Seit 05:05 Uhr Studio 9
Mittwoch, 28.10.2020
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Interview | Beitrag vom 24.09.2020

Gewalt gegen Lehrkräfte"Schule kann nicht besser sein als die Gesellschaft"

Klaus Seifried im Gespräch mit Ute Welty

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Jugendlicher streckt seine geballte Faust frontal in die Kamera. (imago / photothek / Liesa Johannssen)
Ursachen für Gewalt gegen Lehrkräfte sind oft Ängste, Frustrationen, eigene Gewalterfahrungen, sagt der Psychologe Klaus Seifried. (imago / photothek / Liesa Johannssen)

Aggressionen, Provokationen, Drohungen: Lehrkräfte erfahren immer wieder Gewalt an Schulen. Das könne bis hin zu einer Traumatisierung gehen, sagt Klaus Seifried. Der Schulpsychologe erklärt, was sich dagegen tun lässt.

Für den langjährigen Lehrer und Schulpsychologen Klaus Seifried ist Schule kein Kosmos, der vom Rest des gesellschaftlichen Lebens abgetrennt ist.

"So lange es in der Gesellschaft Gewalterfahrungen gibt, in der Familie oder auf der Straße, wird es das auch in der Schule geben", sagt er. "Schule kann nicht besser sein als die Gesellschaft." So würden auch Polizeibeamte und Feuerwehrleute im Einsatz bedroht.

An Schulen seien zwar Gewalt und Bedrohungen "die absolute Ausnahme", doch jeder Fall sei einer zu viel. Die Folgen derartiger Erfahrungen reichen laut Seifried von Kränkung bis Traumatisierung.  

Viele Lehrerinnen und Lehrer zögen sich dann zurück. Doch das sei der falsche Weg: "Sie müssen mit Kolleginnen und Kollegen und der Schulleitung sprechen und sich auch Coaching und Supervision holen." Dabei gehe es zum Beispiel darum zu lernen, wie man deeskalierend handeln könne.

Und auch dies sei wichtig: Wertschätzung den Schülerinnen und Schülern entgegenzubringen und ihnen in der Schule Erfolge zu verschaffen. Wenn Lernende das Gefühl hätten, geachtet zu werden, werde die Gewalt auch abnehmen.

Gewalterfahrungen und fehlender Halt in Familien 

Doch warum werden Schülerinnen oder Schüler überhaupt aggressiv? "Die Ursachen für Gewalt sind nicht anders als in der Gesellschaft auch", erklärt der Psychologe. "Kinder und Jugendliche, die erfahren haben, dass sie sich mit Gewalt durchsetzen können, dass sie Aufmerksamkeit bekommen, dass sie andere in Angst versetzen können, tun das."

Hintergrund seien eigene Ängste und Misserfolge, Frustrationen in der Familie oder in der Schule. In vielen Familien gebe es Gewalterfahrungen, und es fehle an Grenzen und Halt für die Kinder. "Das leben sie in der Schule ein Stück weit aus, weil sie dort Grenzerfahrungen machen und mit Regeln konfrontiert werden."

Grundsätzlich sei es aber so, "dass viele Schulen im sozialen Brennpunkt ein Ort der Stabilisierung für die Kinder und Jugendlichen sind". Wichtigster Faktor sei eine gute Schüler-Lehrer-Beziehung. Das funktioniere an vielen Schulen, an manchen aber nicht: Dort herrsche Anonymität, es gebe viele verschiedene Bezugspersonen, oft auch junge, unerfahrene Lehrkräfte oder Quereinsteiger.

(bth)

Mehr zum Thema

Studie über Gewalt gegen Lehrkräfte - "Man will das Phänomen offenbar klein reden"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 02.05.2018)

Gewalt gegen Lehrer - Angriffe und Mobbing an fast jeder zweiten Schule
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 05.05.2018)

Brennpunktschulen - "Nicht das beste Arbeitsumfeld für Lehrkräfte"
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 06.03.2019)

Interview

Studie der Stiftung LesenWarum Vorlesen so wichtig ist
Ein Vater liest auf einem Bett sitzend seinen Kindern vor. (Getty Images / Rae Russel)

Ein Drittel aller Eltern lesen ihren Kindern selten oder nie vor. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor. Dabei sei Vorlesen wichtig für die Beziehung und bereite auf den Schulalltag vor, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Petra Anders. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur