Samstag, 28.11.2020
 

Länderreport | Beitrag vom 20.10.2020

Gesundheitsämter in BerlinKurz vor dem Corona-Kollaps

Von Benjamin Dierks

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Ein Mann mit Gesichtsschutzschirm deutet mit seiner rechten Hand auf einen Bildschirm. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)
Am Limit: In Berlin klaffen Personallücken in den Gesundheitsämtern. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)

Die zweite Coronawelle ist da. Doch in den Gesundheitsämtern herrscht dramatischer Ärztemangel. Auch weil Mediziner dort vergleichsweise wenig verdienen. Das Beispiel Berlin zeigt: Leidtragende sind die Bürgerinnen und Bürger.

Lukas Murajda winkt der Empfangsdame im Rathaus kurz zum Abschied, dann ist er unterwegs zum Corona-Einsatzzentrum des Berliner Bezirks Mitte. Der Amtsarzt hat sich gerade mit seinen Kollegen aus den anderen Bezirken zur Lagebesprechung getroffen. Während für andere Mitarbeiter der Verwaltung der Feierabend beginnt, geht für Murajda die Arbeit weiter. Etwas anderes lassen die hohen Infektionszahlen in seinem Bezirk nicht zu.

"Ich glaube, es wird noch schlimmer", sagt er. "Im März hatten wir schon bei der Hälfte der Zahlen, die wir jetzt haben, einen kompletten Lockdown. Jetzt haben wir zweimal so viele Fälle, und immer noch passiert nicht sehr viel."

Das wichtigste Mittel: die Nachverfolgung

Mitte hat nach dem Bezirk Neukölln, gemessen an der Bevölkerungszahl, die meisten Neuinfektionen in Berlin. Noch hofft Murajda, dass sich die neue rasante Ausbreitung des Virus eindämmen lässt. Das einzige Mittel ist die Nachverfolgung von Kontakten Infizierter, um die Ansteckung zu unterbrechen.

"Es ist eine Strategie, die schon im Mittelalter funktioniert hat, und sie funktioniert noch immer. Nur sie ist sehr arbeitsaufwendig." Und da liegt Murajdas Problem: Berlins Gesundheitsämter sind unterbesetzt. Momentan erhalten sie Unterstützung vom Robert Koch-Institut, von Freiwilligen und von der Bundeswehr. Auch wurden im Sommer neue Stellen geschaffen, die Ende des Monats besetzt werden können.

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Die Menge allein aber macht es nicht, sagt Murajda. "Man braucht sehr oft fachliche Entscheidungen: Was bedeutet ‚infiziert‘, wann ist jemand infiziert, wann ist jemand ansteckend."

Unattraktive Gehälter

Neues medizinisches Personal sei angesichts der vergleichsweise niedrigen Gehälter schwer zu bekommen, berichtet Murajda, der seit einem Jahr im Amt ist. "Ich habe in diesem einem Jahr erlebt: Drei Kollegen, die bei uns arbeiten wollten, aber nur wegen des Gehalts abgesprungen sind."

Drei Gesundheitsämter in Berlin sind momentan sogar führungslos, weil sie keine leitenden Amtsärzte finden. Gesundheitsfachleute fordern seit Jahren, dass die Ämter besser aufgestellt werden. Catherina Pieroth ist gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.  Sie sagt: "Es geht in erster Linie um die Vergütung der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst. Im Schnitt verdient eine Ärztin, ein Arzt nach wie vor 1000 Euro weniger als eine Ärztin, ein Arzt im Krankenhaus. Und das müssen wir überwinden."

Begründet wird die bessere Bezahlung im Krankenhaus unter anderem mit einer höheren Belastung. In der Krise aber rächt sich das Ungleichgewicht. Die Bundesregierung hat für den öffentlichen Gesundheitsdienst 4 Milliarden Euro zugesagt, die auch helfen sollen, die Gehälter zu heben – allerdings erst im kommenden Jahr.

Probleme auch im Nachbarbezirk

Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf, dem Nachbarbezirk von Mitte, sei die Personalsituation gespannt, sagt der dortige Gesundheitsstadtrat Detlef Wagner (CDU). "Unser Amt ist im Augenblick am Anschlag. Das heißt, wir haben nicht mehr so viele Möglichkeiten zu reagieren. Wir können noch alles nachverfolgen, aber ich habe derzeit 113 Mitarbeiter in der Nachverfolgung, sollten wir die Kante 160 erreichen, wäre eine Nachverfolgung so, wie wir sie jetzt betreiben, nicht mehr möglich."

Schon jetzt beschwerten sich Betroffene, dass sie zwar in Quarantäne versetzt würden, dann aber nichts mehr vom Amt hörten, räumt Wagner ein. Besonders schwierig sei es, wenn Betroffene im Verdacht stehen, dass sie sich in einem anderen Bezirk angesteckt haben, dann aber von ihrem Wohnbezirk betreut werden sollten.

"Dass wir also teilweise Anrufe haben: ‚Vor zehn Tagen hat das Gesundheitsamt Mitte zu mir gesagt, Sie werden sich bei uns melden, wir sitzen hier in Quarantäne wie auf Kohlen und verstehen das nicht‘." Auf Test oder Testergebnisse warteten diejenigen oft lang und mitunter vergeblich.

Schlange stehen für einen Coronatest

In Berlin-Neukölln nehmen viele den Coronatest deshalb selbst in die Hand. An einem Eckhaus in dem belebten Bezirk stehen Menschen in beide abgehenden Straßen hinein Schlange. Sie warten darauf, dass sie ans Fenster der Arztpraxis im Erdgeschoss gerufen werden. Die führt ohne Termine Coronatests durch. Viele der Wartenden berichten, dass sie engen Kontakt mit Infizierten gehabt hätten und selbst Krankheitssymptome zeigten. Damit wären sie eigentlich ein Fall fürs Gesundheitsamt.  

- "Das war ein Abendessen, drinnen, in geschlossenen Räumlichkeiten ohne Maske, mehr als 15 Minuten. Ich habe angerufen und wurde dann darauf verwiesen, dass es am besten ist, selbst im Bezirk zu schauen, wo man sich testen lassen kann."

- "Wir sind ein Architekturbüro und unser Chef wurde gestern positiv getestet."

- "Dadurch, dass man in der Quarantäne zu Hause bleiben muss, brauche ich eine Bestätigung für meinen Arbeitgeber. Und die ist offenbar superschwierig zu bekommen."

Überforderung in Neukölln 

Viele kämen auf eigene Faust zum Test, weil das Gesundheitsamt überfordert sei, berichtet eine Mitarbeiterin. Neukölln ist Spitzenreiter bei der Zahl der Neuinfektionen in der Hauptstadt.

Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) bestätigt den Eindruck vor der Praxis: "Wir haben in Neukölln derzeit eine sehr angespannte Lage im Gesundheitsamt. Das liegt vor allem daran, dass wir einen leichten Rückstau haben, was die Fallermittlung und die Kontaktnachverfolgung angeht." 

Neukölln hat nun angekündigt, dass man sich vor allem um Alte und Vorerkrankte kümmern wolle, die ein besonderes Risiko tragen, schwer zu erkranken oder zu sterben. Im Grunde ist das ein Eingeständnis, dass die Kontrolle über den Ausbruch verloren geht. Wenn sich die Zahl der Ansteckung nicht eindämmen lässt, droht das auch in anderen Bezirken. 

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