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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 03.12.2014

GiftunglückVerantwortlich für Bhopal?

Warren Anderson, Ex-Chef von Union Carbide, ist tot

Von Markus Pindur

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(picture alliance / dpa)
Zwei Inderinnen, die 1984 Opfer der Giftgaskatastrophe wurden, demonstrieren in Bhopal gegen die US-Firma Union Carbide Corporation (UCC), die jetzt zum Chemiekonzern Dow Chemical gehört, und ihren damaligen Chef Warren Anderson (picture alliance / dpa)

Die Wut der Opfer konzentrierte sich nach dem Unglück von Bhopal auf einen Mann: Warren Anderson, damals Vorstandsvorsitzender von Union Carbide. Bis heute verbrennen Angehörige jedes Jahr eine Puppe, die ihn darstellen soll. Im September ist er gestorben.

Der Sohn eines Tischlers aus Brooklyn machte eine steile Karriere. Warren Anderson arbeitete sich vom Handelsvertreter zum Top-Manager des Chemie-Konzerns Union Carbide hinauf. Eine erfolgreiche berufliche Laufbahn, die in der Nacht des 2. auf den 3. Dezember 1984 schlagartig entwertet wurde. Der BBC-Korrespondent Mark Tully berichtete am Tag nach der Giftgas-Katastrophe aus Bhopal.

"Bhopals main hospital is hopelessly overcrowded. Patients are still brought in. The gas poisoning has seriously affected their eyes…"

3800 Menschen kamen laut offizieller Statistik ums Leben. Schätzungen gehen allerdings von bis zu 25.000 Toten aus. Mark Tully erinnert sich 30 Jahre später an die gespenstische Szenerie.

"Der Slum liegt direkt gegenüber der Fabrik. Wir sahen überall tote Kühe, Hunde, Schafe herumliegen. Im Krankenhaus lagen die Patienten im Garten, weil es innen nicht genug Platz gab. Wir werden nie wissen, wie viele Menschen starben. Viele wurden schnell verbrannt oder beerdigt oder nie gefunden."

Den Haftbefehl konnte er aussetzen lassen

Nach Schätzungen des indischen Obersten Gerichtshofes waren insgesamt 100.000 Menschen von der Katastrophe betroffen. Warren Anderson, zu diesem Zeitpunkt Vorstandsvorsitzender von Union Carbide, flog nach Indien, um seine Anteilnahme zu zeigen, wie es hieß. Ein Haftbefehl wurde gegen ihn ausgestellt, den er gegen die Zahlung einer relativ geringen Summe aussetzen lassen konnte. Anderson floh vier Tage später mit einer indischen Regierungsmaschine in die USA und kehrte nie mehr zurück. Seitdem konzentrierte sich die Wut der Opfer und ihrer Angehörigen auf den Union-Carbide-Manager. Zwei Jahre später ging Anderson in den Ruhestand. Sein damaliger Nachfolger, Robert Kennedy, nahm ihn in Schutz.

"Warren Anderson ist für viele ein Symbol für diese Tragödie geworden. Hätte ich dort auf seinem Stuhl gesessen, dann wäre ich es gewesen. Anderson wurde verfolgt nicht wegen dessen, was er getan hatte, sondern wegen der Funktion, die er damals ausübte."

Das auch eine unternehmerische Funktion persönliche Verantwortung beinhaltet, kam Warren Anderson und seinen Kollegen offensichtlich nicht in den Sinn. Das Werk sei von der indischen Tochterfirma und indischen Ingenieuren gebaut worden. Die Sicherheitsvorkehrungen und die industriellen Standards der Fabrik habe der indische Staat bestimmt. Das Unglück wurde nach Ansicht von Union Carbide durch Sabotage ausgelöst. Andersons Rolle in dem Skandal verblasste mit den Jahren.

(picture alliance / dpa / Sanjeev Gupta)Die Strohpuppe soll Warren Anderson darstellen. Angehörige der Opfer des Unglücks verbrennen sie jedes Jahr am 3. Dezember. (picture alliance / dpa / Sanjeev Gupta)

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