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Lesart | Beitrag vom 30.07.2020

Giorgio Agamben: „Der Gebrauch der Körper“Pessimismus in geistigen Höhen

Von Jens Balzer

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Buchcover von "Der Gebrauch der Körper" von Georgio Agamben. (S. Fischer Verlag)
Mit dem Leben hat sich Agamben, 1942 in Rom geboren, in einer Reihe von Büchern befasst, beginnend mit seinem Hauptwerk "Homo Sacer" aus dem Jahr 1995. (S. Fischer Verlag)

Der Philosoph Giorgio Agamben beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Unterschied zwischen dem bloßen, nackten Leben und der politischen Existenz. So auch in seinem neuesten Buch – im Gespräch mit den Geistesgrößen der Philosophiegeschichte.

Die Lage ist ernst und betrüblich: Zu Kulturpessimismus besteht immer Anlass, besonders für den italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Wir erleben einen "Niedergang des Politischen und der Öffentlichkeit", schreibt er am Anfang seines neuen Buches "Der Gebrauch der Körper".

Das Leben der Menschen ist in "immergleichen Tagen" gefangen, "die einer nach dem anderen aufgezeichnet und live auf die Bildschirme der anderen übertragen werden". Das ist doch kein Leben! So möchte er sagen: Das wahre Leben ist anderswo! Aber wo? Und warum fällt es uns so schwer, eine Vorstellung von dem zu gewinnen, was das wahre Leben überhaupt ist?

Verwaltetes Leben

Mit dem Leben hat sich Agamben, 1942 in Rom geboren, in einer Reihe von Büchern befasst, beginnend mit seinem Hauptwerk "Homo Sacer" aus dem Jahr 1995. Darin und in zahlreichen Folgebänden beklagt er die Unfähigkeit des abendländischen Denkens und der dazugehörigen Politik, zu einem unverfälschten und umfassenden Begriff des menschlichen Lebens und der menschlichen Existenz zu gelangen.

Von der "biopolitischen Staatsmaschine", die unsere Gesellschaften beherrscht, wird das Leben nur als Gegenstand der Regulierung und Kontrolle begriffen, als etwas, das verwaltet und geplant werden soll. Und alles, was sich dieser Art des Zugriffs entzieht oder den Sachwaltern der Politik und des Denkens als überflüssig erscheint, wird als "nacktes Leben" aus den Zonen der Zivilisation verbannt.

In "Der Gebrauch der Körper" variiert Agamben diese Diagnose ein weiteres Mal und verfolgt die ihr zugrundeliegende "Spaltung" des Lebens bis an den Beginn der abendländischen Philosophie. Schon Aristoteles unterscheidet zwischen dem "politischen Leben" (Bios) und dem "nährenden Leben" (Zoe). 

Mit ihm beginnt eine lange Geschichte der philosophischen Seinsvergessenheit, in der die menschliche Subjektivität in zwei Hälften geteilt wird.

Dabei wird das "nährende", das vegetative Leben als das betrachtet, was auf der Seite der Natur, des Individuums und des Privaten liegt und also jenseits der Politik und des gemeinschaftlichen Lebens; doch gerade durch diesen Ausschluss können die "Machtverhältnisse", kann die Sphäre des politischen Lebens umso umfassenderen Zugriff auf die Existenz der Individuen erlangen.

Geistesgespräch mit großen Männern

"Die ursprüngliche Struktur abendländischer Politik ist die ex-ceptio, der einschließende Ausschluss des menschlichen Lebens in Gestalt des nackten Lebens": Das ist der Befund von Agamben, den er von Aristoteles über Augustinus bis zu Immanuel Kant und Martin Heidegger verfolgt, in detailverliebten Diskussionen klassischer Texte, deren philologische Präzision freilich von keinem annähernd ähnlichen Aufwand begleitet wird, die daraus abgeleiteten Thesen schlüssig und nachvollziehbar werden zu lassen.

Aber das ist man von Agamben auch nicht anders gewohnt. Man kann auch sagen: Seine philosophischen Erörterungen sind so schlecht lesbar wie immer, aber - ebenfalls wie immer - blitzen daraus viele interessante Erkenntnisse hervor.

Und so deutlich wie in diesem Buch hat er auch noch nie formuliert, wie sich –jenseits der jahrtausendealten Spaltung – eine gelingende Subjektivität für ihn darstellen könnte: Es wäre dies eine, die sich als zerrissene, relationale, als unablässig werdende begreift und die repressive Idee der Identität, wie es im Epilog heißt, "destituiert".

Damit nähert er sich der Philosophie des späten Michel Foucault an, dem er ein langes "Intermezzo" widmet, und auch jener seines einstigen Weggefährten Gilles Deleuze. Bloß dass er, anders als diese, kein Vertrauen in die Kraft politischer Emanzipationsbewegungen besitzt, die um die Anerkennung ausgeschlossenen Lebens kämpfen.

In den modernen kapitalistischen Demokratien sieht er nur die äußerste Form einer biopolitischen Zurichtung der Menschen. Dass es gerade in ihnen - erstmals in der Geschichte – immer mehr Menschen gelingt, sich diesen Zurichtungen zu widersetzen, ist ihm keinen Gedanken wert.

Um einen genaueren Blick auf die politischen Einsätze der Gegenwart zu erlangen, steckt er mit dem Kopf zu weit in den Wolken des Jahrtausende überspannenden, wie Gottfried Benn es einmal formulierte, "Geistesgesprächs" großer Männer.

Als einzig angemessen radikale Widerstandsform gegen den totalen Verblendungszusammenhang, in dem wir leben, fällt ihm am Schluss die Stärkung "anarchischer, anomischer" Elemente ein, die außerhalb des Systems stehen und deswegen seine Entscheidungen "außer Kraft setzen können".

Er möchte, mit anderen Worten, die Demokratie durch eine Art situationistischer Elitenherrschaft ersetzen; eine Idee, aus der bestenfalls der Radikalismuskitsch älterer Künstler-Avantgarden spricht - und schlechterenfalls das reaktionäre Verlangen nach einer Ästhetisierung der Politik.

Giorgio Agamben: Der Gebrauch der Körper
Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko und Michael von Killisch-Horn
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020
480 Seiten, 25 Euro

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