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Zeitfragen | Beitrag vom 04.05.2021

Gesunkene Kriegsschiffe in der NordseeDie schwierige Entsorgung explosiver Altlasten

Von Marko Pauli

Philipp Grassel, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Maritime Archäologie im Schifffahrtsmuseum Bremerhaven, hält eine Geschosshülse in seinen Händen. (picture alliance / Carmen Jaspersen)
Erforschung von Hinterlassenschaften aus Kriegszeiten: Unterwasser-Archäologe Philipp Grassel mit Geschosshülse. (picture alliance / Carmen Jaspersen)

Munition, Treibstoff, Öle - auch über 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sondern gesunkene Kriegsschiffe Giftstoffe ab. In der Nordsee werden rund 120 solcher Wracks vermutet. Dass sie auch Seemannsgräber sind, erschwert die Bergungsarbeiten.

Drei Torpedos treffen den Kreuzer SMS Mainz. Die Besatzung öffnet die Flutventile, damit das Schiff nicht in die Hände der Briten fällt. Das Kriegsschiff der Kaiserlichen Marine sinkt mitsamt den Gefallenen vor der Küste Helgolands – es ist das erste Gefecht im offenen Meer zu Beginn des ersten Weltkriegs. Der 28. August 1914 endete mit einem Sieg der britischen Truppen.

Die SMS Mainz ist eines von geschätzt 120 Kriegswracks, die auf dem Grund des deutschen Teils der Nordsee vermutet werden. 107 Jahre nach ihrem Untergang will sich ein Forschungsschiff aufmachen um herauszufinden, wie viel Munition sich noch an Bord befindet und wie giftig diese ist.

Doch die Forschenden müssen erst einmal warten, wie das Audio-Logbuch von Cornelia Riml, einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin an Bord zeigt.

"Montag, 5. April 2021, die Prognose für morgen, also für Dienstag, lautet: Windstärke 10, Wellen von 7 bis 8 Metern. Bei diesen Bedingungen ist an eine Ausfahrt nicht zu denken. Laut Wetterbericht soll sich das Wetter bis Mittwoch-Nachmittag zumindest so weit bessern, dass wir Mittwoch auslaufen könnten und dann gegen Abend das Wrack westlich von Helgoland erreichen, damit könnten wir dann mit den Arbeiten am Donnerstag beginnen. Aber ob das wirklich möglich ist, das wird sich erst zeigen."

Toxikologische Untersuchungen

Die zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie die zwölf Crewmitglieder müssen in Bremerhaven ausharren. Erst drei Tage später hebt sich die Stimmung.

"Donnerstag, 8. April 2021. Es ist 5:30 Morgen und ich stehe an Deck der Heincke, es ist alles noch ruhig und verschlafen, aber wir befinden uns endlich im Aufbruch. Wir erreichen gleich die Schleuse, das bedeutet, danach geht es weiter in die Außenweser und dann weiter in die Nordsee, wo wir dann endlich die Wrackposition westlich von Helgoland anpeilen können." 

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Am Wrack angekommen, beginnen tags darauf die Arbeiten. Es geht darum, Proben zu sammeln und diese toxikologisch zu untersuchen: Wie stark sondert das versenkte Schiff Giftstoffe ab – bestehend aus Kriegsmunition, Treibstoff oder Ölen.

"Wir nehmen Wasserproben aus verschiedenen Tiefen, wir nehmen Sedimentproben entlang des Wracks, wir bringen ‚Lander‘ aus, das sind Metallgestelle, die neben das Wrack abgesetzt werden, die man mit Messgeräten, aber auch zum Beispiel mit Miesmuscheln bestücken kann, die dann einige Wochen später wieder geborgen werden", sagt Expeditionsleiter Matthias Brenner.

Muscheln als Messinstrumente

Muscheln eignen sich als lebendige Messinstrumente. Sie bleiben, wo sie sind und ernähren sich von dem, was sie umgibt, sagt der Meeresbiologe des Alfred-Wegener-Instituts. 

"Muscheln sind Organismen, die aus der Wassersäule filtrierend sich ernähren und dabei nehmen sie auch Schadstoffe auf, die im Umgebungswasser sind. Und weil sie sich nicht wegbewegen können, reflektieren sie das, was in der Umgebung stattfindet", erklärt er.

"Sollten sich Explosivstoffe aus der noch vorhandenen Munition der Mainz lösen und ins Wasser gehen, ist es relativ wahrscheinlich, dass die Muscheln das auch mit aufnehmen, und die können das sogar akkumulieren, das heißt anreichern in ihrem Körper. 

Die Muscheln sollen bei einer späteren Fahrt zur Mainz wieder geborgen werden. Sie landen, wie die anderen Proben auch, in einem Labor in Kiel. Die aufwendige Analyse nach Giftstoffen dauert mehrere Monate – erst im Sommer erwartet Matthias Brenner Ergebnisse. 

Wrackteile aus dem Ersten Weltkrieg

"Wir haben in direkter Nähe des Wracks auch gefischt nach Plattfischen die wir untersuchen wollen, und wir haben die Taucher zum Wrack geschickt."

Das Wrack der Mainz liegt in 32 Meter Tiefe. Der Seegang hat nur drei Tauchgänge erlaubt und die Bedingungen unter Wasser waren schlecht: Ein Meter Sichtweite war noch das Maximum, berichtet Sven Van Haelst, Maritimarchäologe und Forschungstaucher aus Belgien.

"Mit der schlechten Sicht war es natürlich ganz schwierig sich zu orientieren auf dem Wrack. Was wir gesehen haben sind große Wrackteile - das Schiff war schon zerstört, als es unter ging im Ersten Weltkrieg, aber seit den 100 Jahren, die es dort ist, fällt es auseinander", berichtet Sven Van Haelst.

"Und dann ist es manchmal schwierig sich zu orientieren mit einer Sicht von nur einem Meter. Aber wir haben Räder gesehen und die elektrische Verkabelung und einen Menschen, aber wir haben in diesen Tauchgängen keine Munition gefunden."

Gesunkene Schiffe sind auch Kriegsgräber

Die Historiker, die die Expedition mit vorbereitet haben, gehen davon aus, dass sich auf der SMS Mainz noch einiges an Munition befindet. Die zu bergen sei hier und an anderen Wracks jedoch nicht ohne weiteres möglich, sagt Expeditionsteilnehmer und Unterwasser-Archäologe Philipp Grassel.

"Es handelt sich dabei immer noch um Kulturgüter, auch um Seemannsgräber oder um Kriegsgräber. Es ist rein rechtlich und moralisch nicht so einfach, da irgendwas abzubergen oder rauszureißen oder zu sprengen. Wollen wir auch gar nicht. Das wäre etwas, was man politisch entscheiden müsste: Wie geht man mit diesen Altlasten um? Wenn sie im Wrack liegen, wie kann man Denkmalschutz, aber halt auch Totenruhe, und aber auch die Notwendigkeit, eine gefährliche Substanz zu bergen verbinden?"

Eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Aber da sind nicht allein die Kriegswracks: Vor den deutschen Küsten liegen Hunderttausende Tonnen an Seeminen, Torpedos und Bomben, um die man sich bisher nur unzureichend gekümmert hat.

In der Ostsee etwa in der Lübecker Bucht und vor allem in der Kolberger Heide, nordöstlich der Kieler Förde. In der Nordsee gibt es Hotspots zwischen Wangerooge und Wilhelmshaven und bei Helgoland. Die Forschung in der Nordsee wird erst jetzt finanziert. Und die alte Munition bleibt nicht einfach dort unten: Sie vergiftet die marine Umwelt und die Nahrungskette, sie explodiert unerwartet oder entzündet sich in den Händen von Spaziergängern, die meinen, Bernstein gefunden zu haben, tatsächlich aber weißen Phosphor halten. 

"Wenn man’s da reinschmeißt, kommt's halt einfach nach ner Weile zurück. Was ich reinschmeiße geht nicht weg, sondern es kommt wieder, meistens als Überraschung und die ist häufig nicht besonders toll, die Überraschung."

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