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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 18.07.2014

GesundheitspolitikGebären – mehr als Kinderkriegen

Die Gesellschaft schürt unnötige Ängste bei Schwangeren, Hebammen können diese objektivieren

Von Katharina Jeschke

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Schwangere mit Blumenstrauß in einem Getreidefeld
Schwangere mit Blumenstrauß: Frauen verbinden mit dem Thema Geburt viele Ängste.

Hebammen sind Wächterinnen und Schützerinnen der Frauen, sagt Katharina Jeschke, die selbst als Hebamme arbeitet. Damit ihre Berufsgruppe nicht ausstirbt, müsse ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden.

Angst ist kein guter Ratgeber, wenn es um richtungsweisende Entscheidungen geht. Angst als Grundlage der Frage, wo ein Kind zur Welt kommen soll, führt nicht zu einer individuellen und guten Entscheidung. Angst als Basis für gesetzliche Strukturierung ermöglicht schlussendlich den Frauen keine individuelle und angstfreie Entscheidungsfindung.

Schwangerschaft und Geburt sind von Natur aus kein Notfall, sie sind nicht fehleranfällig. Notfälle sind selten. Sie müssen dann von den helfenden Fachpersonen beherrscht werden. Aber sie kommen nicht per se vor. Hebammen und Geburtshelfer erleben diese im prozentualen Promillebereich.

Wir haben in Deutschland eine gute medizinische Grundversorgung, Frauen mit einer hervorragenden Ernährungsmöglichkeit und einen hohen Hygienestandard – wir haben also die besten Voraussetzungen dafür, dass Gebären ungefährlich ist. Und doch sind viele Frauen voller Angst.

Das Thema Geburt ist in unserer Gesellschaft begleitet von vielschichtigen Ängsten. Sie betreffen die berufliche Lebenssituation, die Angst vor einem behinderten Kind, vor den Schmerzen der Geburt, vor den Aufgaben der Mutterschaft und viele andere mehr. Frauen sind heute, trotz aller medizinischer Sicherheit, ängstlicher denn je.

Entscheidungen auf Basis einer objektiven Aufklärung

Der Mythos der glücklichen, guten Mutter, die Beruf und die Aufgaben der Mutterschaft spielend lächelnd vereinbaren kann, schwebt wie ein Damoklesschwert über den Frauen. Die "Gute Hoffnung", die einstmals mit der Schwangerschaft verknüpft wurde, ist schon lange von den Checklisten der Risikoselektion verdrängt.

Frauen erleben heute eine Schwangerschaft – im Namen einer sogenannten Sicherheit für das Kind – begleitet durch ein eng terminiertes Risikoselektionsverfahren, das in seiner Komplexität und seiner Tragweite nur schwer verständlich ist.

Wenn die natürliche Unsicherheit dieser Lebensphase und gesellschaftlich generierte Ängste zusammen kommen, fehlt den Frauen die nötige Objektivität, um mündige Entscheidungen zu treffen. Dass dies wieder möglich wird, ist Aufgabe der Gesellschaft und zeichnet ein hochwertiges Gesundheitssystem aus: Denn es ist nur dann hochwertig, wenn die Entscheidungen auf Basis einer objektiven Aufklärung erfolgt, die das Gefühl und die ethische Wertigkeit der Betroffenen berücksichtigt.

Wächterinnen und Schützerinnen der Frauen

Dazu gehört auch, dass das gefühlte Risiko einer Geburt in einen validen Kontext gestellt und damit objektiviert wird. Und schlussendlich gehört dazu auch die Erkenntnis, dass niemandem geholfen ist, wenn aus einer Spirale aus Angst, Risikoselektion und Fehlerzuweisung eine Berufsgruppe eliminiert wird, deren Aufgabe es ist, genau diesen Kreislauf mit den Schwangeren zu durchbrechen.

Hebammen sind Wächterinnen und Schützerinnen der Frauen. Diese haben es längst erkannt und genau deshalb stehen sie seit Monaten demonstrierend für die Hebammen ein. Es wird höchste Zeit, dass diese Erkenntnis, sich in der gesetzlichen Strukturierung unseres Gesundheitswesens wieder findet.

Katharina Jeschke, geboren 1971, ist Hebamme und ist seit 1999 als freiberufliche Hebamme in Bremen tätig. 2003 Gründung eines Geburtshauses, Mitarbeit in diversen Gremien. Seit 2011 Mitglied des Präsidiums im Deutschen Hebammenverband – zuständig für die Vergütungsverhandlungen, politische und persönliche Belange, QM-Sicherung und Fehlermanagementverfahren der freiberuflichen Hebammen.

Mehr zum Thema:

Hebammen unter Druck - SPD-Politikerin warnt vor Versorgungsengpässen in der Geburtshilfe (Deutschlandradio Kultur, Interview, 01.03.2014)

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