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Lesart | Beitrag vom 21.12.2019

"Ghosting" im Zeitalter des Online-DatingsWenn Menschen sich in Luft auflösen

Tina Soliman im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Illustration von einem Mann, der einsam vor einem Sternenhimmel steht und auf sein hell erleuchtetes Telefon blickt. (imago / Ikon Images / Gary Waters)
Sich einfach nicht mehr melden, gilt eigentlich als respektlos. In Dating-App-Zeiten wird es aber immer üblicher. (imago / Ikon Images / Gary Waters)

Was bringt Menschen dazu, uns ohne jede Ankündigung zu verlassen, ohne Streit, wortlos, spurlos? Tina Soliman ist dem "Ghosting" nachgegangen. Die Journalistin fürchtet, dass dieses Phänomen im digitalisierten Zeitalter der Dating-Apps weiter zunimmt.

Christian Rabhansl: Wenn eine Beziehung scheitert, dann ist das immer bitter, und ausgerechnet an Weihnachten im großen Streit verlassen zu werden, das wünscht man niemandem. Aber es geht noch schlimmer: nämlich ohne Streit, ohne Ankündigung, ohne Begründung, wortlos. Über dieses "Ghosting" hat die Journalistin Tina Soliman ein Buch geschrieben.

Warum tut jemand sowas: einfach verschwinden, wortlos, spurlos?

Tina Soliman: Weil es bequemer ist. Weil man sich dann einer Konfrontation entzieht. Und in dieser Konfrontation erfährt man ja vielleicht auch Dinge, die nicht so toll sind über einen selbst. Das vermeidet man. Man weicht dieser Konfrontation aus, spart Zeit und Energie und geht zum nächsten über, denn das Regal erscheint ja gut gefüllt. Dank der Dating-Plattformen gibt es ja vermeintlich sehr viele Optionen, den nächsten Menschen zu finden.

Kein Wort der Begründung

Cover Tina Soliman "Ghosting" vor aquarelliertem Hintergrund (Cover: Klett-Cotta / Collage: Deutschlandradio)"Ghosting" zerstört die Opfer geradezu, sagt Tina Soliman. (Cover: Klett-Cotta / Collage: Deutschlandradio)

Rabhansl: Für den Ghost – als für denjenigen oder diejenige, die sich in Luft auflöst – ist das irgendwie ganz praktisch. Aber die verlassen werden? Sie nennen in Ihrem Buch ein Beispiel, von einer Laura, die an Weihnachten "geghostet" wurde. Was macht das "Ghosting" mit den "Geghosteten", um mal diese Worte zu benutzen?

Soliman: Ja, ich beschreiben kurz, was passierte war. Laura hatte ein Weihnachtsfest mit ihrem Freund, mit dem sie zwei Jahre schon zusammen war. Die Familien waren zusammengekommen. Das war eine sehr enge Beziehung. Heirat, Kinder stand alles im Raum, und der Freund lobte sie noch. Er wisse gar nicht, wie er das verdient hätte, so eine tolle Frau. Sie habe das wunderschön gemacht. Und am nächsten Tag – Weihnachten war zu Ende – steigt er in sein Auto und fährt weg. Für immer. Kein Wort der Begründung. Er war nie mehr erreichbar. Bis heute weiß sie nicht, warum er sie nach diesem wunderschönen Weihnachtsfest, wie sie es empfand, verlassen hat.

Rabhansl: Und was macht das mit so einer Frau – oder einem Mann?

Soliman: Es zerstört sie geradezu. Sie fühlt sich natürlich in ihrer Wahrnehmung unendlich getäuscht. Hatte sie sich das nur eingebildet? Hatte er vielleicht seinen künftigen Abgang sogar schon in diesem Lob versteckt? Denn er musste wissen, dass er sie verlassen würde am nächsten Tag. Sie ist extrem verunsichert gewesen. Es war nicht das erste Mal, dass sie "geghostet" wurde. Heutzutage traut sie sich überhaupt nicht mehr in Beziehungen. Das ist fünf Jahre her. Es hat sie derart verunsichert, dass sie an sich selbst zweifelte, in ihren Grundfesten erschüttert wurde und tatsächlich sogar an Suizid dachte.

Schweigen ist oft eine Flucht

Rabhansl: Ihr Buch ist prallvoll mit solchen Geschichten, die teilweise wirklich sehr erschütternd sind. Wie haben Sie das recherchiert? Wie haben Sie die Menschen dazu gebracht, Sie so dicht an sich heranzulassen? Das ist ja sehr intim.

Soliman: Ja, ich gelte ja schon so ein bisschen als die "Funkstille"-Tante, weil ich ja schon vor Jahren ein Buch dazu geschrieben habe. Die Betroffenen kommen von sich aus auf mich zu, ehrlich gesagt wirklich täglich. Ich bekomme täglich Zuschriften von Verlassenen, aber auch von denjenigen, die die Menschen verlassen, also von den sogenannten Geistern. Sie sind nämlich keine Geister, sondern sie sind tatsächlich aus Fleisch und Blut. Und sie sind durchaus mitteilungsbedürftig.

Denn meist ist es dann doch so, dass der Geist auch nicht glücklich damit ist, dass er sich so verhält. Das Problem ist, viele verlassen auf diese Art und Weise, weil sie so gebaut sind, weil sie nicht anders können, weil sie sich selbst schützen wollen, weil sie vielleicht auch selbst Angst vor Nähe haben, weil sie den Konflikt vermeiden und auch selbst unsicher sind.

Rabhansl: Wenn wir vorhin so flapsig gesagt haben, für den Ghost oder Geist ist dieses Verhalten eine praktische Sache, dann war das vielleicht arg verkürzt. Sind beide Opfer?

Soliman: Ja, also, ich glaube, was schlecht ist für den Ghost: Du reifst ja nicht, wenn du den Kontakten und den Konflikten ausweichst. Insofern ist es auch für den Ghost in erster Linie schädlich. Aber natürlich schweigen oder tauchen viele Menschen auch ab, wenn sie sich schämen, wenn sie unsicher sind, wenn sie nicht weiterwissen, wenn sie sich nicht ausdrücken können. Wenn vielleicht sogar das Machtgefälle zwischen diesen beiden Personen so ist, dass der später Verlassene eigentlich in Wirklichkeit der Stärkere ist. Also, das ist schon in der Tat etwas komplizierter, wenn jemand wortlos geht. Schweigen ist sehr, sehr oft Flucht.

Dating-Apps mit einprogrammiertem Kontaktabbruch

Rabhansl: Sie haben vorhin schon angedeutet mit dem Verweis auf Ihr früheres Buch "Funkstille", dass das Thema sie schon länger umtreibt. Und sie haben noch ein zweites Stichwort genannt: die Dating-Apps. Da machen Sie im Buch sehr deutlich, dass sie glauben, dass das Phänomen damit zugenommen hat. Sie schreiben an einer Stelle: "Was ist eigentlich passiert? Die Digitalisierung und das Internet." Wie kommen Sie darauf? Warum ist es ausgerechnet im digitalisierten Zeitalter so einfach, sich vom Acker zu machen?

Soliman: Weil man ja angeblich oder vermeintlich so viele Möglichkeiten hat, einen anderen Menschen zu finden. Die Menschen lassen einen Laufsteg der Möglichkeiten an sich vorbeiziehen und wählen aus. Oder wollen wir besser sagen: Sie wählen ab. Es ist eigentlich eine Abwahl, und sie scheinen das wählen so sehr zu mögen, dass sie aber nicht wirklich auswählen. Also, du hast eine Menge an Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen. Der Nächste bitte. Das ist praktisch ein serielles Kennenlernen. Aber du legst dich nicht fest.

Das Internet bietet die Tools, und die Menschen nutzten sie dadurch auch. Es war ja früher eher schambesetzt zu gehen, ohne sich zu erklären. Das war nicht fein, das war respektlos, nicht verantwortungsvoll. Die Dating-Pattformen dagegen haben diese Funkstille in ihr Programm eingespeist. Du hast ja den Knopf – einfach weiterwischen und zack weiter der Nächste, bitte.

Rabhansl: Das, was Sie schreiben, erinnert dann oft auch an die Forschung der Soziologin Eva Illouz über die Liebe in der durchkapitalisierten Gesellschaft. Die argumentiert ja, dass die Liebe Warencharakter hätte. Dass das Date eine Art Bewerbungsgespräch ist. Die Beziehung ein Deal. Würden Sie das auch sagen, dass wir mit Dating-Apps eigentlich nicht mehr flirten, sondern quasi auf Shoppingtour gehen und deshalb auch den Partner ohne Angabe von Gründen binnen 30 Tagen zurückgeben können?

Soliman: Ja, klar, passt einer nicht, geht er eben retour. Das haben mir wirklich meine Interviewpartner gesagt. Und in einer Welt, in der nicht nur Produkte und Dienstleistungen rund um die Uhr verfügbar sind, überträgt sich diese Wegwerfmentalität eben auf den Menschen. Wir sind es gewohnt, alles zurückschicken zu dürfen. Und dieses Retoure-Recht haben wir auf uns selbst übertragen. Wir selbst zirkulieren unablässig wie Waren. Und so beschreiben mir das auch die Interviewpartner: Gefällt mir einer nicht, wird eben weitergeklickt.

Der bessere Weg wäre, genauer hinzuhören

Rabhansl: Aber das ist ja in einer Dating-App schon ganz zu Beginn, noch bevor man sich darüber kennenlernt. Dann nach vielen Dates – oder wie bei Laura nach einer mehrjährigen Beziehung – das so zu tun, das ist ja doch ein anderes Kaliber.

Soliman: Das ist ein anderes Kaliber, läuft aber aufs gleiche hinaus. Denn die Menschen, die Betroffenen, die Verlassenen, sind auch nach kurzen Beziehungen hochgradig verletzt, auch nach zwei, drei Dates. Wenn sie auf diese Art und Weise verlassen werden, fühlen sie sich entwertet, tatsächlich wie ein Ding weggeworfen. Sie sind ja nicht mal ein Wort wert. Also die Verletzungen gehen auch nach kurzen Beziehungen relativ tief.

Denn wenn man die Beziehung noch nicht gelebt hat und den schnöden Alltag noch nicht gelebt hat, dann hatte man ja noch Wunschvorstellungen. Träume, Idealvorstellungen, Traumschlösser. Und man denkt ja dann: Was wäre, wenn? Da waren doch alle Möglichkeiten! Es war doch eine traumhafte Beziehung. Unendlich viele Betroffene sagen mir, ich frage mich immer, was wäre gewesen, wenn er sich erklärt hätte? Wenn ich insistiert hätte? Wenn ich es nicht gelassen hätte zu insistieren? Die Menschen drehen sich wie in einer Endlosschleife, bekommen aber eben diese Antworten nicht.

Rabhansl: Ist das am Ende auch schon eine Idee, wie man sich vielleicht vor so etwas schützen kann oder wie man dagegen trainieren kann? Früher ein bisschen nachfragen, auch wenn es eigentlich gerade so gut aussieht?

Soliman: Ich glaube, der bessere Weg wäre, genauer hinzuhören. Denn meistens ist es so, dass der spätere Ghost schon vorab signalisiert hat, dass er vielleicht beziehungsängstlich ist, dass er die Beziehung so nicht will, dass er gesagt hat, ja eigentlich wollte ich nicht, aber. Darauf kann er sich später übrigens auch immer wieder zurückziehen. Er hat ja gleich signalisiert, dass er kein Interesse hat.

Oder noch besser oder wichtiger ist die Frage: Wie ist er denn zuvor aus Beziehungen gegangen? Hat er das da vielleicht genauso gemacht, dass er einfach wortlos gegangen ist? Oder wie war es in der Familie – Stichwort transgenerationale Weitergabe von Verhaltensmustern –, hat man den Kontakt dort auch abgebrochen, gibt es in der Familie auch Kontaktabbrüche durch Schweigen? Das alles spielt eine Rolle. Also eher genauer hinhören und vielleicht auch mal gezielt fragen.

Tina Soliman: "Ghosting: Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter"
Klett-Cotta, Stuttgart 2019
358 Seiten, 18 Euro
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