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Profil / Archiv | Beitrag vom 25.06.2007

Gewalt als Ausdruck von Nähe

Nachwuchsregisseur Jan Bonny und sein Film "Gegenüber"

Von Christian Geuenich

Mann schlägt Frau (Stock.XCHNG / Per Hardestam)
Mann schlägt Frau (Stock.XCHNG / Per Hardestam)

Mit seinem ersten Langfilm ist der 28-jährige Regisseur Jan Bonny schon nach Cannes eingeladen worden. Für seinen Kinofilm <papaya:link href="http://www.gegenueber-film.de/" text="&quot;Gegenüber&quot;" title="Der Film Gegenüber" target="_blank" /> ist er dort in einer Nebenreihe mit einer "lobenden Erwähnung" ausgezeichnet worden. Im Gegensatz zu anderen Erstlingsfilmen hat sich der Kölner für sein Debüt ein äußerst beklemmendes Thema vorgenommen.

Filmausschnitt:
Georg: "Weißt du, ich will dir doch nur helfen, dass wir einen schönen Abend haben."
Anne: "Bitte lass mich doch los. Mit dir will ich keinen schönen Abend haben. Ich hab ja ganz vergessen, du bist ein Held. Erzähl denen doch mal, wie es bei dir zu Hause so ist. Tschuldigung."

"Diese Gewalt ist natürlich ein Kern der Geschichte, an dem sich die Geschichte immer wieder neu entzündet, aber es geht viel mehr um Liebe und Isolation und Abhängigkeit und die Veränderung von Liebe über die Jahre."

Jan Bonnys Kinodebüt "Gegenüber" zeigt das beklemmende Ehedrama zwischen dem Polizisten Georg und der Grundschullehrerin Anne. Hinter der bürgerlichen Fassade bekommt Anne immer wieder aggressive Ausbrüche. Ihr harmoniesüchtiger Mann Georg nimmt die Schläge und Tritte mit Händen, Schuhen oder einem riesigen gläsernen Salzstreuer stumm hin, seine beschwichtigende Passivität treibt die Eskalation sogar noch voran.

"Die häusliche Gewalt ist natürlich wichtig in diesem Film, die ist ein Teil der Kommunikation der beiden, ist ein ganz wesentlicher Teil der Körperlichkeit der beiden. Also diese Gewalt ist nicht nur Gewalt, die steht ja für viel mehr, die ist ja auch ein Art von Nähe und ein Ausdruck für ganz vieles."

Nein, Autobiographisches habe er nicht im Drehbuch verarbeitet, erzählt der fast zwei Meter große Nachwuchsregisseur mit den dunklen Haaren und der Künstlerbrille kopfschüttelnd. Vielmehr sei er durch eine kleine unscheinbare Zeitungsmeldung auf das Thema aufmerksam geworden. Darin stand, dass nach einer dänischen Studie Männer fast genauso oft Opfer von Gewalt in Beziehungen werden wie Frauen.

"Dann bin ich halt ein bisschen stutzig geworden, dachte, das ist ja interessant, so eine ungewöhnliche Meldung, in ner winzig kleinen Größe. Und dann hab ich mich schlau gemacht, gerade im Internet, wo es leichter ist, sich anonym zu äußern. Und es ist einfach nicht so, dass es nur so vorkommt, wie wir uns das einfacherweise vorstellen."

Jan Bonny ist in Düsseldorf geboren und zur Schule gegangen. Seine holländische Mutter arbeitet als Lehrerin, sein Vater als Journalist. Nach Abitur und Zivildienst geht Bonny nach New York, wohnt bei Verwandten und Bekannten, möchte erst einmal raus, etwas anderes sehen. Geplant hatte er dort eigentlich ein Praktikum bei einem Architekten, aber:

"Wir haben uns nicht verstanden, und dann musste ich was anderes machen, und dann hab ich mit Film angefangen im Prinzip. Kaffee holen, Kaffee kochen, Brötchen schmieren, und dann jeden einzelnen Pipi-Job gemacht, den es da gibt, das war unheimlich hilfreich und lehrreich. Und dann hab ich halt endlos viele Studentenfilme, Musikvideos, Werbung mitgemacht in verschiedenen Positionen."

Nach einem Workshop an der New York Film Academy hat er sich dann entschieden, Regie an der Kunsthochschule für Medien in Köln zu studieren. Mit dem Drehbuch zu "Gegenüber" hat er dort im letzten Jahr sein Diplom gemacht, dazwischen viele Werbefilme gedreht. Er habe nicht gegen seine Eltern rebellieren müssen, um Filmemacher zu werden, erzählt Jan Bonny.

"Ich bin halt einfach gerne ins Kino gegangen, ich komm halt eher von der Seite, dass ich gerne ins Kino gegangen bin, immer noch, ich könnt den ganzen Tag ins Kino gehen."

Natürlich habe er Filme gesehen, die bei ihm einen entscheidenden Eindruck hinterlassen haben, bei denen er gemerkt habe, welche Kraft Kino auf den Zuschauer ausüben kann.

"Ich hab irgendwann, da war ich 15 oder 16, hab ich diesen Wong-Kar-Wai-Film gesehen 'Fallen Angels' (1997), mag man jetzt finden wie man will, aber das war so ein Moment, als ich den gesehen hab, danach kam ich aus dem Kino raus und dachte, mein Gott, Kino ist ja irre. Das war so was Unerhörtes, was ich damals noch gar nicht gesehen hatte, fand ich unheimlich stark, so ähnlich ging es mir auch, als ich 'Dolce Vita' gesehen habe. Also es gibt so Momente, wo es dich umhaut und das kann dann nur Kino und dann denkt man sich, na gut, das möchte man auch können."

Inzwischen kann er es. Und auch wenn er bei der Weltpremiere seines Debütfilms in Cannes von der französischen Filmkritik mit Lob überschüttet worden ist, den Trubel um seine Person versteht der 28-Jährige trotzdem nicht. Er führe ein normales Leben, pflanze Tomaten auf seiner Dachterrasse, treffe Freunde in Kneipen, gehe ins Freibad, spiele auch mal Fußball. "Was man halt so macht", ist seine Antwort. Und er ist froh, dass er mit seiner Freundin, die beim Kinderfernsehen arbeitet, auch über Themen abseits der Filmbranche reden kann.

"Wenn du nicht in irgendeiner Form mehr am Leben teilnimmst als bloß am Filme machen, dann kann es auch ganz schön freudlos sein. Filmemachen das dreht sich ja ums Leben, also musst du auch dran teilnehmen.""

Jan Bonny wohnt zwar inzwischen in Köln, ist aber immer noch häufig in seiner Heimatstadt Düsseldorf. Gerade hat er hier noch einen alten Freund getroffen, nach dem Interview muss er los, seiner Mutter beim Entrümpeln der Wohnung helfen. Die Bodenhaftung hat der Nachwuchsregisseur auch durch seine Einladung nach Cannes nicht verloren.

"Wenn du Filme machst, dann hast du es nie geschafft, das hast du einfach nicht. Du hast einen Film geschafft, wenn du aber einen gemacht hast, dann kommt der nächste und du wirst nie einen Film machen, mit dem du es geschafft hast."

Ideen für seinen nächsten Film hat Jan Bonny jedenfalls schon.

"Ich hab so das Gefühl, ich würde gerne eine ganz klare Liebesgeschichte machen, über Liebe als unmögliche Kraft, so der Klassiker, die Liebe, die Berge versetzt, weil viele deutsche Filme, die sich mit Liebe beschäftigen, die beschäftigen sich ja weniger mit Liebe als mit Beziehung und das sind dann doch zwei verschiedene Sachen."

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