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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 29.04.2020

GhanaMit der Digitalisierung soll der Aufschwung kommen

Von Roland Jodin

Der Lehrer Earnest Adomensa zeigt den Schülerinnen und Schülern das Microsoft Startmenü auf seidem privaten Laptop. (Roland Jodin)
Der Lehrer Earnest Adomensa zeigt den Schülerinnen und Schülern das Microsoft Startmenü auf seidem privaten Laptop. (Roland Jodin)

Digitalisierung ist in Ghana Staatsziel. Sie soll dem Land den dringend benötigten Aufschwung bringen. In den Städten ist die Digitalisierung auf einem guten Weg, doch auf dem Land ist der Zugang zu Netz, Strom und Computern teuer und rar.

Die Ring Road. Eine der Hauptverkehrsadern in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Hier endet der Nini, der Kanal, der quer durch die Stadt verläuft. Wasser ist allerdings kaum zu sehen. Denn das Kanalbett ist randvoll mit Plastikmüll: Plastikflaschen, Plastikdosen, Plastiktüten, Plastikkanister- und Verpackungen – und zwischendrin picken ein paar Vögel nach Essensresten.

Um den Kanal herum erstreckt sich ein kleines Wohn- und Einkaufsviertel. Aus einer Halle dringt Musik –  ein Gottesdienst. Die Menschen, die am Kanal vorbeilaufen, ärgert der Anblick des Müllteppichs auf dem Wasser. Eine junge Frau schimpft: "Das ist nicht gut. Hier wird Essen verkauft. Damit ist es auch verschmutzt." Und ein Mann sagt: "Weil wir keine Mülleimer haben. Es gibt hier einfach keine. Deshalb schmeißen die Leute halt einfach alles auf die Straße."

Auch im Podcast der Weltzeit: Korrespondentin Dunja Sadaqi, deren Berichtsgebiet 22 Länder in Nordwestafrika umfasst, erzählt, wie das Leben und Arbeiten zu Coronazeiten in Ländern funktioniert, in denen die Digitalisierung noch nicht so weit fortgeschritten ist. "Ein Zugang zum Internet ist Gold wert. Leider gibt es hier überall extreme Unterschiede zwischen Stadt und Land. Gerade die Einkommensschwachen sind ausgeschlossen, für sie ist der Lockdown teilweise existenzbedrohend."  

Es gibt keine Abfalleimer, aber auch keine Müllabfuhr, wie wir sie aus Deutschland kennen. Die fährt nur in einigen wenigen gutsituierten Stadtvierteln. Überall sonst fahren sogenannte "borla-taxis", Mülltaxis, herum – Tagelöhner, die mit Kleintransportern hupend von Haustür zu Haustür den Müll einsammeln. Doch viele Ghanaer haben kein Geld, um den Borla-Fahrer zu bezahlen.

Der verschmutzte Kanal Nini, in der Hauptstadt Accra. Unmengen an Plastikflaschen, Plastikdosen, Plastiktüten, Plastikkanister- und Verpackungen sammeln sich dort, das Wasser ist kaum zu sehen. (Roland Jodin)Wasser ist im Kanal Nini in der Hauptstadt Accra vor lauter Plastikmüll kaum zu sehen. (Roland Jodin)
Umweltbehörden und Wissenschaftler gehen davon aus, dass in Accra nur rund die Hälfte des Mülls abgeholt und nur ein Bruchteil davon recycelt wird. Und hier kommt Emmanuel Danso Yaw ins Spiel, 26 Jahre, Jungunternehmer und App-Programmierer. "Borlaadakye ist ein Tech-Startup", erklärt er, "das den User digital mit Abfuhrdiensten und Recyclern vernetzt. Damit sollen die Abholung und Verwertung des Mülls einfacher werden."

Borla Daakye ist Twi, die weit verbreitetste Landessprache in Ghana, und heißt auf Deutsch: "Die Zukunft des Mülls". Die Idee: Über die App können User einen Dienst bestellen, der ihren gesammelten Plastikmüll abholt. Dafür kriegen sie Punkte gutgeschrieben, die sie dann wiederum gegen Waren aus recyceltem Plastik eintauschen können –  zum Beispiel gegen Plastikteller oder -stühle.

"Es vereinfacht das Sammeln des Plastikmülls und schafft gleichzeitig Anreize für alle, ihren Plastikmülll auch zu recyclen," sagt sein Erfinder. Ende Mai soll die App in den Stores abrufbar sein.

Mehr Jobs für die Jugend im Land

Plastik ist ein virulentes Problem in der westafrikanischen Vorzeigedemokratie Ghana – dessen Lösung die Digitalisierung bringen soll. Digitalisierung soll aber noch viel mehr. Sie soll der Jugend im Land mehr Jobs bringen. Sie soll die Bildung verbessern, Zugang zu Finanz- und Gesundheitsdienstleistungen sowie Informationen ermöglichen. Das erhoffen sich die Bürger.

Die Regierung will mittels Digitalisierung die Korruption verringern, Behördengänge erleichtern, und mehr Steuereinnahmen generieren. Denn bis heute arbeiten in Ghana rund 80 Prozent aller Einwohner im informellen Sektor. Beispielsweise als Tagelöhner, Imbissbetreiber oder Straßenhändler, die keine Steuern zahlen. Mit modernen Datenverarbeitungsprogrammen könnten mehr Unternehmen und Arbeitnehmer registriert werden.

Ausnahmslos alle hoffen aber auf einen Wirtschaftsaufschwung dank Digitalisierung. Der für die ghanaische Volkswirtschaft überlebenswichtige Export von Agrarprodukten wie Kakao oder Tropenfrüchten, sowie der Verkauf von Rohstoffen wie Gold, stagniert seit Jahren.

Deshalb hat Ghanas Regierung Digitalisierung zum Staatsziel ausgerufen. Oliver Boachie ist der Staatssekretär für Digitalisierung, er sagt:

"Für die Regierung von Ghana ist Digitalisierung von entscheidender Bedeutung. Sie ist das zentrale Element unserer Strategie, um das Land voranzubringen. Unserer Meinung nach ist es fast unmöglich, dass Ghana sich weiterentwickelt, ohne dass wir die Digitalisierung vorantreiben."

Geschäftsideen mit sozialem Anspruch

Viele junge Leute wollen aber nicht warten, bis die Regierung digitale Technologien und Prozesse in den Wirtschaftskreislauf implementiert. Viele wollen ihre eigenen Ideen in die Tat umsetzen, und dabei die Probleme des Landes lösen. Genau dafür seien Unternehmer nun einmal da, sagt Josiah Eyison, Vorsitzender des Hub-Network Ghana. Unternehmertum sei eine bestimmte Art zu denken, um die Welt zu verbessern.

Das Hub-Network ist ein Netzwerk aus Gründerzentren, in denen Jungunternehmer und Start-Ups Business-Kurse bekommen, und sich für kleines Geld einen Arbeitsplatz mit schnellem Internetzugang, funktionierender Stromversorgung und Klimaanlage mieten können. Letztere ist in einem Land, in dem es nachts selten kälter ist als 27 Grad, sehr wichtig. 

Josiah Eyison, ein hochgewachsener Mann mit Glatze und Vollbart, unterrichtet auch selbst die jungen Gründer. Zum Beispiel in Marketing. Häufig hätten sie Geschäftsideen mit sozialem oder ökologischem Anspruch, sagt er. Eben weil viele von ihnen in widrigen Lebensumständen aufgewachsen seien.

"Wenn du in einer Gegend lebst, in der es keine Geldautomaten gibt und die Menschen nicht wissen, wie sie Sachen bezahlen sollen – hast du eine Idee im Kopf, um das Problem zu lösen", sagt Eyison. "Statt zu Hause zu sitzen und dich darüber zu beschweren, dass es keine Jobs gibt. Wir brauchen kritische und kreative Geister, wenn die Leute die Schule verlassen. Statt Leute, die mit guten Noten die Schulzeit nur abgesessen haben."  

Nur wenige der Gründer sind Frauen

Unter den kritischen und kreativen Geistern, von denen Eyison spricht, finden sich derzeit leider noch viel zu wenig Frauen. Vor allem, wenn es darum geht, digitale Unternehmen zu gründen. Ein Grund dafür ist laut Studien, dass Frauen in Ghana seltener Zugang zu Computern haben und viel weniger Zeit im Internet als Männer verbringen.

Doch es gibt sie, die Vorbilder –  erfolgreiche Programmiererinnen und Digitalunternehmerinnen: Zum Beispiel Ivy Barley. Sie ist die Mitbegründerin von "Developers in vogue", eine Tech-Community von und für Frauen, die IT-Kurse in Software-Entwicklung sowie Mentoringprogramme für Uni-Absolventinnen anbietet. Diesen März wurde Barley jedoch von einem großen US-amerikanischen Technologiekonzern abgeworben.

Ein weiteres Vorbild: Laila Abdul Rahman. Die 28-jährige Ghanaerin ist auf dem besten Weg mit ihrer Geschäftsidee Sabary Tours eine erfolgreiche Unternehmerin zu werden, sie erzählt: "Sabary Tours ist eine Onlineplattform, auf der man Urlaube und Touren in Ghana buchen kann. Wir wollen das Reisen in Afrika erleichtern."

Dabei fokussiere sie sich auf afrikanische Touristen, erklärt Laila Rahman. "Unsere Zielgruppe sind Afrikaner, die ihren eigenen Kontinent kennenlernen wollen. Denn wir glauben, dass die Menschen in Afrika selbstbewusster auftreten können, wenn sie das schätzen und lieben lernen, was sie haben."

"Warum heiratest du nicht?"

Als Inhaberin einer Online-Reiseagentur ist sie gleich in zwei Männerdomänen vorgedrungen: In die Gründerszene und die Tech-Branche. Besonders von älteren Geschäftspartnern, erzählt sie lachend, habe sie sich erniedrigende Sprüche anhören müssen - etwa sagen die Sachen wie: ‚Aber warum bist du hier? Es gibt so viele Männer da draußen. Warum heiratest du nicht?‘ Und ich sage: ‚Nein, ich will es alleine schaffen.‘ Ich wünschte, wir hätten eine Gesellschaft, die offen für junge Leute ist, die einen ermutigt und nach oben hilft." 

Ihr Geschäft ist derzeit leider vorübergehend auf Eis gelegt. In Ghana gelten, wie im Rest der Welt auch, Ausgangsbeschränkungen. Die Landesgrenzen sind seit der Covid-19-Pandemie seit über einem Monat dicht.

Unterricht im offenen Schulgebäude in Shia. (Roland Jodin)Unterricht im offenen Schulgebäude in Shia. (Roland Jodin)

Zugang zum Internet ist in diesen Zeiten für viele jedoch noch wichtiger geworden. Bei der Internetnutzung, ist Ghana im oberen Drittel Afrikas. Allerdings sind nach wie vor viele Menschen von der digitalen Welt ausgeschlossen. Zwar haben rund 80 Prozent ein Smartphone. Doch nur etwas über 40 Prozent der Bevölkerung in Ghana besitzen einen Laptop oder PC. Und nicht einmal die Hälfte des Landes hat täglich Zugang ins Internet.

Diejenigen, die täglich und ausgiebig online sind, leben meist in urbanen Zentren. Dort ist der Netzempfang gut, und eine flächendeckende Stromversorgung gesichert. In ländlichen Gebieten jedoch sind Strom und Netz reine Glückssache. Und auch Geld spielt eine Rolle. Auf dem Land verdienen die Menschen nicht so viel wie in der Stadt. Demzufolge sind vielen Landbewohnern Smartphones und Computer zu kostspielig oder das Datenvolumen zu teuer.

Mal scheitert die Digitalisierung aber auch an geringen Computerkenntnissen wie hier in einer Schule in den Bergen im Osten Ghanas. Die Senior High Technical School in Shia - sie befindet sich auf einem weitläufigen Gelände, darauf mehrere Steinhütten und überdachte Unterstände.           

Die Schule ist ein Dorfinternat für Oberstufenschüler, die hier nach drei Jahren ihr WASSCE machen. So heißt das westafrikanische Abitur.´Während dieser drei Jahre steht auch ICT auf dem offiziellen Stundenplan. Also "Information and Communication Technologies". Der Computerkurs.

Computerkurs ohne Computer

Das Problem ist nur, dass die Schule gar keine Computer hat, erklärt der stellvertretende Schulleiter Philip Dogbatse Yao: "Der Computerkurs ist im Grunde theoretisch. Der Unterricht findet ohne Computer statt. Der Lehrer bringt normalerweise einen Laptop mit -  zu Demonstrationszwecken."

Der Lehrer heißt Earnest Adomensa. Seinen privaten Laptop balanciert er auf dem linken Arm, während er mit der rechten Hand das Microsoft Startmenü auf die Tafel zeichnet. Heute bringt er den rund 20 Schülerinnen und Schülern bei, wie man auf dem Desktop eine Verknüpfung zu einem Programm erstellt. Er stellt seinen Laptop auf einen Tisch und bittet die Schüler, sich darum zu versammeln.

Eine Schülerin setzt sich an den Rechner, und der Lehrer erklärt ihr, was zu tun ist: "Du klickt auf Start, dann erscheint eine Liste mit allen Programmen. Du klickst auf eins, hältst und ziehst es. Du klickst und ziehst es, und dann lässt du es hier los. Und wie du sehen kannst, haben wir jetzt die Verknüpfung auf dem Desktop."

Die Schüler spenden Applaus - für die Drag-und-Drop Funktion, etwas, was viele Kinder in Deutschland nebenbei von ihren Eltern aufschnappen.

Schüler versammeln sich vor dem Laptop des Lehrers im ICT Unterricht. (Roland Jodin)Schüler versammeln sich vor dem Laptop des Lehrers im ICT Unterricht. (Roland Jodin)

Adomensa sagt: "Es ist traurig. Ich muss meinen eigenen Laptop für den Unterricht benutzen. Manchmal richte ich mit meinem Handy einen Hotspot ein. Ich will in meine Schüler investieren. Also zahle ich das Datenvolumen und richte einen Hotspot ein, damit die mal ins Internet können und ein Gefühl dafür kriegen."

Das Internet ist für die Abiturienten in Shia kein Neuland. Viele haben ein Smartphone, benutzen es aber nur selten. Denn Handys sind in der Schule verboten, Datenvolumen ist teuer, und Strom kommt nur unregelmäßig aus der Steckdose. Und wenn sie mal ihr Telefon in der Hand haben, verbringen sie ihre Online-Zeit auf social media Kanälen, wie beispielsweise Facebook, WhatsApp, Instagram und Twitter. In puncto Social-Media-Nutzung ist Ghana fast Spitzenreiter in Subsahara-Afrika, und wird dabei nur von Südafrika getoppt.

Eine E-Mail schreiben oder eine Powerpoint-Präsentation erstellen, das können viele allerdings nicht. Das wollen die Abiturienten aus Shia nachholen, sobald sie mit der Schule fertig sind. Eine Schülerin sagt: "Wenn ich die Chance kriege, gehe ich zur Computerschule. Denn heutzutage im 21. Jahrhundert sind Computer alles. Und ihre Freundin pflichtet ihr bei: "Ich würde auch gerne dorthin, bevor ich zur Uni gehe."

Diese Computerschulen, von denen viele Schüler träumen, sind sozusagen privat geführte Volkshochschulen rund ums Thema PC. Es gibt sie in allen größeren Städten. Und sie sind gut besucht. Denn mit einem Altersdurchschnitt von 21, 5 Jahren ist Ghana ein junges Land. Und der Wille der Jugend zur Digitalisierung ist enorm.

Der Traum von einem Entwicklungsland wie Ghana, Missstände mittels moderner Technologie zu kompensieren – dieser Wunsch wird in urbanen Zentren mit gut ausgebildeten, ambitionierten jungen Menschen allmählich wahr. Doch in ländlichen Gebieten, wo die Infrastruktur unterentwickelt ist, bleibt es vorerst ein Traum.

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