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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.04.2019

Giftmüllhalde OstseeWie alte Munition das Meerwasser belastet

Von Silke Hasselmann

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Ein Schild mit Warnhinweisen vor phosphorhaltiger Weltkriegsmunition steht am Strand von Karlshagen auf Usedom. (picture alliance / Eventpress Hoensch)
Warnschild am Strand von Karlshagen auf Usedom: Vor der Küste rosten tausende nicht detonierte Bomben vor sich hin. ( (picture alliance / Eventpress Hoensch)

Auf dem Grund der Ostsee liegt massenhaft Kriegsgerät. Riskant ist das erstens, weil Munition explodieren, und zweitens, weil sie durchrostet - denn dann treten krebserregende Chemikalien aus. Die Frage ist nicht ob, sondern nur, wann das geschieht.

Die Insel Usedom im Kriegsjahr 1943. In einer einzigen Augustnacht zieht die Royal Air Force die Aktion Hydra durch, um die deutsche Heeresversuchsanstalt für Raketenforschung Peenemünde am Nordzipfel der vorpommerschen Insel zu zerstören. Hunderte britische Flugzeuge werfen 1400 Sprengbomben, 36.000 Brandbomben und etwa 4100 Phosphorbomben ab. Doch die meisten verfehlen ihr Ziel. Sie landen ohne zu detonieren im küstennahen Wasser zwischen Peenemünde und Trassenheide, wo sie seitdem vor sich her rosten.

Uwe Wichert steht vor einem Konferenzraum. (Silke Hasselmann)Kapitänleutnant a.D. Uwe Wichert ist Mitglied der Arbeitsgruppe "Munition im Meer". (Silke Hasselmann)

Doch nicht nur sie zerfallen und entlassen dabei toxische Stoffe ins Ostseewasser, sagt Uwe Wichert von der Arbeitsgruppe "Munition im Meer":

"Wenn man das alles zusammennimmt von Skagerrak bis St. Petersburg, dann sind dort über 179.000 Minen in den beiden Weltkriegen und auch schon im Krim-Krieg gelegt worden. Dort hat die russische Flotte ihren Kriegshafen Kronstadt mit Minen gesichert, damit die Engländer, die Franzosen, also die Alliierte Flotte nicht eindringen konnte. Die Küste von Mecklenburg-Vorpommern war besonders im 2. Weltkrieg und kurz davor ein ausgedehntes Übungsgelände, und hier ist es im Augenblick noch sehr, sehr schwierig, genaue Zahlen festzulegen. Aber man kann nicht generell sagen, es gibt komplett freie Gebiete."

Massenhaft Kampfmittel im Meer entsorgt

Das liegt vor allem daran, dass unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf Geheiß der Siegermächte massenhaft noch intakte deutsche Kampfmittel im Meer entsorgt wurden. Allein im deutschen Ostseebereich sind 50 Gebiete bekannt und weitere 21 Bereiche verdächtig, munitionsbelastet zu sein.

Auf der Suche nach den heutigen Liegeorten durchforstet Kapitänleutnant a.D. Uwe Wichert damalige Logbücher, Luftaufnahmen, Wetterberichte, Schiffskarten, Funksprüche. Daraus lasse sich mitunter ableiten, wann welche explosive Fracht abgeschossen worden ist, beziehungsweise wo funktionsfähige deutsche Bestände nach Kriegsende 1945 vorzeitig über Bord gegangen sein könnten, um die Wege zu den offiziellen Versenkungsgebieten wie Kolberger Heide bei Kiel abzukürzen. 

Die Erkenntnisse fließen in eine Geo-Datenbank, die sämtliche Informationen zu Munitionslagern und Fundstellen in der Ostsee sammelt - von Wassertiefe bis Schiffsverkehr.

Liegenlassen, Rausholen oder Abdecken

"So, und dieses Instrument versetzt die Behörden in die Lage zu entscheiden: Was mache ich?", sagt Jens Sternheim vom Umweltministerium in Kiel und meint die Entscheidung zwischen Liegenlassen, Rausholen oder Abdecken auf dem Meeresgrund. Denn die meisten Bomben sind nicht nur immer noch explosiv. Sie rosten sich auch in den Zustand einer chemischen Umweltbombe.

"Die Chemikalien aus den Munitionskörpern sind sehr giftig. Sie sind krebserregend, reichern sich in der Nahrungskette an und schädigen das Erbgut. Diese Gefahr ist da. Allerdings erst, wenn diese Stoffe austreten. Das hängt zusammen mit der Durchrostung der Sprengkörper."

Auch Jens Greinert vom Helmholtz-Zentrum GEOMAR versucht sich einen Überblick über die Umweltfolgen zu verschaffen. Der Meeresbiologe leitet ein Umweltmonitoring-Projekt der deutschen Küstenländer. Ökotoxikologen erforschen dabei in der Kolberger Heide vor allem die Wirkung von freigesetztem TNT-haltigen Sprengstoff.

"Das TNT ist eben auch giftig und insbesondere die Umsetzprodukte, die Metabolite", erklärt Jens Greinert. "Die stehen auch im Verdacht, dass sie karzinogen sind, und wir wissen - das haben unsere Experimente gezeigt -, dass sie zum Beispiel durch Muscheln aufgenommen werden. Wir bringen Muscheln extra aus in unterschiedlichen Abständen in sogenannte Hotspots, also große Minenberge. Das sind wirklich Berge: 30 Meter lang, 9 Meter breit, 1,50 Meter hoch liegen dann 80 solche Minen auf einem Haufen, wo das TNT zum Teil auch schon frei liegt."

Kleine Partikel mit giftiger Wirkung

Wie andere "sprengstofftypischen Schadstoffe" werde auch das TNT durch Strömungen und Sediment förmlich "abrasiert", ergänzt der Meeresbiologe:

"Also aberodiert. Verteilt sich dann als kleines Partikelchen, wird dann auch weiter verteilt durch die Bodenströmung und kann dann von den Muscheln in gelöster oder partikulärer Form aufgenommen werden. Das Problem ist: Wenn man es durch Muscheln aufnimmt, dann gibt es auch Fische, die die Muscheln fressen und Menschen, die die Fische essen. Und so kann das eigentlich die Nahrungskette hochwandern."

Ein verbeulter Gefechtskopf einer V1 liegt auf einem Sockel in einer Ausstellung (Silke Hasselmann)Gefechtskopf einer V1: Der Heeresversuchsanstalt Peenemünde galten die Angriffe der britischen Angriffe. (Silke Hasselmann)

TNT bindet sich gern an Mikroplastik-Partikel, die ihrerseits in wachsendem Maße in die Meere und in die dortigen Nahrungsketten gelangen. Algen wiederum können das TNT durchaus verstoffwechseln. Doch die dabei entstehenden Abbaustoffe wirken noch giftiger als das TNT selbst. Beides lagert sich in der Leber der Meerestiere ab, und Forscher vom Hamburger Thünen-Institut für Fischereiökologie stellten fest, als sie eine Plattfisch-Art in einem besonders munitionsbelasteten Bereich der Kieler Außenförde untersuchten: 25 Prozent der Fische wiesen Lebertumore auf. In drei Vergleichsgebieten in der Ostsee lag die Tumorrate bei unter fünf Prozent.

Unterdessen entwickelten Wissenschaftler wie Anja Eggert am Leibniz Institut für Ostseeforschung in Warnemünde Computermodelle, die errechnen, wohin es sprengstofftypische Schadstoffe wie TNT in welcher Lösung und in welchem Tempo treibt. Für eine realitätsnahe Simulation füttern sie ihre Rechner mit zahlreichen Daten wie Strömungsgeschwindigkeit in einem konkreten Ostseegebiet, Wassertemperatur, Lösungsgeschwindigkeit und könne viele Annahmen treffen.

"Beispiel: Vielleicht liegen da hundert Bomben", sagt Anja Eggert. "Fünf davon sind verrostet und ein Quadratmeter TNT liegt offen. Oder vielleicht liegen da 1000 Bomben. Für diese ganzen verschiedenen Szenarien können wir das rechnen. Genauso gut kann es nachher heißen: 'Da ist noch ein ganz anderes Versenkungsgebiet. Wo strömt das hin? In welchen Konzentrationen?' Oder auch noch mal rückwärts gedacht: Wenn irgendwie im Rahmen des Umweltmonitorings später festgestellt wird: 'Hier sind aber auch hohe Konzentrationen.' Dass wir dann zurückrechnen können: 'Wo kommen die denn her?'"

Keine amtlichen Schwellenwerte für TNT

Auch das soll Politik und Verwaltung dabei helfen, richtige Entscheidungen im Umgang mit dem Giftmüll auf dem Ostseegrund zu treffen. Noch gibt es keine amtlich festgelegten Schwellenwerte als Handreichung dafür, ab welcher Konzentration TNT und seine Abbauprodukte als gesundheitsschädigend für den Menschen zu betrachten sind. Mit Blick auf die kommende Ostseeurlaubssaison gibt der GEOMAR-Meeresbiologe Jens Greinert Entwarnung, die TNT-Konzentration liege im Piktogramm-Bereich:

"Es sind homöopathische Konzentrationen. Ein Schluck Ostseewasser hat, glaube ich, noch keinem geschadet. Die letzten 70 Jahre sind ja nun die Leute nicht mit einer TNT-Vergiftung an Land gekommen und haben gesagt: 'Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist!' Das Problem ist aber, dass wir sehen, dass sich die Munition immer weiter auflöst, also die Metallhüllen einfach wegrosten. Und irgendwann werden alle aufgelöst sein. Vielleicht nicht in fünf oder zehn Jahren, aber in 20, 30, 50 Jahren. Das Problem geht nicht weg."

Blick über die Ostsee bei Karlshagen auf Usedom (Silke Hasselmann)Karlshagen auf Usedom: Die Abwurfstelle der britischen Hydra-Angriffe im Jahr 1943 (Silke Hasselmann)

Allein vor der deutschen Ostseeküste liegen schätzungsweise 300.000 Tonnen nicht detonierte Kampfmittel. Deren systematische Bergung wollte keine der bisherigen deutschen Regierungen anpacken. Frei nach dem Motto "Wasser drüber" scheut der Bund auch heute die inzwischen enorm gestiegenen Gefahren und Kosten. Doch das Zeitfenster für ein Abtragen der langfristig explosiven Giftmüllhalden auf dem Meeresgrund schließt sich.

Hier geht es zum Schwerpunkt "Wo der Giftmüll seine Spuren hinterlässt"

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