournee überhaupt, und in dieser Dimension, mit diesem Aufwand gab es das auch noch nicht. Er war eigentlich ursprünglich als Livemusiker unterwegs bis Anfang der 70er-Jahre, als er eher noch so Schlager eigentlich gemacht hat hauptsächlich, so ein bisschen noch vor, früheres Leben, vor seinen großen Erfolgen.

Dass er jetzt mit so einer Tournee auftritt, das hat auch eine gewisse Ironie, weil er im Grunde Produzent geworden ist, weil ihm das auf der Bühne nicht so richtig behagt hat. Also er hatte unglaubliches Lampenfieber, weil er sich vor allem seine Texte nicht merken konnte. Nicht dass die jetzt oft so anspruchsvoll gewesen wären. Die hat er dann eigentlich noch minimalistischer auch gemacht.

Girgio Moroder hat dann Mitte der 70er-Jahre in München Donna Summer kennengelernt und kurz davor auch so die Magie des Synthesizers als Musikinstrument der Zukunft für sich entdeckt. Er hat dann ganz wesentlich etwas etabliert, was also in der Clubmusik natürlich, aber ganz generell in der Popmusik heute gang und gäbe ist, nämlich dass diese dominante Figur des Produzenten, also des Mannes im Studio, der im Hintergrund bestimmt, wie bestimmte Künstler klingen und damit auch, also im Idealfall, also ganze Trends auch auslöst oder bestimmt, wie eine ganze Ära auch klingt.

Das Stück par excellence ist da "I feel love", das Giorgio Moroder auch mit Donna Summer produziert hat. Ich finde das immer ein bisschen schwierig, wenn man sagt in einem kulturellen Bereich, dass jemand was erfunden hat, aber auf jeden Fall wurde mit dem Stück Techno auch vorweggenommen, und das hat einfach bis heute unglaublichen Einfluss ausgeübt, und ich glaube, man kann das auch tatsächlich gar nicht überschätzen.

Aus dem Dornröschenschlaf geholt

Stucke: Lampenfieber war einer der Gründe, warum er nicht auf die Bühne wollte, aber warum geht er denn jetzt dann trotzdem auf die Bühne, anstatt sich mit fast 79 irgendwie einen schönen Lebensabend in den Südtiroler Bergen, wo er herkommt, zu machen?

Raffeiner: Frage ich mich auch ein bisschen. Also das könnte er natürlich, hat er auch lange Zeit gemacht tatsächlich. Also der letzte größere Erfolg war "Un'estate italiana", ein Stück, das in Deutschland auch sehr bekannt und sehr beliebt ist, denke ich. Das war der Themensong quasi damals zur Fußballweltmeisterschaft in Italien 1990.

Danach ist er eigentlich komplett von der Bildfläche verschwunden, und ich habe ihn auch mal bei einem Interview Fragen können, was er gemacht hat. Er hat da kaum drauf reagiert. Er meinte, er hat Golf gespielt. Irgendwann kam dann aber ein Anruf aus Paris von Daft Punk, und die haben ihn ein bisschen so aus dem Dornröschenschlaf geholt und ins Studio gebeten und haben mit ihm für ihre letzte sehr erfolgreiche Platte, wo auch das Stück "Get lucky" drauf war, ein Stück auch mit Giorgio Moroder produziert, wobei sie ihn nicht als Musiker eingeladen haben, sondern eher als Märchenonkel und ihn ein bisschen erzählen haben lassen aus dem Nähkästchen. Das hat auch den roten Faden eigentlich gegeben für die Show gestern.

Der italienische Musikproduzent und Komponist Giorgio Moroder singt zum Deutschlandauftakt "The Celebration of the '80s Tour" auf der Bühne im Tempodrom. Foto: | Verwendung weltweit (Annette Riedl/dpa )Der Deutschlandauftakt "The Celebration of the '80s Tour" auf der Bühne im Tempodrom. (Annette Riedl/dpa )

Stucke: Also jetzt zurück auf der Bühne quasi oder als Newcomer auf der Bühne. Wie hat er sich denn da gemacht? Was gab es da zu sehen und zu hören gestern?

Raffeiner: Also das war wirklich große Besetzung: 14 Leute auf der Bühne, vier Streicher, vier Sängerinnen, Bass, Schlagzeug, Gitarre, diverse Keyboards. Moroder ist da mittendrin, hat in so einem großen Altar gestanden, so ein bisschen als Zeremonienmeister und Märchenonkel eben, hat durch den Abend geführt. Das Tempodrom in Berlin, wo das gestern stattgefunden hat, war komplett bestuhlt. Nicht ganz voll, aber die Leute sind jetzt auch nicht sozusagen von den Sitzen aufgesprungen, aber natürlich doch auch großteils gestanden und haben da getanzt.

Ich versuche das zu beschreiben, ohne das jetzt wertend oder abwertend zu meinen, aber die ganze Veranstaltung, es war auf jeden Fall eine Retroshow, aber es hatte keinen Discoglamour irgendwie. Es hatte eher sowas von einer Gala auf einem Traumschiff, so wie ich mir das ein bisschen vorstelle, auch so ein bisschen eine erratische Dramaturgie. "Love to love you, baby", das Stück, was wir gerade gehört haben, hat er sehr, sehr früh gespielt und damit auch so ein bisschen das verpuffen lassen.

Weit entfernt von Perfektion

Er hat immer wieder Sachen erzählt aus seinem Musikerleben, die aber teilweise akustisch nicht verständlich waren. Dazwischen natürlich gab es immer wieder Riesenhits. Also es gibt wirklich diesen Effekt, jeder kennt die Musik von Moroder, und man denkt sich so, ach, das ist auch von ihm. Also "Call me" von Blondie war ein Höhepunkt, "Hot stuff" von Donna Summer. Er hat mit David Bowie zusammengearbeitet und so weiter.

Die waren alle auch gestern irgendwie präsent, teilweise mit Einspielungen auf der Leinwand. Ich würde sagen, das war jetzt keine unambitionierte oder unprofessionelle Show, aber es war weit entfernt davon, perfekt zu sein. Ich habe so ein bisschen gerätselt, warum mich das doch ziemlich gepackt und fasziniert hat. Ich glaube, dass man … also in einem Künstler in dieser Größenordnung sieht man, mit so einer Biografie und solchen Hits, sieht man das einfach nicht mehr, dass jemand sich einfach so ganz frei von Eitelkeit auf die Bühne stellt. Es war ganz klar, dass der Mann hier einfach den Spaß seines Lebens hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

In Deutschland führt die Tour noch nach Düsseldorf und Frankfurt am Main, wo Giorgio Moroder weitere Konzerte gibt.

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