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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 19.01.2018

Giftmüll in Sachsen-AnhaltKein Schatz im Silbersee

Von Christoph Richter

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Bürger in Brüchau protestieren gegen eine Giftmülldeponie (Christoph D. Richter / Deutschlandradio)
Die Bevölkerung Brüchaus protestiert gegen eine Bohrschlammdeponie. Sie sagen, sie gefährde das Grundwasser. (Christoph D. Richter / Deutschlandradio)

In Brüchau nennt man ihn den "Silbersee". Doch in Wahrheit handelt es sich bei dem Gewässer um eine der gefährlichsten Giftmülldeponien von Sachsen-Anhalt. Die dort gelagerten toxischen Stoffe drücken schwer aufs Grundwasser, die Bevölkerung protestiert.

"Ja, hier wohne ich schon immer. Aber man fühlt sich schon ganz schön bedroht", erzählt eine knapp 50-jährige Frau. Sie wohnt seit ihrer Kindheit in Brüchau. Das liegt im Norden Sachsen-Anhalts an der Grenze zu Niedersachsen. In unmittelbarer Nachbarschaft des altmärkischen Dorfes Brüchau befindet sich der so genannte Silbersee, wie die Menschen die Bohrschlammdeponie nennen. Darin lagern heute noch hochgefährliche Stoffe, Altlasten aus 40 Jahre Erdgasförderung.

"Ende der 70er-Jahre haben wir uns schon mit der Thematik Deponie befasst. Weil die Spülungsfahrzeuge, die den Bohrschlamm von den Bohrtürmen angefahren hat, sind früher immer durchs Dorf gefahren", erzählt der aus Brüchau stammende – inzwischen pensionierte - Landmaschinenmechaniker Jürgen Bammel.

"…und wenn die Wagen wieder runterkamen, dann haben die öfter vergessen den Schieber hinten runter zu machen. Und dann lag die Spülung auf der Straße. Nicht nur die Spülung, sondern auch Quecksilber-Perlen. Und dann haben die kleinen Kinder mit den Quecksilber-Perlen gespielt. Aus dem Grund hatten wir damals eine Bürgerinitiative gegründet."

Doch das hat nicht viel gebracht, denn die Deponie wurde weiterbetrieben. Bis 2012.

Eine der gefährlichsten Giftmülldeponien

Nach Angaben der Landesregierung in Sachsen-Anhalt befinden sich auf dem Grund des Silbersees – 250 Tonnen Quecksilber, 9.000 Tonnen Säuren, 1.400 Kilogramm Arsenstoffe. Toxischer Sondermüll, der in Brüchau auf einer gerademal knapp 80 Zentimeter dicken Mergelschicht lagert, die den einzigen Schutz für das Grundwasser bildet. Bedeckt ist der Bohrschlamm mit etwa einem Meter Wasser, damit es zu keinen giftigen Dämpfen kommt. Damit ist die Deponie Brüchau eine der gefährlichsten Giftmülldeponien Deutschlands.

Die Grube ist nicht dicht, sagt Bernd Ebeling. Er ist Bauingenieur der Wasserwirtschaft und Mitglied der Bürgerinitiative "Saubere Umwelt und Energie Altmark", die sich für eine Schließung der Deponie einsetzt. Der Hintergrund: Radiologische Wasseranalysen hätten ergeben – so Ebeling weiter -, dass die Chloridwerte im Grundwasser an manchen Stellen um das 20-fache höher seien als erlaubt. Auch radioaktive Stoffe wurden gefunden.

"Mit dem Ergebnis, dass die Werte von Radium 226 und Radium 228 siebenfach bis 12fach höher sind, als es natürlich im Grundwasser von Trinkwasserversorgern vorkommt. Das ist ein Anzeichen darauf, dass hier was von den Schadstoffen im Grundwasser ankommt. Das ist ein Hinweis darauf…."

Bürger sehen Grundwasser bedroht

Ebeling spricht von 130.000 Kubikmetern hoch-toxischen Abfällen – die Stück für Stück aus dem Silbersee Brüchau ins Grundwasser durchsickern. Weshalb die Anwohner eine Komplett-Bereinigung der Bohrschlammdeponie fordern. Geschehen soll es so schnell wie möglich, so der studierte Musikwissenschaftler Christfried Lenz, der Sprecher der Bürgerinitiative.

"Genau, in Deponien bringen, die dafür geeignet sind. Die entweder dauerhaft gegen das Grundwasser abgedichtet sind. Oder in Untertage-Deponien bringen, wo sich das Ganze dann unterhalb des Grundwasserspiegels befindet."

Ursprünglich kommt der 74jährige Lenz aus Frankfurt/Main, einst hat er bei Adorno studiert, war Mitglied im Kommunistischen Bund, jetzt engagiert er sich für eine saubere Altmark.

Landesamt sieht "keine erheblichen Gefährdungen"

Das Landesamt für Geologie und Bergwesen in Halle/Saale räumt ein, dass die Grube undicht ist. Man sehe aber – Zitat – "keine erheblichen Gefährdungen des Grundwassers".

"Das ist eine völlig unhaltbare Aussage. Denn es ist ja so, das Grundwasser bleibt ja dort nicht. Das Grundwasser fließt ja, der Grundwasser-Schaden ist also nicht ortsfest, sondern der verteilt sich."

Deponie-Betreiber ist die Engie E&P Deutschland GmbH, Teil der Engie-Gruppe mit Hauptsitz in Paris, hervorgegangen aus dem französischen Konzern Gaz de France Suez. Dort kann man mit den Forderungen der Bürgerinitiative "Saubere Umwelt und Energie Altmark" wenig anfangen.

Jetzt rankt sich der Streit um die Frage, ob der Schlamm des Sees komplett entsorgt oder ob er einfach mit einer Plane überdeckt werden soll. Eine Entscheidung wurde bisher nicht getroffen. Die Menschen vor Ort sind entsetzt. Zumal man gar nicht wisse, was alles in der Deponie lagert, sagt Anwohner Jürgen Bammel. Er vermutet, dass auf dem Grund der Deponie - aus DDR-Zeiten stammende mit Quecksilber kontaminierte Bohrköpfe liegen - gar Müll aus der Pharma-Industrie verklappt wurde. Das Landesbergamt in Halle schreibt in einer E-Mail, dass von 1977 bis ca. 1990 auch bergbaufremde Abfälle in der Grube abgelagert wurden, wie Pflanzenschutzmittel, Teerreste und Galvanikschlämme.

"Natürlich ist das belastend. Man lebt jetzt in Angst, was passiert jetzt."

Der 65jährige Jürgen Bammel wirkt resigniert und ratlos.

Weitere Prüfungen nicht vor 2020

Im Dezember hat nun das Unternehmen Engie zusammen mit dem Land Sachsen-Anhalt einen so genannten Sonderbetriebsplan ausgehandelt. Eine Art Fahrplan, wie mit der Deponie weiter zu verfahren ist. Und man hat sich darauf verständigt, weitere Untersuchungen vorzunehmen, um erneut zu prüfen, ob das Grundwasser durch die Deponie auch wirklich bedroht ist. Um dann Schließungsvarianten zu erstellen. Vor 2020 werde aber "nix passieren", so wörtlich ein Sprecher des Unternehmens Engie Deutschland.

CDU-Landrat Michael Kliche des Altmarkkreises Salzwedel ist irritiert. Für ihn gibt es nur eine Lösung.

"Raus mit dem Zeug. Und vernünftig dahin bringen, wo es vernünftig und gefahrlos entsorgt werden kann. Weil wir wissen, dass es Einträge in den Boden, in das Grundwasser gibt, ob durch Überlaufen oder schlechte Geologie. Hier gibt es entsprechende Messungen, die kann man auch nicht wegdiskutieren. Oder behaupten, dass es nicht gefährlich sei. Wir wissen, dass da toxische Stoffe eingelagert sind, die Leib und Leben der Menschen und die Umwelt bedrohen."

Erhöhtes Krebsrisiko?

Eine schnelle Entscheidung müsse her. Doch die gibt es in Brüchau möglicherweise bald. Denn seit Januar diesen Jahres gilt eine neue EU-Quecksilber-Verordnung. Sie verpflichtet die Anlagen-Betreiber mit Quecksilberabfällen dazu, die hochgefährlichen Abfälle in entsprechenden Deponien, wie Salzbergwerken, einzulagern. Doch dazu wollte sich weder die Betreiberfirma noch das sachsen-anhaltische Landesbergamt äußern.

Nichtsdestotrotz: Die Bürger in Brüchau sind verzweifelt, was hauptsächlich mit der erhöhten Krebsrate im Ort zusammenhängt.

"Hier gibt es 107 Einwohner, davon haben 19 Menschen Krebs. Es gibt da so bundesweite Raten im Bereich Krebsneuerkrankungen, da liegen wir in Brüchau dreimal höher, als im Bundesdurchschnitt. Das ist schon mal auffällig."

Ob es jedoch einen direkten Zusammenhang zwischen der ungeschützten Giftmülldeponie und den gehäuften Krebserkrankungen gibt, könne man nicht belegen, so Bernd Ebeling von der Bürgerinitiative weiter. Beim Krebsregister Magdeburg heißt es, durch die schlechte Melderate könne man nicht alle Krebsfälle erfassen. Eine erhöhte Krankheitsrate könne man in Brüchau und Umgebung daher weder bestätigen noch dementieren.

Unheimliches "Bade-Idyll"

Rund um den Silbersee befinden sich landschaftliche Flächen. Der See selbst sieht aus wie eine idyllische Bade-Stelle. Doch, dass das nicht so ist, wird spätestens dann klar, wenn man sieht, wie hermetisch, das Gelände abgeriegelt ist. Es ist kamera-bewacht, nachts beleuchtet, die Eingänge zum Gelände sehen aus wie Checkpoints zwischen Israel und dem Westjordanland. Und wer Führungen mit dem Betreiber macht, wird mit Schutzanzügen ausgestattet. Obwohl die Deponie ungefährlich sei, wie der Sprecher von Engie E&P Deutschland nicht müde wird zu betonen.

Die Bohrschlammdeponie Brüchau in der Altmark (Christoph D. Richter / Deutschlandradio)Gut abgeriegelt: Die Bohrschlammdeponie Brüchau in der Altmark (Christoph D. Richter / Deutschlandradio)

Karsten Ruth, der parteilose Bürgermeister der Stadt Kalbe – zu der Brüchau gehört – schüttelt irritiert den Kopf. Er war bereits auf dem Gelände. Wohl war ihm nicht dabei, erzählt er.

"In Anbetracht der Kenntnisse um das ganze Geschehen dort um die Deponie muss man verstehen, dass mir nicht sehr wohl dabei war. Auch wenn entsprechende Sicherungsmaßnahmen seitens der Betreiberfirma für uns Besucher erhoben wurden. Man weiß nicht wirklich, was dort freigesetzt wird, man was nicht wirklich, ob man seinen Körper belastet. Also für mich war es dort ein sehr unschönes Gefühl."

Wachsender Argwohn in der Bevölkerung

Im Dezember hat Bürgermeister Karsten Ruth einen Offenen Brief geschrieben. Tenor: Die Giftmülldeponie Brüchau muss schnellstens beräumt werden, man vermisse seitens des Landes mangelnde Sensibilität mit den Sorgen und Ängsten der Menschen vor Ort.

"Hier geht es wirklich darum, dass der Bürger mittlerweile mit sehr viel Argwohn, mit viel Misstrauen gegenüber den zuständigen Behörden, gegenüber unserer Gesellschaft, gegenüber unserem System, reagiert."

Bis heute betreibt Engie E&P Deutschland in der Altmark rund 150 Erdgas-Bohrungen. 2016 lag die geförderte Menge an Erdgas bei 424 Millionen Kubikmetern. Alle anfallenden Rückstände werden nach Angaben des Unternehmens fachgerecht entsorgt. Doch wo genau das passiert, dazu wollte der Konzern keine Angaben machen.

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