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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.11.2020

Gewalt gegen Frauen aus NigeriaZwangsprostitution mithilfe von Voodoo-Zauber

Simon Kolbe im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Ein illuminiertes Fenster im Rotlichtviertel in Berlin. (imago/ Steinach)
Viele Nigerianerinnen träumen von Arbeit in einem Friseursalon oder einer Bar in Europa, sagt Simon Kolbe. Doch sie landen in der Zwangsprostitution. (imago/ Steinach)

In Europa wächst die Zahl der Frauen aus Nigeria, die zur Prostitution gezwungen werden. Der Zwang beruht häufig auf Voodoo-Zauber, an den die Opfer glauben. Experte Simon Kolbe erklärt das perfide System. Und wie den Frauen zu helfen ist.

Liane von Billerbeck: Immer mehr Frauen aus Nigeria müssen in Europa anschaffen gehen. Das besonders Verstörende an dieser Art Zwangsprostitution ist: Sie baut auf Voodoo-Zauber auf. Der Glaube an böse Geister hält die Opfer gefangen, und das ganz ohne körperliche Gewalt.

Simon Kolbe erforscht dieses Phänomen als Doktorand am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, und er kennt es aus Erfahrung, denn bevor er in die Forschung gewechselt ist, hat er mehrere Jahre als Caritas-Asylberater gearbeitet. Wir wollen mit ihm über dieses Thema sprechen am heutigen "Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen".

Sie haben bei Ihrer Arbeit als Sozialpädagoge in Ingolstadt von diesem Phänomen erfahren: Zwangsprostitution mithilfe von Voodoo. Was sind das für Frauen, was haben sie gemeinsam?

Kolbe: Zunächst, es war im Gebiet Eichstätt und um Eichstätt herum, also bei Ingolstadt. Grundsätzlich haben die Frauen gemeinsam, dass sie aus einem bestimmten Gebiet in Nigeria, dem Edo State kommen. Das ist die Grundlage. Danach sind es Frauen unterschiedlichen Alters, die Frauen haben wenig Perspektiven in ihrer Heimatgegend und werden dann über Netzwerke angeworben – über andere Frauen hauptsächlich übrigens – und werden dann in die Zwangsprostitution eingeführt.

Mafiöses Netzwerk setzt die Frauen unter Druck

von Billerbeck: Woran genau glauben sie denn, was fürchten sie?

Kolbe: Die Frauen glauben – Nigeria ist insgesamt ein sehr religiöses Land, die meisten Menschen finden Religion als das Wichtigste in ihrem Leben –, und in diesem bestimmten Staat glauben die Frauen oder die Menschen dort unter anderem an Juju-Praktiken oder Voodoo-Praktiken. Das sind animistische Religionen, die auch neben den großen Religionen wie Christentum und Islam vorherrschen.

von Billerbeck: Wenn diese Frauen so viel Angst haben, dass man ihnen mit Voodoo auch einreden kann, ist es sicher schwer, an sie heranzukommen, oder?

Kolbe: Absolut. Sie müssen sich das vorstellen, dass über das mafiöse Netzwerk, das europaweit agiert, die Frauen unter Druck gesetzt werden, weil dieses Netzwerk auch weiß, was passiert. Wenn die Frauen anschaffen gehen oder wenn in der Familie im Heimatland etwas passiert oder die Frauen mit Behörden sprechen, dann werden die Zuhälterinnen, die so genannten Madames, darüber über andere Frauen oder sogenannte Boys – das sind Angestellte im System – informiert und setzen dann die Opfer unter Druck, indem sie sie anrufen und sagen: Du hast gegen den Juju – das ist ein Voodoo-Schwur – verstoßen, deswegen ist dein Onkel krank.

Oder du warst bei der Polizei, wir haben das mitbekommen, deswegen wird deine Mutter morgen sterben oder Ähnliches, oder ein Geist wird dich befallen. Alle möglichen Sachen werden da als Drohungen ausgesprochen. Und jede Misslage wird so interpretiert, dass die Frau denkt, sie hat gegen diesen Schwur verstoßen.

Voodoo-Zauber Juju gilt in Nigeria als normales Geschäft

von Billerbeck: Es ist irgendwie hierzulande kaum zu fassen, dass das wirklich funktioniert, dass Menschen heutzutage noch an so was glauben.

Kolbe: Das ist tatsächlich schwer zu fassen, aber Sie müssen sich das vorstellen, wenn man von Geburt an in so einer religiös-spirituellen Gesellschaft aufwächst, gleichzeitig wenig Chancen hat, Bildung zu genießen, seine eigenen Rechte nicht kennt und auch nicht wahrnehmen kann, gleichzeitig auch kaum wirtschaftliche Perspektiven hat, obwohl Nigeria rohstofftechnisch gesehen ein sehr reiches Land ist, kommt es bei den wenigsten Menschen an.

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Und wenn dann die Perspektiven sehr gering sind und man sich dann innerhalb seines eigenen Settings einem normalen oder gefühlt normalen Prozedere unterwirft, nämlich ein Juju zu machen – das gibt es in Nigeria auch, um Fußballspiele zu beeinflussen, also das ist dort üblich –, dann fühlt man sich erst mal gar nicht als Opfer, sondern man macht ein normales Geschäft und hofft, dass man in Europa in einem Friseursalon oder in einer Bar oder als Hausmädchen arbeiten kann, also da wird noch gar nicht von Prostitution gesprochen.

Frauen werden von "Madames" weiterverkauft

von Billerbeck: Glauben eigentlich diese Zuhälterinnen – Sie haben ja gesagt, es sind meistens Frauen – selbst an diese Geister, oder benutzen sie diesen Glauben nur?

Kolbe: Das kann ich Ihnen natürlich jetzt gar nicht so genau sagen, weil man mit denen wenig spricht, außer vor Gericht, aber letztendlich gehen wir davon aus, dass die das sehr ernst nehmen. Das sind ja Praktiken, die dann von Priestern durchgeführt werden, und ich gehe davon aus, dass die tatsächlich das auch so wahrnehmen und für die das genauso zählt. Natürlich nutzen sie das, um die Macht zu erhöhen und aus ökonomischen Zwecken.

von Billerbeck: Leben diese Madames, so haben Sie sie ja auch bezeichnet, eigentlich in Nigeria, oder sind die auch hier in Deutschland?

Kolbe: Sie werden Madames überall finden. Es kann auch sein, dass ein Opfer von Madame zu Madame weiterverkauft wird, und die Madames sind wahrscheinlich in ganz Europa, aber auch in Nigeria. Letztendlich ist es so, dass die Madame auch nicht in der unmittelbaren Nähe eines Opfers lebt oder tätig ist, sondern irgendwo. Ein Beispiel: Die Frau muss in Aachen auf den Straßenstrich gehen, und die Madame sitzt irgendwo in den Niederlanden und bekommt das Geld, ohne jemals persönlichen Kontakt mit dem Opfer zu haben.

von Billerbeck: Wie kann man denn nun diesen Frauen als Sozialpädagogin oder als Streetworker helfen?

Kolbe: Zunächst geht es erst mal darum, dass wir erkennen, dass es diese Opfer gibt. Das ist ganz schwierig, weil sie gelernt haben, niemandem zu vertrauen. In unserer Arbeit vor allem machen das Kolleginnen, weil Männer hier letztendlich zur vermuteten Tätergruppe gehören. Die Täter sind weiße europäische Männer in ganz Europa, die die Frauen für wenig Geld sexuell letztendlich erniedrigen, missbrauchen und vergewaltigen. Dementsprechend ist es sehr schwierig, als Mann erst mal überhaupt eine Vertrauensebene aufzubauen.

Nigerianerinnen haben kaum Chancen auf Asyl 

In der Regel sind es Kolleginnen in der Streetwork, die Safe Houses anbieten, insbesondere jetzt in Städten wie Karlsruhe. Dort wird über lange Beratungsprozesse Vertrauen aufgebaut, und dann wird versucht, den Frauen irgendwelche Auswege zu bieten, die gar nicht so viele sind, da die Frauen asylrechtlich kaum Perspektiven haben. Nigerianer haben im Schnitt so zwischen sieben und zehn Prozent, wenn überhaupt, Chancen, einen positiven Asylbescheid zu bekommen. Das ist sehr gering, das funktioniert vor allem über Vertrauen und dem Ausweg aus dieser Zwangsprostitution, und dann zu versuchen, Ausbildungen zu schaffen, Ausbildungen zu finden oder im Asylverfahren durch andere ausländerrechtliche Aspekte eine Bleibeperspektive zu erwirken.

von Billerbeck: Ist es eigentlich für Helferinnen aus dem kirchlichen Umfeld, also katholisch oder evangelisch, leichter, an die Frauen heranzukommen?

Kolbe: Ja, dadurch, dass die Frauen sehr religiös geprägt sind, und man kann ihnen nicht die Religiosität nehmen, das ist ihr Recht, und es ist auch ihre Strategie, mit dem Leben klarzukommen. Das ist für sie also auch wichtig, religiös zu sein. Auch wenn die Religion oder Spiritualität hier zu ihrem Nachteil vorerst genutzt wird, kann die Religiosität auch genutzt werden oder ihnen helfen, um da rauszukommen.

Religiöse Helferinnen können beispielsweise den Frauen zeigen, dass in unserem Land Religion zunächst hauptsächlich positiv bewertet ist und man gemeinsam beten kann, man gemeinsam Feste feiert und es eine Gemeinschaft anbietet, und diese Gemeinschaft kann dann eben diesen Ausweg auch anbieten.

von Billerbeck: Sie haben ja gesagt, es ist ganz schwer, da einen Asylweg zu finden. Wie können Sie konkret helfen?

Kolbe: Konkret hier helfen heißt erst mal, dass man Sicherheiten anbietet, dass man eine Vertrauensperson entwickelt oder Vertrauenspersönlichkeit entwickelt für die Frauen. Wenn sie denken, dass sie niemandem vertrauen können, stellen Sie sich das mal vor, und dann ist doch jemand da, der sagt, ich werde dir nicht schaden und ich werde dich begleiten zu den Behörden, ich werde dich begleiten zur Polizei, um Aussagen zu machen, ich werde dir einen Anwalt oder eine Anwältin besorgen. Allein dieses fördert das Vertrauen und auch die Sicherheit und die Möglichkeiten, mit Stress und Angst umzugehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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