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Studio 9 | Beitrag vom 23.05.2019

Gespräch mit Judith KerrMan soll Kinder nicht langweilen

Judith Kerr im Gespräch mit Michael Köhler

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Die Buchautorin Judith Kerr mit 95 Jahren an ihrem Zeichentisch (Tolga Akmen / AFP)
Die Buchautorin Judith Kerr mit 95 Jahren an ihrem Zeichentisch (Tolga Akmen / AFP)

Gezeichnet habe sie immer, doch die Schriftstellerei habe sie sich bei drei Männern abgeschaut, erzählte Judith Kerr in einem Gespräch im Oktober 2017. Sie nannte auch einen originellen Grund, warum sich Bild und Text nie doppeln sollten.

Zum Tode von Judith Kerr am 22. Mai 2019 wiederholen wir ein Gespräch aus dem Deutschlandfunk, das Michael Köhler für die Sendung "Information und Musik" im Oktober 2017 in London führte. Lesen Sie im Folgenden einen kurzen Ausschnitt:

Michael Köhler: Wie wurde aus Judith Kerr die Künstlerin und Autorin?

Judith Kerr: Ich habe immer gezeichnet. Ich habe mein ganzes Leben lang gezeichnet. Autorin - ich bin die Tochter eines Schriftstellers, die Frau eines Schriftstellers und jetzt auch die Mutter eines Schriftstellers. You pick things up, da lernt man etwas. Ich habe unglaublich viel von meinem Mann gelernt. Er war besonders gut für den - sagt man Aufbau? - construction. Das ist ja das Wichtigste beim Schreiben.

Köhler: Ihre Kinderbücher fallen Kindern, die lesen lernen oder Englisch lesen lernen, sehr leicht, weil Sie eine einfache Sprache mit kurzen einfachen Sätzen benutzen, die aber manchmal im Widerspruch zum Bild steht. Das ist so ein Trick bei Ihnen.

Kerr: Ja. Als meine Kinder lesen lernten, ist mir aufgefallen, wie unendlich viel schwieriger das ist auf Englisch als auf Deutsch. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich lesen gelernt habe auf Deutsch, ich konnte es einfach. Englisch, o, u, g, h, also all das, das ist doch unglaublich schwierig. Wissen Sie, weil das Lesen so schwer ist, auf Englisch, gab es hier immer so Lesen-Lernen-Bücher. Die waren so langweilig, dass man es gar nicht ausstehen konnte. Und mein Sohn - der war damals, ich weiß nicht, fünf oder sechs - und er kam einfach einmal zu mir, er hatte eins von diesen schrecklichen Büchern, und er sagte: "I am sorry, Mummy, but I cannot read these books anymore. They are too boring."

Köhler: Sie sind zu langweilig, ja.

Kerr: Und ich sagte, ja, sie sind zu langweilig. Und ich sagte, aber du musst doch lesen lernen. Und bevor ich das aussprechen konnte, sagte er: "I am going to learn to read with the 'Cat in the Hat' books." [illustrierte Kinderbücher von Dr. Seuss, d.Red.] Und das hat er auch getan, es war großartig. Und die Bücher waren zum Lachen. Die Sache mit dem "Nicht zu sagen, nicht in Worten zu erzählen, was man schon aus dem Bild sehen kann", das ist auch wegen des Lesens. Denn es ist doch so schwer, auf Englisch zu lesen. Und wenn man da liest, er hatte eine rote Jacke, und da ist ein Bild, und da steht er da mit der roten Jacke, dafür soll man sich so anstrengen? Um etwas zu lesen, was man sowieso schon weiß? Ich habe das immer vor mir. Meine Kinder haben sehr leicht lesen gelernt. Aber es ist furchtbar schwer auf Englisch.

Programmhinweis: Am 30. Mai um 8.05 Uhr sendet Deutschlandfunk Kultur in der Sendung "Kakadu" das preisgekrönte Hörspiel "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" nach dem gleichnamigen Roman von Judith Kerr, eine Produktion von Deutschlandradio Kultur aus dem Jahr 2011. Mit Imogen Kogge, Lotte Arnaszus, Leo Burkhardt, Conny Wolter, Felix von Manteuffel u.a.

Eine Illustration aus Judith Kerrs "Ein Tiger kommt zum Tee" mit Anmerkungen der Zeichnerin, ausgestellt auf einer Wohltätigkeits-Auktion bei Sotheby's in London (Dan Kitwood / Getty)Eine Illustration aus Judith Kerrs "Ein Tiger kommt zum Tee" mit Anmerkungen der Zeichnerin, ausgestellt auf einer Wohltätigkeits-Auktion bei Sotheby's in London (Dan Kitwood / Getty)

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