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Interpretationen / Archiv | Beitrag vom 04.11.2018

Gioacchino Rossinis Opern-OuvertürenTheater vor dem Theater

Moderation: Ulrike Timm

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Eine handgeschriebene Partitur von Rossinis Oper "Der Barbier von Sevilla" (Marcello Mencarini/imago)
Eine handgeschriebene Partitur von Rossinis Oper "Der Barbier von Sevilla" (Marcello Mencarini/imago)

Schwerelos und hochvirtuos beginnt in Rossinis Opern das Theater schon bei geschlossenem Vorhang. Was aus dem Orchestergraben dringt, ist brillant und fesselnd – und wirkt heute sogar ohne das dazugehörige Stück.

Die Ouvertüre eröffnet als instrumentales Vorspiel ein Bühnenwerk oder steht als Auftakt oft am Anfang eines Konzertprogramms. Kulinarisch gesprochen – und zu wem würde das besser passen als zu dem legendären Feinschmecker Rossini? – kulinarisch gesprochen sind Ouvertüren also Vorspeisen. Womit Ihnen diese Sendung sozusagen ein Menü ohne Hauptgericht bietet. Ob das sättigt? Kommt auf die Vorspeisen an. Die temperamentvolle Musik Gioacchino Rossinis, ihre berühmten langangelegten Crescendi, ihre wirbelnde Grazie sollten jeglicher Tristesse jedenfalls entgegenwirken!

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Monsieur Crescendo macht dem Kontinent Beine

Der Rossini-Taumel, der Europa von etwa 1815 bis 1830 befiel, ist vielleicht nur noch mit dem Beatles-Fieber der 1960er Jahre vergleichbar. Damals verstieg sich John Lennon zu der Behauptung: "Jetzt sind wir berühmter als Jesus." Gioacchino Rossini hätte so etwas niemals gesagt. Er war ein sehr taktvoller Mann – auch als Komponist. Pulsierende Rhythmen und instinktsichere Melodien prägen die Vitalität und den speziellen Witz seiner Werke. Und immer wieder wirft er die "Orchesterwalze" an, jene langsam, aber unaufhaltsam anrollende Steigerung, die Rossini den Ruf des "Monsieur Crescendo" einbrachte.

Zeitgenössische Darstellung des italienischen Komponisten Gioacchino Rossini (1792-1868) (dpa / picture alliance)Von etwa 1815 bis 1830 erfasste Europa ein regelrechter Rossini-Taumel. (dpa / picture alliance)

Flitzen ohne Schlamperei

Sein schwereloser, hochvirtuoser Orchesterklang macht Rossini für Musiker zur anspruchsvollen Aufgabe. Wer nicht Pulsgeber ist, sondern durch die oft halsbrecherischen Figuren flitzen muss, darf sich keine Schlamperei erlauben, alles klingt so offen, dass ein Lahmender in der Geigengruppe den Effekt ruinieren kann. Und ums "Effekt machen" ging es Rossini durchaus, seine Orchestervorspiele sollten das plaudernde, geschäftlich verhandelnde oder Sekt trinkende Publikum überhaupt erst einmal zum Zuhören bringen – zu seiner Zeit waren die Opernhäuser Europas in erster Linie Unterhaltungstheater.

Ursache ohne Wirkung?

So viel Spaß am Spiel forderte natürlich auch Kritiker heraus, die in Rossinis Musik Wirkung ohne Ursache sahen und sich fragten, wohin die ewigen Crescendo-Spiralen denn eigentlich führten. Für Wagner etwa war Rossini der "ungemein geschickte Verfertiger künstlicher Blumen". Womöglich hatte Rossini tatsächlich einen aus heutiger Sicht verkürzten Begriff von Musik, wenn man bedenkt, was sein Komponistenkollege Beethoven zeitgleich erschuf – aber in seinem Fach war er Meister! Was Beethoven neidlos anerkannte, verbunden mit der Warnung, Rossini solle bloß nicht das Metier der Komischen Oper wechseln…

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