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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 07.08.2011

Gesundheitsrisiken durch Klimawandel

Die bedrohlichen Veränderungen liegen im Kleinen

Von Sigrun Damas

Der Klimawandel hat bereits folgenreiche Veränderungen in der Tier- und Pflanzenwelt Mitteleuropas bewirkt. (AP)
Der Klimawandel hat bereits folgenreiche Veränderungen in der Tier- und Pflanzenwelt Mitteleuropas bewirkt. (AP)

Heiße trockene Sommer, milde regenreiche Winter. Der globale Klimawandel hat begonnen und hat Auswirkungen auf den Menschen und seine Gesundheit. Hoch allergene Pflanzen, tropische Mückenarten, aggressive Bakterien – Gesundheitsbehörden wie das Robert-Koch-Institut warnen vor den neuen Gefahren. Wer die Veränderungen sehen will, muss aber genau hinschauen. Sie beginnen im Kleinen.

Herbert Voigt, Ökologe: "Wir haben längere Trockenphasen, wenn es regnet, regnet es richtig heftig. Das heißt, hier tauchen Pflanzen auf, die hier früher nie hätten leben können. Und einige dieser Pflanzen sind aggressiv."

Randolf Brehler, Allergologe: "Wir haben mehr Pollen und wir haben durch Klimaänderungen auch einen früheren Pollenflug. Was wir beobachten ist, dass die Allergiker immer früher im Jahr Probleme bekommen und dass die Pollenbeschwerden immer später zu Ende sind."

Norbert Becker, Mückenforscher: "Es wird die Zahl der Mücken zunehmen, und es wird auch die Zahl der Erkrankungen zunehmen."

Alles scheint friedlich in den Auewäldern des Oberrheins. Norbert Becker ist auf Streifzug. Wie so oft in den Sommermonaten. Zahlreiche Mücken surren um ihn herum. Aber das ist ihm nicht lästig, sondern höchst willkommen. Norbert Becker ist Mückenforscher. Seit über 30 Jahren. Und in den Anfängen sogar mit hohem persönlichen Einsatz:

"Es waren sehr gute Messungen, die ich gemacht habe in meinen jungen Jahren als Wissenschaftler. Man hat eine Glocke aufgehängt, wie eine Käseglocke kann man sich das vorstellen, und der Tester stellt sich unter die Glocke, zwei Minuten. Nach zwei Minuten runtergelassen. Wenn man das jede Stunde macht, kann man auch was sagen über das Stechverhalten der Mücken. Wann die Mücke sticht bei welchen Temperaturen, bei welcher Luftfeuchte."

Blutsauger-Monitoring am eigenen Leib. Heute gibt es Kohlendioxid-Fallen, um die Stechmücken einzufangen, und Norbert Becker ist inzwischen Privatdozent für Insektenkunde an der Universität Heidelberg. Seine jahrelangen Messungen lassen keine Zweifel zu: Stechmücken breiten sich in Deutschland aus.

"Was wir feststellen können, ist, dass die Zahl der Mücken an Arten zugenommen hat. Und seit drei Jahren haben wir einen Neuzuzug, eine Mücke mit Migrationshintergrund sozusagen - der japanische Buschmoskito."

Der Buschmoskito in Baden. Die Malaria-Mücke Anopheles in Bayern. Neue Mückenarten werden hierzulande heimisch. 48 Arten gibt es jetzt in Deutschland, so viele wie nie zuvor. Und neue Arten bringen neue Krankheiten. Tropische, wie Malaria, Dengue, West-Nil-Fieber. Eingeschleppt werden die fremden Blutsauger durch den internationalen Reise- und Güterverkehr. Der Klimawandel sorgt dann dafür, dass sie bleiben und hier Fuß fassen. Denn es wird wärmer und feuchter, auch in Deutschland. Es gibt häufiger starke Regenfälle und Hochwasser. Ideale Brutbedingungen für Mücken:


"Weil die immer bei Hochwasser aus den Eiern schlüpfen. Zum Zweiten die Temperatur: Wenn die um 1,5 Grad ansteigt, da geht die Mückenentwicklung im Wasser viel schneller. Und die Parasiten, die hier eingeschleppt werden: Malaria oder Plasmodien, Viren – die können sich auch in den Mücken schneller entwickeln, je wärmer es ist."

Warmer Winter, feuchtes Frühjahr. Im vergangenen Jahrhundert ist die durchschnittliche Jahrestemperatur um rund ein Grad Celsius gestiegen. Nicht nur Mücken gedeihen dank dieser Klimaänderungen prächtig, sondern auch Zecken. Auch sie bedrohen die Gesundheit des Menschen, übertragen FSME, eine gefährliche Hirnhautentzündung und Borreliose, eine tückische Rheuma-ähnliche Krankheit. FSME und Borreliose – Krankheiten, die in Zukunft immer mehr Menschen treffen werden, prognostiziert Insektenkundler Norbert Becker zum Abschied noch. Das sei sicher.

Kleinste Veränderungen im Tier- oder Pflanzenreich. Mit großen Auswirkungen für den Menschen. Auch Herbert Voigt beobachtet sie seit einigen Jahren. Er leitet den Botanischen Garten der Universität Münster, ist täglich im Gelände. In wenigen Jahrzehnten haben sich Blütezeiten verschoben, sagt er, sind neue Pflanzen- und Tierarten eingewandert, wie zum Beispiel der Eichenprozessionsspinner:

"Vor 20 Jahren hatten wir den gar nicht hier, oder hin und wieder hat man mal einen gefunden. Und mittlerweile kann man also Eichen finden mit Zehntausenden von Eichenprozessionsspinnern. Er kommt vom Süden so langsam hoch gewandert. Seit einigen Jahren fällt das auf. Und in diesem findet man sehr, sehr viele."

Der Eichenprozessionsspinner ist ein Falter. In Scharen fällt er über Eichenbäume her. Prozessionsartig wandern dann Zehntausende der kleinen Tiere an den Bäumen hoch. Und zerstören ihn auf lange Sicht. Auch dem Menschen kann der Falter sehr gefährlich werden.


"Die Raupen, die haben so kleine Härchen – und wenn die abbrechen, die sind hoch allergen für den Menschen. Die setzen sich in die Schleimhäute, Augen, Nase, Mundhöhle und so weiter."

Eine neue Gefahr – durch einen neuen Schädling. Aber nicht nur kleinste Tiere wie Mücken, Zecken und solche Falter rücken dem Menschen zu Leibe, sondern auch bestimmte Pflanzen. Sie produzieren aggressive Säfte, die auf der Haut Verbrennungen auslösen, wenn Sonnenlicht hinzukommt. Phototoxische Reaktion, wie der Experte sagt:

""Sicher ist, dass es sich intensiviert. Ob der Pflanzensaft intensiver geworden ist, ob die UV-Strahlung sich verändert hat, das weiß ich nicht. Die Bekannteste ist der Riesenbärenklau oder Herkulesstaude, kennt wahrscheinlich jeder. Der Pastinak gehört dazu, diese gelbe Möhre. Es gibt einige. Und allein schon durch das Durchgehen breche ich die Stielchen ab, und dann krieg ich den Saft auf die Haut. Man merkt es erst, wenn es juckt, und das Bläschen schon da ist. Und wenn man wirklich intensiv Kontakt hatte – gesetzt den Fall, man war mal mit der Badehose da oder im Bikini, - dann kann das wirklich bis ins Bindegewebe gehen, also bis zu Verbrennungen dritten Grades."

Verbrennungen am Badesee. Oder im Kleingarten. Aber diesen Pflanzen kann man zur Not noch aus dem Weg gehen. Bei Pollen geht das nicht. Allergiker können ein Lied davon singen. Seit einigen Jahren haben sie einen neuen Feind: die Beifuß-Ambrosia. Ihre Heimat ist eigentlich in Zentralasien und Australien, denn sie liebt es warm und feucht. Aber inzwischen fühlt sie sich auch hier in Deutschland wohl. Wuchert und wächst – und verstreut ihre gefährlichen Pollen.


"Die Allergene, die die Ambrosia hat, sind sehr, sehr aggressiv. Sodass eigentlich jeder Mensch darauf reagieren würde. Und bei sensiblen Personen kann das bis zum anaphylaktischen Schock führen. Wenn man mit der Ambrosia arbeitet oder sie vernichten will, sollte man auf jeden Fall Mundschutz tragen oder besser auch noch Handschuhe. Dann sollte man sie nach dem Ausreißen nicht auf den Kompost schmeißen, sondern im Restmüll entwerten."

Wem die Pollen übel mitspielen, der landet hier: Beim Lungenfunktionstest in der Allergologie des Universitätsklinikums Münster. Seit Jahren steigen die Zahlen der Allergiker rasant, und das nicht nur hier. Schon jeder fünfte Deutsche reagiert heutzutage allergisch, die meisten gegen Pollen.

Zunehmend trifft es junge, eigentlich gesunde Menschen. Wie Nouredine Boulouh, Marokkaner und seit neun Jahren in Deutschland:

""Das Gefühl war, dass jemand mich so – würgt. Ich krieg keine Luft, ich bin müde. Wohne ganz oben, 4. Stock, ich kann nicht einkaufen – obwohl ich noch jung bin und Sportler. Man merkt wirklich, dass der Körper nicht mitmacht."

Allergien zu behandeln, wird immer schwieriger. Dafür hätten die klimatischen Veränderungen gesorgt. Das bestätigt Randolf Brehler. Der Arzt leitet die Abteilung für Allergologie in Münster. Die Pollenflugphasen dauerten heute länger als noch vor einigen Jahren. Vor Kurzem musste deswegen sogar der Pollenflugkalender umgeschrieben werden, der Anfang und Ende einer Pollensaison als Hilfe für Allergiegeplagte auflistet.

Und noch etwas sei neu. Komme eine Allergie, komme auch schnell die nächste:

"Wir haben den zunehmenden Trend, dass die Patienten nicht nur gegen Milben und Graspollen reagieren, sondern dann auch noch gegen Birke, Erle, Hase, gegen Tierepithelien. Das heißt, der multisensibilisierte Patient nimmt zu. Und der ist schwerer behandelbar."

Aber der Klimawandel hat nicht nur Auswirkungen in der sichtbaren Tier- und Pflanzenwelt. Sondern auch auf mikroskopischer Ebene. Bakterien und andere Keime lieben es warm. Beforscht und beobachtet werden sie am Institut für Hygiene der Universität Münster, Referenzlabor auch für den gefürchteten EHEC-Keim. Steigen die Temperaturen langfristig an, bleibt das nicht folgenlos in der Welt der Bakterien – und auch nicht für die Gesundheit des Menschen:

"Lebensmittelinfektionen zeigen immer einen sehr deutlichen Zusammenhang mit der Außentemperatur. Wir finden gerade bei Salmonellen und auch bei Campylobacter in den Sommermonaten vermehrt Infektionen. Das bedeutet, wenn die Phasen der Hochtemperatur zunehmen, wird sicherlich auch die Infektionsrate mit diesen Keimen steigen."

Sagt der Umwelthygieniker Werner Mathys. Der Klimawandel beflügelt das Keimwachstum. Das zeigt sich nicht nur auf dem Teller, sondern sogar am Badestrand:

"Es gibt einen Keim, der auf den Menschen wirken kann, der einen ganz klaren Temperaturzusammenhang zeigt. Das ist der Vibrio vulnificus. Das ist ein Keim, der ab 20Grad beginnt, sich zu vermehren. Und er kann sehr schwere Wundinfektionen auslösen, die bis zu einer Sepsis führen und auch Todesfälle auslösen können. Wir haben auch Berichte von der Ostseeküste, dass dort solche Infektionen in Einzelfällen dann auftreten."

Mit einer offenen Wunde oder auch nur einem Schnitt im Finger sollte keiner baden gehen in der Ostsee, rät Werner Mathys. Und nicht nur er:

"Wenn man die Empfehlungen des Umweltbundesamt sieht, da heißt es: Besonders ältere Leute mit einer schlechten Immunlage, sollten bei diesen hohen Temperaturen mit offenen Wunden nicht in das Wasser zum Baden gehen. Das wissen die in der Regel aber nicht."

Aber damit nicht genug. Der Forscher kennt noch andere zum Teil tödliche Keime und Krankheiten, die infolge des Klimawandels auf dem Vormarsch sind: Leptospiren und die Hasenpest. Das Hantavirus. Und er wundert sich ein wenig, dass viele Menschen mehr Angst haben, zum Beispiel vor Weichmachern aus der Plastikflasche, als vor Bakterien.

"Es findet ja in der Bevölkerung eine falsche Risikobewertung statt. Dass man mehr Angst hat vor chemischen Umweltstoffen und eigentlich vergessen hat, dass die Bakterien der Killer Nummer eins sind."

Und dieser Killer werde auch auf lange Sicht die Oberhand behalten:

"Die Mikroben werden uns immer einen Schritt voraus sein. Und sie werden sicherlich auch die Veränderungen des Klimawandels nutzen, um ihren Lebensraum zu festigen. Davon müssen wir ausgehen."

Der Klimawandel hat gerade erst begonnen!

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