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Lesart | Beitrag vom 18.09.2020

Gespräche mit Wilhelm Genazino Lachen zwischen Melancholie und Komik

Von Helmut Böttiger

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Wilhelm Genazino vor einem Bücherregal am Schreibtisch sitzend. (laif /  Isolde Ohlbaum)
Faszinierte sein Publikum immer wieder damit, dass er aus dem Stegreif literarisch und philosophische vieldeutige Situationen entstehen lassen konnte: der Schriftsteller Wilhelm Genazino (1943 - 2018). (laif / Isolde Ohlbaum)

Der 2018 verstorbene Wilhelm Genazino war nicht nur ein großer Schriftsteller, er war auch ein hinreißender Erzähler. Zwei neue Gesprächsbände lassen ihn wieder leibhaftig erscheinen: mit seinen unverwechselbaren Reflexionen und überraschenden Volten.

Wilhelm Genazino ist 2018 im Alter von 75 Jahren gestorben, und wer ihn jemals erlebt hat, weiß, was für ein hinreißender Erzähler er war. Seine Lesungen waren auch deshalb unvergesslich, weil er in den Gesprächspassagen aus dem Stegreif literarisch und philosophisch vieldeutige Situationen entfaltete und das Publikum immer wieder vor Erstaunen glücklich machte. Jetzt sind unabhängig voneinander zwei Bände erschienen, die aus Gesprächen mit Wilhelm Genazino zusammengestellt worden sind. Und das Schönste ist, dass der Autor dabei wieder leibhaftig vor einem erscheint, mit seinem ruhigen, immer etwas verwunderten Rededuktus und dem Lachen, das genau die Balance zwischen Komik und Melancholie aufrechterhielt.

Die beiden Publikationen ergänzen sich sehr gut. Das Bändchen von Ulrich Rüdenauer im wunderbaren Kleinverlag von Ulrich Keicher im schwäbischen Warmbronn versammelt Interviewsituationen aus den beiden letzten Lebensjahrzehnten Genazinos, angefangen mit dem Büchnerpreis 2004 bis zur Entscheidung, den Nachlass ins Marbacher Literaturarchiv zu geben. Während dieser journalistischen Anlässe stellen sich jedoch ständig Genazinos unverwechselbare Reflexionen ein, voller Situationskomik und überraschender Volten.

Weder tritt die Katastrophe ein noch die Erlösung

Warum er nicht in Paris leben möchte zum Beispiel. Für einen Schriftsteller sei das eine Katastrophe: "Die Stadt ist einfach zu aufdringlich." Oder über das Gehen in der Stadt, eine Nummer kleiner, also Mannheim oder Frankfurt: Nach dem vormittäglichen Schreiben stelle sich ein Zustand der "halbermüdeten Aufmerksamkeit" ein, der dichterisch am produktivsten sei.

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Es gibt wenige Überschneidungen mit den anderen Gesprächsnotizen, die Anja Hirsch für die aktuelle Nummer der herausragenden Literaturzeitschrift "Schreibheft" zur Verfügung gestellt hat. Aber diese Überschneidungen – sie betreffen vor allem Genazinos Zeit bei der damals äußerst wichtigen Satirezeitschrift "Pardon" in den Jahren um 1970 – sind hochinteressant, weil Genazino jeweils ganz andere Facetten dieser Ära zum Besten gibt. Anja Hirsch hat sehr viele Interviews mit Genazino geführt, weil sie ihre Dissertation über diesen Autor geschrieben hat, und da geht es sehr ins Detail und ins Anekdotische. Aber es gibt dabei auch einfache und klassische Sätze, die man sich einrahmen lassen möchte: "Weder tritt die Katastrophe ein noch die Erlösung, sondern es kommt der nächste Tag."

Das Ich als schwarzes Loch

Sehr eindringlich sind die Schilderungen der Nachkriegskindheit, der Wort- und Ahnungslosigkeit der Eltern, des ständigen Gefühls des Mangels und der Scham – Ausgangspunkt der äußerst differenzierten emotionalen Entwürfe vieler Genazino-Romane. Auch dass er als 17-Jähriger als Model über den Laufsteg eines Mannheimer Kaufhauses für Herren-Oberbekleidung schritt, wird mit seinen sozialen und psychischen Hintergründen kurz beleuchtet: "Und da standen immer viele junge Mädchen herum, die da hochhimmelten."

Dieser Autor, so sehr er an seine Sozialisation in den fünfziger und sechziger Jahren gebunden scheint, ist zeitlos. Diese Gesprächsbände verführen dazu, noch einmal seine bezwingenden Romane zu lesen. Einmal spricht er wie nebenbei über das "schwarze Loch, das das eigene Ich ist und aus dem man immer wieder gerade herausguckt". So prägnant konnte nur er das sagen.

Ulrich Rüdenauer: "Fast eine Komödie. Gespräche mit Wilhelm Genazino"
Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2020
39 Seiten, 15 Euro

Anja Hirsch. "Der Weg ins Offene. Wilhelm Genazino: Wie ich Schriftsteller wurde. Gespräche."
In: Schreibheft 95
Essen 2020, 15 Euro

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